Wir sollten Menschen erziehen, keine Geschlechter

4. April 2017 en Psychologie 350 Geteilt

Würdest du deinem Sohn etwas Rosarotes für die Schule anziehen? Ließest du zu, dass dein Sohn mit Puppen spielt oder Ballettstunden nimmt? Würdest du deine Tochter unterstützen, wenn sie Rugby spielen möchte? Und wärst du dafür, dass deine Tochter Technik als Wahlfach belegt oder kurze Haare trägt? Viele Menschen würden diese Fragen zwar bejahen, doch insgeheim hoffen, dass ihre Kinder nicht auf solche Ideen kämen. Können wir Geschlechter wirklich so einfach an Farben, Tanz, Sport oder Kleidung festmachen, so als würden diese Aspekte ihr Geschlecht ändern?

Für viele Menschen ist die Antwort „Ja“, vor allem wenn es um Jungen geht. Mit zunehmender Emanzipation sind Dinge, die früher nur für Männer galten, heutzutage auch für Frauen akzeptiert. Frauen haben mittlerweile das Recht zu wählen, für sie ist es vollkommen normal, Hosen zu tragen oder arbeiten zu gehen, aber trotzdem lassen einige Fortschritte noch auf sich warten.

Andererseits wird es häufig immer noch nicht gern gesehen, wenn Männer etwas tun, das typisch für Frauen ist. Sind denn Verhaltensweisen von Frauen weniger wert? Oder ist die Frau an sich weniger wert und ist es etwa verachtenswert, so sein zu wollen wie sie? Was ist denn falsch daran, sich wie eine Frau zu verhalten? Was würde passieren, wenn wir die Erziehung unserer Kinder nicht mehr nach Geschlechtern ausrichten würden?

„Es wurde als ein Fortschritt angesehen, dass Mädchen der Neuzeit Dinge tun, die eigentlich nur Jungen tun – sich Hosen anziehen, rauchen, arbeiten gehen. Frauen streben danach, das zu tun, was Männer tun. Wir sollten versuchen, frauentypische Sachen zu machen, und das auch für Männer als Fortschritt betrachten. Und hierfür müssen wir vielleicht schon damit anfangen, Jungen zu sagen, dass sie tanzen, Rosa tragen, ihre Gefühle und Schwächen zeigen können, ohne Angst haben zu müssen, dass ihre Männlichkeit infrage gestellt wird.“

Quique Peinado

Kinder kennen kein Geschlecht

Oftmals bemerken wir gar nicht, dass Kinder einfach nur glücklich sein wollen. Dass sie sich an jeder Kleinigkeit, an Spielen, Farben oder Kleidung erfreuen können, aber dass sie diesen Sachen keine Bedeutung zuschreiben. Kinder kennen kein Geschlecht, sie wissen nur, was ihnen gefällt, und wir Erwachsenen sind es, die ihnen manche Sachen wegnehmen, weil sie „nicht zu ihnen passen“.

„Vor einigen Tagen wollte mein zweijähriger Sohn eine rosa Zahnbürste aus der Drogerie mit nach Hause nehmen. Seine alte rosa Zahnbürste musste er natürlich durch eine neue rosa Zahnbürste austauschen, weil ihm diese Farbe sichtlich sehr gefällt. Als ich sie bezahlen wollte, fragte ihn die Verkäuferin: ,Ist die für dich oder für dein Schwesterchen?‘ Als sie erfuhr, dass sie für ihn war, meinte sie: ,Du willst nicht lieber die gelbe?‘ Seiner Mutter konnte man an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, was sie von dieser Frage hielt. Sie schaute die Verkäuferin an und entgegnete ihr: ,Nein, der Junge hat sich für die rosa Zahnbürste entschieden und das ist absolut in Ordnung.’“

Quique Peinado

Situationen, wie sie Quique Peinado beschreibt, erleben wir täglich und ganz eindeutig sind wir Erwachsenen Schuld daran. Diese kleinen Jungen wachsen mit dem Gedanken auf, dass sich die Farbe Rosa nicht für einen Jungen gehört und sie glauben sogar, dass es schlimm wäre, etwas zu machen, was Mädchen gern tun. Aber was ist denn nur so falsch daran?

