Würde ist die Sprache des Selbstwertgefühls, nicht des Stolzes

25. Januar 2018 en Emotionen 238 Geteilt
Die eigene Würde wahren - Frau mit blauem Haar

Wer seine Würde wahren will, dem geht es nicht um Stolz. Sie ist ein wertvoller Edelstein, den wir nicht in die Hände anderer geben oder verlieren sollten. Würde ist Selbstwertgefühl, Respekt für sich selbst und Gesundheit. Sie ist die Kraft, die uns wieder aufrichtet, wenn unsere Flügel unter einer Last zerbrochen sind, weil wir dorthin fliehen wollten, wo nichts schmerzt, wo wir der Welt wieder mit aufgerichtetem Kopf begegnen könnten.

Wir können zweifellos behaupten, dass nur wenige Worte so wichtig sind wie das erste im Titel dieses Artikels. Ernesto Sábato sagte vor nicht allzu langer Zeit, dass die globalisierte Welt nicht mit der Würde des menschlichen Wesens gerechnet habe. Wir alle sehen das jeden Tag. Unsere Gesellschaft verwandelt sich allmählich in ein System, in dem wir nach und nach unsere Rechte, Möglichkeiten und Freiheiten verlieren.

„Jenseits des Schmerzes und der Freude, Würde im Sein.“

Marguerite Yourcenar

Es gilt allerdings, einen interessanten Aspekt nicht zu vergessen. Viele Philosophen, Soziologen, Psychologen und Autoren haben versucht, uns Strategien zu vermitteln, um das „Zeitalter der Würde“ hervorzubringen. Sie glauben nämlich, dass es Zeit sei, unsere Identität neu zu definieren, unsere Stimme zu erheben und an unseren Stärken zu arbeiten, um größere Zufriedenheit mit unserer Umwelt zu finden und so einen wirklichen Wandel in dieser ungerechten Gesellschaft zu bewirken.

Menschen wie Robert W. Fuller, Physiker, Diplomat und Pädagoge, haben einen Begriff geprägt, den wir in Zukunft wohl immer öfter hören werden: den des „Rankism“. Dieser Begriff umfasst die Verhaltensweisen, die täglich an unserer Würde zehren: von anderen eingeschüchtert und herablassend behandelt zu werden, das Opfer von starren sozialen Hierarchien zu sein.

Wir alle haben an dem einen oder anderen Punkt in unserem Leben erfahren, wie es sich anfühlt, unsere Würde zu verlieren. Egal, ob es um Misshandlungen in Beziehungen oder einen herabwürdigenden Job geht, immer ist dafür ein hoher Preis zu zahlen. Einen Wandel zu verlangen, für sich selbst einzustehen und für seine Rechte zu kämpfen ist deshalb niemals eine Frage des Stolzes, sondern der Tapferkeit.

Zeichnung einer Frau, die sich das Gesicht verdeckt, in blauer Farbe

Würde bei Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb

Im Jahr 2017 wurde Kazuo Ishiguro, einem britischen Autor japanischer Herkunft, der Nobelpreis für Literatur verliehen. Die Öffentlichkeit kennt ihn hauptsächlich als Autor des Romans Was vom Tage übrig blieb,  welcher die Vorlage für einen außergewöhnlichen Film lieferte. Interessanterweise könnte wohl nicht jeder Leser sagen, was das zentrale Thema seines akribischen und manchmal verärgernden, dabei aber immer hervorragenden Buches ist.

Wir könnten Was vom Tage übrig blieb  als Liebesgeschichte betrachten. Als eine Geschichte über feige Liebe und Wände, in der Liebende sich nie berühren können und nicht fähig dazu sind, irgendetwas anderes als die Person zu sehen, die sie lieben.

