Die Sprache der Unterdrückung

· 2. Juni 2016

Durch den Gebrauch der Unterdrückung versucht ein Mensch bestimmte Gedanken, Gefühle oder Sehnsüchte, die für ihn unzumutbar erscheinen, loszuwerden. Anders gesagt versucht er damit, sich von all dem zu verabschieden, das er nicht fühlen, denken oder sich wünschen möchte.

Mithilfe eines Beispiels können wir die Unterdrückung an sich besser verstehen. Nehmen wir an, dass jemand in einer stabilen Beziehung lebt, in der er glücklich ist. Doch auf einmal fühlt er sich von einer anderen Person angezogen und sieht das als Bedrohung für die Beziehung an. So entschließt er sich dazu, diese Gedanken aus seinem Bewusstsein zu verbannen und tut so, als wäre das niemals passiert.

„Die sexuelle Unterdrückung und Schuldgefühle hinsichtlich unseres sexuellen Verlangens sind dafür verantwortlich, dass wir uns selbst erniedrigen, uns selbst und freiere und weniger unterdrückte Menschen immer mehr hassen.“

Albert Ellis

Soweit so gut. Das Problem liegt allerdings darin verborgen, dass es ein psychisches Gesetz gibt: Was unterdrückt wird, verschwindet nicht einfach, sondern sorgt dafür, dass es unterbewusst weiter agiert. Unterdrückte Wahrheiten – genauer gesagt, gerade weil sie unterdrückt werden – besitzen eine außergewöhnliche Kraft.

Alles, was unterdrückt wird, kommt irgendwann wieder zum Vorschein. Das Verlangen verschwindet nicht einfach, nur weil man es vom Bewusstsein trennt. Es sucht sich andere Wege, um sich erneut auszudrücken, und das immer und immer wieder. Die Unterdrückung hat eine eigene Sprache und die folgenden Arten des Ausdrucks spiegeln diese wieder.

Träume – der häufigste Ausdruck der Unterdrückung von Gefühlen und Gedanken

Maedchen schwarz weiß

Wenn wir schlafen geht auch diese „Wächterin“ schlafen, die uns die ganze Zeit über sagt, welche Gedanken und Gefühle wir zulassen dürfen und welche nicht. Doch wenn wir träumen wird nichts zensiert und das Unterbewusste kommt an die Oberfläche.

Manchmal kommen diese unterdrückten Dinge direkt zum Vorschein, wenn du schläfst. Beispielsweise träumst du, dass du diesen jemand nicht verlassen hast, den du so mochtest und ihr euch in einer schöneren Situation befindet.

Wenn das Unterdrückte eine höhere Komplexität aufweist oder sich auf etwas bezieht, das tatsächlich für den Verantwortlichen nicht zu tolerieren ist, kann ein Traum rätselhafter sein. In diesen Träumen erscheinen keine klaren Bilder und Situationen, sondern jedes Element findet sich in einem Symbol oder verdeckt wieder. Es sind genau diese Träume, die eigentlich so verwirrend und sinnlos erscheinen. Vielmals können wir uns dann auch nicht mehr an das erinnern, was wir geträumt haben.

Die Fehlleistungen

Frau mit Voegeln

Sigmund Freud gab diesen Verhaltensweisen den Namen „Fehlleistungen“, obwohl sie im Grunde genommen „gewollte Handlungen“ sind. Unterdrücktes taucht nicht nur erneut in Träumen auf, sondern auch durch konkrete Taten, die wir „ungewollt“ in unserem Alltag begehen.

Kommen wir wieder zu unserem Beispiel zurück, bei dem eine Fehlleistung z.B. Folgendes wäre: Anstatt die Nummer des Partners ins Telefon zu tippen, ruft dieser jemand „ungewollt“ diese Person an, die ihn anzieht und die er als Bedrohung erachtet.

Alles, was wir „ungewollt und doch gewollt“ machen, ist dem Konzept der Fehlleistung oder der gewollten Handlung zuzuschreiben – eine Art der Unterdrückung. Der Begriff „Fehlleistung“ aus dem Grund, weil es eigentlich nicht das war, was wir uns bewusst vorgenommen haben. „Gewollte Handlung“, weil wir es uns unterbewusst doch wünschten.

Lapsus linguae oder Lapsus calami

Diese funktionieren ähnlich wie die Fehlleistungen, aber erscheinen nur im Bereich der Sprache. Es handelt sich hierbei um „unfreiwillige Fehler“ während des Sprechens (lapsus linguae) oder des Schreibens (lapsus calami). Ich erinnere mich an etwas, das jemand einmal schrieb: Er wollte seiner Freundin schreiben „du bist die…“ doch anstatt dessen machte er einen Tippfehler und schrieb „du bist sie…“.

Oder wenn jemand sagen möchte „Das Geld ist deins!“  und beim Reden die Buchstaben vertauscht und dadurch den Sinn ändert, dann heißt es plötzlich „Das Geld ist seins!“. Durch diesen kleinen Fehler wechselt das Geld von der einen auf die andere Sekunde seinen Besitzer. Es gibt auch den Lapsus der Erinnerungen, bei dem man für einen Moment lang etwas vergisst, das man nicht hätte vergessen dürfen. Zum Beispiel den Namen des Chefs oder sogar seines eigenen Kindes.

Neurotische Symptome

Eine weitere Art der Unterdrückung sind neurotische Symptome. Es sind mehr oder weniger absurde Handlungen, die uns in unserem Alltag unterlaufen oder unerklärliche Situationen, die über uns hinein brechen und wir nicht sagen können wieso. Was sie ausdrücken ist dieser Wunsch, den wir unterdrücken und der darauf pocht, zum Ausdruck gebracht zu werden.

Beispielsweise hat eine Person ständig das Gefühl, dass sie einen Brand verursachen könnte und vergewissert sich hunderte Male, ob der Ofen ausgeschaltet ist. Oder jemand kommt drei- oder viermal zurück zum Haus und überzeugt sich davon, ob er auch wirklich die Tür verschlossen hat, weil er denkt, diese offen gelassen zu haben.

Das kann auch der Fall sein, wenn ein Angestellter von seinem Chef niedergemacht wurde und er ihm antworten wollte, aber nicht den benötigten Mut dafür aufbringen konnte. Dadurch wird er heißer oder beginnt einen Kloß in seinem Hals zu fühlen.

Witze

Frau mit Pferden

Mit einem Witz etwas Unterdrücktem Ausdruck zu verleihen ist keine individuelle Angelegenheit, sondern passiert auf sozialer Ebene. Diese Art und Weise der Unterdrückung bringt Gefühle der Zurückweisung zum Vorschein, spricht Tabus an oder enthüllt allgemeine Sehnsüchte.

Es existieren viele xenophobische, sexistische etc. Witze, durch die Gefühle oder Vorstellungen dargelegt werden können, die andernfalls von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden würden. Solche Witze und Anspielungen wurden z. B. nur all zu gern von dem Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan in seinen Werken gemacht.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Daria Petrilli