Wir Frauen tragen die Kinder aus und bringen sie zur Welt, doch um das Kind müssen sich sowohl Mutter als auch Vater kümmern. Beide geben ihm etwas zu essen, wechseln ihm die Windeln oder gehen mit ihm spazieren. Wieso dürfen Mädchen mit Puppen spielen, um etwas darüber zu lernen, was es heißt, Mutter zu sein, und Jungen dürfen es nicht? Wir zeigen ihnen doch so, dass sich nur die Mutter um das Kindeswohl kümmert, oder?

Doch das betrifft nicht nur das Spiel mit Puppen. Es scheint auch so, als wäre es nur etwas für Mädchen, eigene Gefühle auszudrücken, und es ist uns gar nicht bewusst, dass wir unseren Söhnen einen Teil ihrer selbst nehmen. Wir sagen zu Jungen, dass sie Krieger und stark sind und dass sie kämpfen müssen, dass aber nur „Heulsusen“ weinen und es von Schwäche zeugt, traurig zu sein. Wir bringen ihnen demnach bei, dass Gefühle zu haben etwas Schlechtes ist, richtig? Was noch schlimmer ist, ist, dass wir ihnen damit sagen, dass es schlimm ist, wenn sie sie selbst sind.

Können unser Kinder alles werden, was sie wollen?

In der heutigen Gesellschaft, wo wir im Bezug auf die Gleichberechtigung schon so viel erreicht haben, gefällt uns die Vorstellung, dass unsere Kinder, sowohl Jungen als auch Mädchen, alles werden können, was sie sich wünschen, wenn sie groß sind. Aber dann erziehen wir sie nach geschlechtsspezifischen Stereotypen, weil ja alles eine Frage des Geschlechts ist. Ein perfektes Beispiel dafür sind Spielzeugkataloge, die wir zu Ostern durchblättern.

Mit wenigen Ausnahmen können wir sehen, was sie werden können, wenn wir sie weiterhin so erziehen, wie bisher, wenn wir vor Weihnachten über Geschenke für unsere Kinder nachdenken: Für Mädchen gibt es Puppen und Spiele, die mit dem Haushalt zu tun haben. Für Jungen gibt es Autos und Baukästen.

Das heißt doch, dass Mädchen nur Mütter und Hausfrauen werden und Männer ausschließlich außerhalb des Hauses arbeiten können, oder? Wenn wir unseren Kindern weiterhin einbläuen, das Tanzen etwas für Homosexuelle, Puppen für Mädchen, Fußball nur etwas für Mannsweiber und Baukästen für Jungen sind, dann ist die Antwort auf die vorherige Frage auf jeden Fall „Ja“. Wenn wir sie allerdings frei entscheiden lassen und sie wegen ihrer Entscheidungen nicht verurteilen, dann können sie zweifellos werden, was sie wollen.

Eine geschlechtsneutrale Erziehung hängt von uns ab

Der Kampf zwischen den Geschlechtern, zwischen dem, was für einen Jungen oder ein Mädchen richtig ist, ist, wie wir gesehen haben, noch immer an der Tagesordnung. Aber die gute Nachricht ist, dass es von uns Erwachsenen abhängt, das zu ändern. Wir können die Erwachsenen von morgen beeinflussen.

Als Eltern, Erzieher oder im Allgemeinen als Erwachsene müssen wir verstehen, dass eine geschlechtsneutrale Erziehung ohne geschlechtsspezifische Stereotypen von uns abhängt. Wir sollten unsere Kinder ganz frei entscheiden lassen, was sie wollen, und sie so erziehen, dass sie die Entscheidungen anderer respektieren, denn es gibt keine Sachen für Mädchen oder Jungen, sondern Dinge, die für jedes Kind gesund und voller Spaß sind. Wir sollten respektvolle Menschen erziehen, keine Geschlechter.

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