Vielleicht sagen manche Leser auch, dass es eine Geschichte über ein Haus und seine Bewohner sei, über Besitzer und Diener. Und darüber, wie ein Edelmann, Lord Darlington, Freundschaft mit den Nazis schloss, während sein passiver Butler beobachtete, wie sein Lord sein Land betrog.

Wir könnten dies und noch viel mehr sagen, denn das ist die Magie des Buches. Aber mehr als alles andere ist Würde das zentrale Thema in Was vom Tage übrig blieb. Es geht um die Würde des Erzählers, der seinerseits der Protagonist der Geschichte ist: Mr. Stevens, Butler von Darlington Hall.

Szene aus "Was vom Tage übrig blieb"

Der ganze Roman beschreibt einen Verteidigungsmechanismus, einen Versuch der Rechtfertigung. Wir begegnen einer Person, die sich durch und für die Arbeit, die sie leistet, gewürdigt fühlt. Allerdings ist diese Arbeit nichts als grausam und absolut unterwürfig. Sie lässt keinen Raum für Reflexion und Zweifel, für das Erkennen der eigenen Gefühle und erst recht nicht für die Liebe.

Aber dann kommt der Zeitpunkt, an dem die Fassade des „großen Butlers“ fällt. Während eines Abendessens wendet sich einer von Lord Darlingtons Gästen an Mr. Stevens, um zu demonstrieren, wie ignorant die unteren Klassen seien. Dabei handelt es sich um einen direkten Angriff auf Mr. Stevens Identität. Der Butler in ihm tritt zurück und macht Platz für den verwundeten Mann, der niemals Würde erfuhr, der unter der Fassade lebt. Für den Mann, der wahre Liebe aufgab, um anderen zu dienen.

So erneuern und stärken wir unsere Würde

Es ist interessant, dass der Leser, der in Büchern wie Was vom Tage übrig blieb  stöbert, sofort erkennt, wie eine bestimmte Person manipuliert wird und wie sie ausgeprägten Selbstbetrug nutzt, um Dinge zu rechtfertigen, die uns irrational erscheinen. Allerdings mögen wir sehr ähnliche Dinge auch in unserem wahren Leben tun – und das sehen wir nicht.

„Würde besteht nicht darin, Ehrentitel zu besitzen, sondern das Bewusstsein zu haben, dass wir sie verdienen.“

Aristoteles

Wir mögen alles für diese Liebe geben, diese verletzende, giftige, ermüdende Beziehung. Tatsächlich lieben wir manchmal blind, aber mit offenem Herzen, ohne zu sehen, wie unser Selbstwertgefühl zerstört wird.

Du kannst diesen schlecht bezahlten Job behalten, in dem du nicht wertgeschätzt wirst. Du kannst dein Leben und deine Würde vernachlässigen. Was könntest du denn sonst tun? Das Leben ist, was es ist, und das Übel, was du kennst, ist das nicht besser als jenes, welches du nicht kennst? Die Antworten auf diese Fragen sind: Du kannst dein Leben in die Hand nehmen und Veränderungen bewirken. Und nein, es ist niemals gut, in einem Übel zu verweilen.

Zeichnung einer Eule

Wir müssen aufwachen. Wie bereits erwähnt, ist dies das Zeitalter der Würde, in dem wir uns alle an unsere Werte, Stärken, unser Recht auf ein besseres Leben und daran erinnern müssen, dass wir verdienen, was wir wollen und brauchen. Es laut auszusprechen, Grenzen zu setzen, Türen zu schließen, um andere zu öffnen und uns selbst zu definieren, bevor es andere tun – das ist kein Stolz.

Verliere deine Individualität nicht. Lasst uns aufhören, das, was nicht gerechtfertigt werden kann, zu rechtfertigen, und ein Zahnrad in der Maschine zu sein, die unsere wunderbaren Persönlichkeiten verzehrt. Lasst uns endlich aufhören, Opfer von Unglück zu sein und stattdessen Zufriedenheit mit unseren eigenen Händen und unserem Mut erschaffen.

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