„Wilde Kinder“ und ihr Verhalten in der Gesellschaft

· 18. Oktober 2018

Eine der großen Debatten, die einen wichtigen Teil unserer Geschichte betreffen, handelt vom Einfluss der Gesellschaft auf die kindliche Entwicklung. Zwei der größten Redner in diesen Debatten waren Jean-Jacques Rousseau auf der einen Seite und Thomas Hobbes auf der anderen. Ihre Ideen bauen auf der Güte und Boshaftigkeit der Menschheit auf, auf zwei Themen, die eng mit dem Thema „wilde Kinder“ zusammenhängen.

Jean-Jacques Rousseau hat argumentiert, dass der Mensch von Natur aus gut sei, während ihn die Gesellschaft korrupt mache. Hobbes hingegen bestätigte Plautus‘ berühmten Satz „Der Mensch ist des Menschen Wolf“,  was bedeutet, dass der Mensch von Natur aus schlecht sei und es die Mechanismen der sozialen Kontrolle seien, die das Böse daran hindern, die Menschheit zu zerstören.

Aber wie können wir wissen, wer recht hatte? Es ist unmöglich, ein Kind von der Gesellschaft zu trennen, um dies zu prüfen, aus moralischen und ethischen Gründen. Es gibt jedoch Kinder, die, aufgrund unterschiedlicher Umstände, isoliert von der Gesellschaft aufgewachsen sind. Sie sind als „wilde Kinder“ bekannt.

„Jeder Mensch hat ein wildes Tier in sich.“

Friedrich der Große

„Wilde Kinder“ sind Menschen, die während einer gewissen Zeitspanne in ihrer Kindheit außerhalb der Gesellschaft gelebt haben. Diese Definition schließt sowohl Kinder ein, die eingesperrt wurden, als auch jene, die in der Wildnis ausgesetzt wurden. Das kommt jedoch sehr selten vor. In manchen solcher Fälle wurde die Isolation im Nachhinein infrage gestellt oder sie entspricht einem wenig glaubwürdigen Mythos. Es gibt aber mehr als zwanzig Fälle, die gut dokumentiert und untersucht worden sind.

Victor von Aveyron

Der vielleicht berühmteste Fall eines wilden Kindes ist Victor von Aveyron. Er wurde in der südfranzösischen Natur beobachtet, wo er sich nackt bewegte und nach Nahrung suchte. Gegen seinen Willen wurde er schließlich in die Stadt gebracht, wo Ärzte ihn untersuchten.

Bild von Victor de Aveyron vor einer Tafel, mit einem Lehrer

Eine der verbreitetsten Theorien über Victors ist, das er an einer Autismus-Spektrum-Störung gelitten habe. Wegen der seltsamen Verhaltensweisen, die er zeigte, habe ihn seine Familie ausgesetzt. Victors zahlreiche Narben stammten dabei nicht vom Leben in der Wildnis, sondern lassen sich auf physische Misshandlungen zurückführen, die er erlitt, bevor er im Wald gefunden wurde.

Laut einem der Ärzte, der seinen Fall übernommen hat, war Victor ein unangenehm schmutziges Kind, das von krampfhaften Bewegungen und sogar Krämpfen betroffen war. Victor wiegte sich vor und zurück, unaufhörlich, wie Tiere im Zoo. Er biss und kratzte diejenigen, die sich ihm näherten. Er zeigte keine Zuneigung für jene Menschen, die sich um ihn kümmerten. Kurzum war ihm alles gleichgültig und er schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit. Obwohl sich seine körperliche Erscheinung und seine Geselligkeit verbesserten, so gelang der Versuch nicht, ihm das Sprechen beizubringen und ihn zu lehren, wie er sich zivilisiert zu verhalten hatte.

