Warum gibt es chauvinistische Frauen?

· 12. August 2016

Der Feminismus ist keine bequeme Form des Aktivismus, weder für Männer noch für Frauen. Wir sind nicht in einer feministischen Kultur groß geworden, eher das Gegenteil. Als ich den ersten Teil der King Kong Theorie  von Virginie Despentes gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass etwas falsch mit mir sein muss, als ich auf den folgenden Absatz gestoßen bin, der sagt: „Ich schreibe aus Hässlichkeit, und für die Hässlichen, die Alten, die Lastwagenfahrerinnen, für die Frigiden, Hysterischen, Defekten…“

Ich erschrak, weil ich mich für nichts davon gehalten habe, vielleicht ein bisschen von jedem dieser Adjektive, aber nicht in ihrer Gesamtheit. Ich habe mich gefragt, warum ich überhaupt begonnen hatte, mich für diese Art Lektüre zu interessieren, die Frauentypen beschreibt, mit denen ich mich in Wirklichkeit nicht identifizieren wollte.

Es sind Frauentypen, die von unserer patriarchalischen Gesellschaft stigmatisiert werden. Wenn ich aber an die Frauen, die mich umgeben, und auch an mich selbst denke, dann komme ich zu dem Schluss, dass jede Frau etwas davon hat. Der Begriff hysterisch wurde berühmt durch die Patientinnen von Sigmund Freud, und der gleiche Autor sagte, dass die Frau einen „Phallus haben wolle“  und deswegen Komplexe habe.

Der Chauvinismus ist akademisch, intellektuell, wissenschaftlich, sexuell, kommunistisch, neoliberal, katholisch oder laizistisch. Er ist in unseren Leben so umfassend präsent und verinnerlicht, dass man Angst hat, sich gegen ihn zu stellen, wofür man auch auf viel Widerstand bei den anderen treffen kann. Er stößt eine reale Veränderung von all dem an, was in der Geschichte und der Zivilisation als gegeben angesehen wird.

Die Stigmatisierung der Frauen, die für ihre Rechte kämpfen

Das Problem besteht in der Form, in der man sich über eine ganze Gattung und ihren Kampf lächerlich gemacht hat, mit Sätzen wie: „Du befindest dich auf dem falschen Weg.“  Bemerke, dass du in einem System der Unterdrückung lebst, wo das Sich-beschweren ein Ausdruck „schlechter Erziehung“ ist. Man wird dich auf alle Arten schlecht reden, um die Revolution aufzuhalten, die du dir vorgenommen hast.

Chauvinistische Männer, die jede Frau beleidigen, die dafür kämpft, ihre Situation in der Welt zu verbessern. Chauvinistische Frauen, die mit einstimmen und sie darin unterstützen: Was ist schlimmer?

Wenn es wehtut, dass ein Mann dich beleidigt und sich über dich lächerlich macht, weil du gegen eine offenkundige, globale und soziale Ungerechtigkeit ankämpfst, dann tut es noch mehr weh, wenn dies von einer Frau ausgeht. Vergessen wir nicht, dass, wenn auch einige Gesellschaften durchaus Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung gemacht haben, dies jedoch der Aktivität feministischer Bewegungen zu verdanken ist. Dass wir heute wählen können, verdanken wir der Arbeit von Menschen wie Emily Davison, die starb, als sie versuchte, das Pferd des Königs George V aufzuhalten, um von ihm das Frauenwahlrecht einzufordern.

Das Patriarchat hat nie einfach so den Frauen ihre Rechte zugesprochen. Es waren die feministischen Bewegungen, die diese gefordert, um sie gekämpft und sie erkämpft haben.

Eine Frage der Macht

Es gibt kein älteres und globalisiertes System der Unterdrückung wie der ständige Angriff auf die Würde der Frau, in allen nur denkbaren Formen. Zur Zeit gibt es in Saudi-Arabien eine von Männern geführte Debatte darüber, ob man die Frau als ein menschliches Wesen oder nicht betrachten kann.

Solche Stöße gegen die physische und moralische Integrität der Frauen passieren in allen Gesellschaften, es sind Männer aller Ideologien und Glaubensrichtungen, die zusammenfinden, um darüber zu entscheiden, wie das Sexualleben, die Fortpflanzung und das Familienleben von Frauen aussehen soll. Der kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu bat den Sicherheitsdienst securitate darum, die Menstruation der Frauen zu „kontrollieren“ als auch die Kinder, die sie dem Staat gebaren.

„Wir möchten die Gesetze nicht abschaffen, wir wollen sie überarbeiten.“

Emmeline Pankhurst

Der Feminismus möchte die Gleichberechtigung und deshalb sind seine Anhänger dagegen, dass weiter Gesetze verabschiedet werden, die dieser entgegenstehen und Frauen zu den ersten Opfern fehlender Gleichheit und Freiheit machen. Der Feminismus will nicht, dass die älteste Macht der Welt einfach weitermacht, denn Frauen waren nie die Nutznießer, sondern stets ihre Opfer.

Chauvinistische Frauen oder Frauen, die wissen, was sie wollen, und dafür einstehen? - Frau mit Lautsprecher

Warum werden Frauen zu Komplizen der Macht, welche sie unterdrückt?