Marcos Rodríguez Pantoja

Obwohl es mehrere Fälle von „wilden Kindern“ gibt, die mit Tieren wie Hunden, Wölfen, Gazellen, Affen usw. gelebt haben, wurden viele von diesen Fällen wegen eines Mangels an Belegen, die ihre Echtheit beweisen würden, wieder fallen gelassen. Der Fall von Marcos sticht jedoch hervor, da er nicht allzu lange her und dadurch überprüfbar ist. Marcos Eltern haben ihn im Alter von sieben Jahren verkauft – an einen Landbesitzer, der ihn an einen Ziegenhirten weitergab, mit dem er bis zu seinem Tod in einer Höhle zusammenlebte. Nach dem Tod des Ziegenhirten war Marcos elf Jahre lang auf sich allein gestellt, bis ihn die Polizei fand. Während dieser elf Jahre waren Wölfe seine einzige Gesellschaft.

Der Anthropologe und Schriftsteller Gabriel Janer Manila hat den Fall untersucht. Die Ursache dafür, dass der Junge verkauft wurde, liegt im sozioökonomischen Kontext extremer Armut. Die Fähigkeiten, die Marcos erwarb, bevor er weggeschickt wurde, zusammen mit seiner außergewöhnlichen natürlichen Intelligenz, haben schließlich sein Überleben ermöglicht. Während seiner Isolation lernte Marcos die Geräusche der Tiere, mit denen er zusammenlebte, und wie er sie einsetzen konnte, um mit ihnen zu kommunizieren. So hat er nach und nach die menschliche Sprache hinter sich gelassen.

Wilde Kinder als Erwachsene: Ein älterer Marcos Rodriguez Pantoja umarmt einen Wolf.

Als er sich wieder der Gesellschaft anschloss, begann er, sich an die menschlichen Sitten anzupassen, obwohl er selbst im Erwachsenenalter eine Vorliebe für das Leben mit Tieren in freier Wildbahn zeigte. Er hat zudem eine Abneigung gegenüber dem Lärm und Geruch von Städten entwickelt und den Glauben beibehalten, dass das Leben unter Menschen schlimmer sei als das Leben mit Tieren.

Genie

Die Eltern von Genie hatten Probleme – ihre Mutter war wegen einer Netzhautablösung blind und ihr Vater litt an einer depressiven Störung, die sich verschlechterte, als Genies Großmutter bei einem Autounfall ums Leben kam. Genie hat später als die meisten Kinder mit dem Sprechen begonnen und ihre Ärzte diagnostizierten eine mögliche geistige Behinderung. Aus diesem Grund schlussfolgerte ihr Vater, angesichts der Angst, dass die Behörden seine Tochter wegnehmen würden, dass er sie vor den Gefahren der Außenwelt beschützen musste.

Ihr Vater hat Genie in einem Zimmer eingesperrt. Sie konnte Geräusche machen und verbrachte ihre Nächte in einem Käfig. Ihre Ernährung bestand hauptsächlich aus Babynahrung. Mit 13 Jahren verstand sie nur 20 Wörter, wovon die meisten kurz und negativ waren: stopp, genug, nein … Genies Zimmer war verschlossen. Es gab nur ein kleines Loch, dass es ihr ermöglichte, fünf Zentimeter der Welt zu sehen. Den anderen Bewohnern des Hauses war es nicht gestattet, sie zu besuchen oder auch nur zu ihr zu sprechen.

Am Ende floh Genies Mutter mit ihr und ihrem Bruder, sodass die Behörden Genie schließlich in Behandlung bringen konnten. Der erste Teil der Behandlung bestand darin, das Mädchen von ihrer Mutter zu isolieren und sie in ein Pflegeheim zu stecken, wo sie eine Regression erlebte. Sie befand sich nun in einem schlimmeren Zustand, als zu dem Zeitpunkt, als man sie gefunden hatte. Dann kehrte sie zu ihrer Mutter zurück, der es aber ungemein schwerfiel, sich  um sie zu kümmern.

Rochom P’ngieng

Rochom war ein kambodschanisches Mädchen, das mit neun Jahren im Dschungel verlorgen ging und zehn Jahre später wieder auftauchte. Nachdem sie vom Bauernhof ihrer Eltern verschwunden war, wurde sie nach zehn Jahren von einem Bauern gefunden, der nichts von ihr wusste und sie der Polizei übergab.

Als sie in die Gesellschaft zurückkehrte, konnte Rochom es nicht aushalten, Kleidung zu tragen. Sie konnte sich auch nicht daran erinnern, wie man spricht, und gab nur grunzende Laute von sich. Sie bewegte sich stets in der Hocke vorwärts und wenn sie allein gelassen wurde, versuchte sie, zu fliehen. Die vielen Narben, die sie aufwies, ließen ihre Mitmenschen annehmen, dass sie womöglich in Gefangenschaft gelebt hatte oder sogar misshandelt worden wäre. Später gelang es Rochom tatsächlich, zu fliehen, aber sie wurde zehn Tage später in einer Klärgrube gefunden. Sie wurde daraus gerettet und in ein Krankenhaus gebracht. Dort war sie laut ihren Eltern sehr schwach und schlief den ganzen Tag. Sie war blass und kraftlos.

Rückkehr in die Gesellschaft

„Wilde Kinder“ wieder in die Gesellschaft zu integrieren ist in jedem Fall schwierig. Einige Faktoren, wie etwa der Grad der Isolation oder wie alt sie waren, als sie aus der Gesellschaft ausgeschieden sind, sind entscheidend, um ihr Verhalten in der gegenwärtigen Gesellschaft zu verstehen. Die größeren Probleme werden jene „wilden Kinder“ haben, die überhaupt keinen Kontakt mehr zu Menschen hatten, die noch nicht einmal Menschen gesehen haben. Diejenigen, die unter Tieren gelebt haben, mögen allerdings eher in der Lage sein, sich überhaupt an eine Gesellschaft zu gewöhnen.

Indirektes Lernen ist ein essenzieller Teil unserer Entwicklung und jene, die es nicht nutzen konnten, werden die größten Schwierigkeiten haben, bestimmte Verhaltensweisen, die sie noch nie zuvor beobachtet haben, zu imitieren. Der Entzug von Reizen in jungem Alter wird die Erfahrungen dieser Kinder definieren. In diesem Sinne kann die Isolation sogar die Körperbewegungen einschränken und körperliche Missbildungen hervorrufen. Weitere grundlegende Fähigkeiten, wie zum Beispiel das räumliche Gedächtnis, können sich in solchen Situationen der Isolation möglicherweise ebenfalls nicht entwickeln.

Auf der anderen Seite ist, besonders bei jenen „wilden Kindern“, die mit Tieren zusammengelebt haben, die naturalistische Intelligenz normalerweise sehr stark entwickelt. Diese beschreibt die Fähigkeit, die Beziehungen zwischen anderen Arten und dem Menschen zu erkennen und deren Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten wahrzunehmen. Sie spezialisiert sich auf die Beobachtung, Identifizierung, Unterscheidung und Klassifizierung von Mitgliedern einer Gruppe oder Arten von Flora und Fauna, die das Feld der Beobachtung und effizienten Nutzung der natürlichen Welt sind.

Der Mangel an Interaktionen mit anderen Menschen und an erfolgreichen Beziehungen sind jedoch grundlegende Fähigkeiten, die „wilde Kinder“ nicht entwickeln werden. Aus diesem Grund und aufgrund der großen kulturellen Komponente von Emotionen und deren Regulierung haben diese Kinder Schwierigkeiten dabei, sich an die ungeschriebenen Regeln zu halten, die das Funktionieren einer jeden Gesellschaft garantieren.