Frauen machen 52% der Bevölkerung aus. Wenn dieser Anteil der Bevölkerung von Gesetzen betroffen ist, die zum Beispiel ihre Arbeitnehmerfreiheit einschränken, dann wird ipso facto die Hälfte aller potentiellen Wettbewerber vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, und so ist Ungleichheit entstanden. Doch nicht nur Gesetze verhindern die Gleichberechtigung, sondern auch das moralische Infragestellen von allem, was die Frauen machen.

Solange Frauen sich darum sorgen, immer auf alle perfekt zu wirken und sich weiterhin um Nichtigkeiten kümmern, mit denen sie ihre Reputation schützen wollen, bleiben sie ängstlich und nervös. Solange sie damit beschäftigt sind, treffen die Männer weiterhin die wichtigen Entscheidungen: Für sich selbst mit Privilegien und für sie mit fehlender Empathie. 

Es ist normal, dass sich unter diesen Umständen viele Frauen dafür entscheiden „keinen Skandal zu veranstalten“ und das Etablierte nicht herauszufordern. Sie bewundern lieber weiter den Macho, der sie davon abhält, die Zügel ihres Kampfes in die Hand zu nehmen und sie spüren großes Unwohlsein, wenn sie sich einmal vollständig befreien. Sie erscheinen wie schockiert über feministische Frauen, dieselben Frauen, die für die Rechte kämpfen, die sie bereits bekommen haben oder die sie im Verlauf ihres Lebens brauchen werden.

Sie wissen, dass sie durch ihre Position niemals viel gewinnen werden, aber sie sehen sich auch keinen Schaden nehmen, was passieren könnte, wenn sie das Gegenteil tun. Sie stehen in einer Position der Komplizenschaft mit dem Patriarchat, verteidigen die chauvinistischen Rollenbilder, die von ihm hervorgebracht werden. Sie urteilen über die anderen Frauen und nennen sie radikal und verrückt. Automatisch gewinnen sie die Gunst, gewinnen sie etwas Macht innerhalb der Männerherrschaft, obwohl sie in stillen Momenten durchaus auch Gewissensbisse spüren.

Frauen sind Chauvinisten, weil sie nicht das gute Ansehen verlieren wollen, dass sie mit ihrem Verhalten im Patriarchat gewinnen konnten. Sie werden dafür belohnt werden, auch wenn sie letztlich nur ein paar Krümel bekommen.

Selbst bei den Tätigkeiten, die gewöhnlich von Frauen durchgeführt werden, sind es die Männer, die dafür berühmt werden: Sie kochen, nähen, dekorieren, hören zu… Aber es sind Köche, Designer oder Psychiater, die dafür berühmt werden. Hast du dich noch nie gefragt, warum? Die Antwort liegt weder in der Natur noch in unseren Köpfen. Die Antwort liegt im Chauvinismus, der die einen auf den Gipfel hebt und die anderen unsichtbar macht.

Die Antwort auf chauvinistische Frauen sollte nicht voller Ärger sein, sondern voller Mitgefühl

Wenn der Feminismus siegt, dann wird das etablierte System zerbröckeln. Es geht darum, die Dinge mit einem neuen Konzept aufzubauen: Es geht um das Streben nach Gleichheit, nicht nach Macht. Dies ist nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern es geht um alles, um all das, was alle Formen des Machtmissbrauchs in der Welt gemeinsam haben.

Anzunehmen, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte genießen sollten, bedeutet, anzunehmen, dass Frau-sein mehr als nur ein Risikofaktor ist, um einer bestimmten Art der Unterdrückung und Gewalt zum Opfer zu fallen, welche ein Mann schlicht aus dem einfachen Grund, weil er ein Mann ist, nie erleiden wird. Es bedeutet, anzunehmen, dass die Steinzeit, in der die Stärke wichtig zum Überleben war, beendet ist.
 
Gleichberechtigung von Männern und Frauen
Es bedeutet anzunehmen, dass es für ein rationales Wesen keinen Grund gibt, dass eine Frau vergewaltigt oder angegriffen wird, weil es „eine Frage des Instinkts“ sei. Es bedeutet, eine wirkliche familiäre Einigung zwischen Männern und Frauen zu erreichen, denn es gibt kein Gen, was rechtfertigen kann, dass der größte Teil der familiären Aufgaben von Frauen erfüllt werden müsse.

Gleichzeitig sollte man die Frauen, die weiterhin Komplizinnen sind, nicht mit Hass betrachten, man sollte mit ihnen Mitleid haben. Sie für ihre Ignoranz und Scheinheiligkeit bemitleiden, denn eines Tages, das lässt sich nicht vermeiden, werden auch sie den Feminismus brauchen, auch wenn sie das nicht zugeben wollen.

Wir anderen lassen diese traurige Rolle bei Seite, um die Protagonistinnen unseres eigenen Kampfes zu sein, für unser eigenes Leben, unsere eigene Geschichte, die nicht zu Ende gehen wird, bis die Ungleichheit vom Erdboden verschwindet.