Kommunikation für „wilde Kinder“

Die Entwicklung der Sprache ist ein weiterer entscheidender Punkt. Menschen sind bei der Geburt bereits fähig, mehr als 200 unterschiedliche Geräusche von sich zu geben. Die Gesellschaft, durch Bestärkung, wird ihnen vermitteln, welche dieser Laute der Sprache oder den Sprachen entspricht, die die Kinder erlernen sollen. Jene Kinder, die seit früher Kindheit ohne Sprache leben, werden schließlich Probleme haben, Wörter verständlich auszusprechen. Das Gleiche passiert mit der Grammatik.

Der Linguist Noam Chomsky hat nahegelegt, dass es eine begrenzte Zeit gebe, um eine Sprache auf natürliche Weise zu lernen. Diese Zeit umfasse drei Jahre und wenn diese Zeit verstrichen sei, ohne dass das Kind eine Sprache gelernt habe, dann werde es nicht die nötigen Gehirnstrukturen entwickeln können, um das nachzuholen. Während es die Wörter lernen kann, erfordert die Beherrschung der Sprache außerordentliche Anstrengungen.

Wie Chomsky angedeutet hat, sind bei der Geburt bereits Gehirnstrukturen vorhanden, die den Spracherwerb begünstigen. Diese durch die Evolution geformten Strukturen sind vorprogrammiert, um bestimmte Verhaltensweisen oder Handlungen wie das Sprechen zu entwickeln.

Statue zeigt zwei wilde Kinder, die die Milch einer Wölfin trinken

Wenn diese Strukturen jedoch nicht die erforderlichen Impulse erhalten, damit deren Entwicklung vor einer bestimmten Zeit vollendet wird, dann werden sie nicht mehr nützlich sein und ihren Zweck nicht erfüllen können. Darüber hinaus ist es notwendig, dass die Entwicklung dieser Strukturen zur gleichen Zeit mit denen von anderen Gehirnstrukturen stattfindet.

„Wilde Kinder“ abseits des Bildschirms

Das Bild von Mowgli, einem Kind des Dschungels, das von dem Schriftsteller Rudyard Kipling erschaffen wurde, entspricht nicht der Realität, in der „wilde Kinder“ leben, auf die gleiche Weise wie wir nicht Tarzan als Referenz betrachten können. Der Verlust, den diese Kinder erlitten haben, macht sie nicht zu Revolutionären, wenn sie in die Gesellschaft eintreten.

Die Zukunftsaussichten für „wilde Kinder“ sind normalerweise nicht gut. Nachdem sie der Reize und Erfahrungen, die für die menschliche Spezies typisch sind, beraubt wurden, müssen sie in fortgeschrittenem Alter kritische Phasen durchlaufen, um bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln. Dazu zählt zum Beispiel die Sprache, zu welcher sie später nur schwer zurückkehren können.

„Sodass wir alle zusammen, Arbeiter, Studenten, Menschen aller Ideologien, aller Religionen, mit unseren logischen Unterschieden, sich vereinen können, um eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, wo der Mensch nicht des Menschen Wolf ist, sondern sein Partner und Bruder.“

Agustin Tosco

Diese Unzulänglichkeiten oder der Mangel an Fähigkeiten sind eine unvermeidbare Folge des Fehlens von Stimuli und der Verstärkung der kindlichen Entwicklung. Der Entzug in einem kritischen Stadium kann die Entwicklung von Fähigkeiten wie zum Beispiel der Sprache oder des räumlichen Gedächtnisses vollständig verhindern. All dies, zusammen mit den Schwierigkeiten, die Therapeuten bei der Behandlung haben, erschwert den Lernprozess und die erneute Integration in die Gesellschaft.

Eine der schlimmsten Folgen für „wilde Kinder“ ist die Tatsache, dass ihre Lebenserwartung sehr niedrig ist. Denn sie sind genauso wenig bereit für die Gesellschaft, wie die Gesellschaft für sie. In diesem Sinne ist die Debatte über die Güte oder Boshaftigkeit des Menschen und über die Rolle der Gesellschaft, darüber, ob sie den Charakter kontrolliere oder verderbe, noch immer offen.