Wie wichtig es ist, mit Kindern liebevoll zu sprechen

25. August 2017 en Psychologie 27 Geteilt

Sprich freundlich mit mir. Ohne deine Stimme zu erheben. Aber mit der Bestimmtheit eines Menschen, der mich davon überzeugen kann, wozu ich fähig bin. Sprich mit mir und lächle noch einmal dabei. So kann ich vielleicht schnell lernen, dass die Liebe die Welt regiert und nicht die Angst. Schenke mir zärtliche Worte, so oft es dir möglich ist, sodass die Sprache der Gefühle keinen Platz für Unmut und Hass lässt.

Vivette Glover, Psychobiologin am Imperial College London (England, Vereinigten Königreich) stellte fest, dass die emotionale Erziehung eines Kindes bereits vor der Geburt beginnt. Vielleicht überrascht das oder es ist schwer zu glauben. Während des letzten Drittels der Schwangerschaft ist das Baby sehr empfänglich für Stimmen, die von der Außenwelt herangetragen werden. Das Fruchtwasser ist ein vorzüglicher Leiter für Klänge und Töne. Der winzige Fötus kann die Sprache nicht verstehen. Dennoch hat er eine ausgeprägte Fähigkeit, den emotionalen Gehalt zu spüren, den gewisse Tonlagen und Worte in sich tragen.

„Es ist leichter, starke Kinder aufzuziehen, als gebrochene Erwachsene zu reparieren.“

Frederick Douglass

Wenn wir auf die Welt kommen, kennen wir die Stimme unserer Mutter bereits, sind mit ihr verbunden. Und damit auch mit der emotionalen Welt, die ihre Stimme während der neun Monate unserer Heranreifung begleitete. Deshalb sind wir keine Fremde in einem unbekannten Land. Babys können schon die große Kraft begreifen, die in liebevoller Sprache liegt. In der Tat erinnert uns Dr. Michel Odent, ein angesehener französischer Geburtshelfer, daran, dass es genauso wichtig ist, die emotionale Welt der schwangeren Frau zu verstehen, als auch sich darum zu sorgen, dass sie regelmäßig zur Geburtsvorsorge geht.

Dasselbe gilt für Kinder, die 2, 3 oder 5 Jahre alt sind. Wir können ihnen das Beste angedeihen lassen: angemessene Kleidung, eine ausgewogene Ernährung, Spielzeuge, die sie schon frühzeitig anregen… Wenn du sie allerdings durch deine Sprache nicht mit Zuneigung, Selbstbewusstsein und Vertrauen nährst, wird das Kind nicht so heranwachsen, wie es sollte. Es wird gewisse Mängel in der Gehirnentwicklung geben oder es treten Gedächtnislücken auf, die das Kind anderweitig füllen wird, sobald es in Jugend und Erwachsenenalter ankommt.

Wir bitten dich sehr herzlich, darüber nachzudenken.

Sprich mit mir, ohne mich zu verletzen

Worte werden einen Menschen nicht umbringen, aber sie haben ein großes Potenzial, ihn zu verletzen. Wir wissen das alle. Alle von uns haben dies in der ein oder anderen Form schon erlebt. Obwohl wir uns dieser Tatsache bewusst sind, verhalten wir uns im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen manchmal recht sorglos. Sprache hat die Macht, eine bestimmte Art von Architektur im Gehirn der jungen Menschen zu schaffen. Und das sollten wir als Eltern, Großeltern oder Erziehende niemals vergessen.

„Die Erziehung des Verstandes ohne die Erziehung des Herzens ist überhaupt keine Erziehung.“

Aristoteles

Ein böses Wort, ein verächtliches Wort, Aussagen wie „du machst alles falsch“,„du bist das dümmste Kind in der Klasse“  oder „du bist anstrengend, lass mich in Frieden“  hinterlassen Spuren in der emotionalen Welt eines Kindes. Unter Umständen so sehr, dass die Worte einen Zustand von Schutzlosigkeit, Stress oder sogar eine Kinderdepression erzeugen.

Experimente, wie sie zum Beispiel an der Atlanta Speech School (Georgia, USA) durchgeführt wurden, beweisen, dass ein so simpler Vorgang wie das Benutzen einer positiv belegten Sprache bei den Schülern ein engagierteres Verhalten stimuliert. Es veranlasst sie vor allem dazu, ein positiveres Bild von sich selbst zu bekommen, um das Leben zu meistern.

Kompliziert wird die emotionale Erziehung durch positive Sprache dadurch, dass nicht alle Eltern über die Fähigkeit verfügen, eine diesbezüglich wirksame und transzendentale Sprache zu benutzen. Um zu Kindern freundlich zu sprechen, bedarf es Intuition, guten Willens, Zeit und Geduld. Vor allem aber müssen sich Frauen wie Männer selbst geheilt haben, um ein würdiges und respektvolles Elternteil zu sein. Eines, das nicht nur zulässt, dass ein Kind körperlich heranwächst, sondern auch, dass es mit Selbstbewusstsein, Zutrauen zu sich selbst und emotionaler Intelligenz groß wird.

Der Schlüssel zu einer liebevollen Kommunikation mit Kindern

Daniel Goleman erklärt in seinem Buch Emotionale Intelligenz für Kinder und Jugendliche,  dass ein Erwachsener manchmal die positive Bestätigung zu sehr bemühen könne – bis zu dem Punkt, wo sie jeglichen Wert verliere. Kinder könnten zwischen einer wirklichen Erschöpfung oder einem einfachen Mangel an Interesse sehr gut unterscheiden.

Wenn eine Mutter oder ein Vater zu einem achtjährigen Kind sagt, dass es ein sehr hübsches Bild gemalt habe, ohne das Blatt überhaupt anzusehen, weil sie in Eile sind, hält das Kind an der Botschaft nicht fest. Es hält an der Haltung fest, die seine Eltern ihm gezeigt haben. Wenn man nett mit jemandem spricht, bedeutet das nicht, dass man schlicht positive Schlagworte benutzt. Es heißt, innezuhalten, Aufmerksamkeit zu schenken und vor allem zu wissen, wie man eine Verbindung zum Gegenüber aufbaut, denn liebevolle Kommunikation beinhaltet als hauptsächliches strategisches Element folgendes: das Wissen, wie man sich mit dem Geist, den Emotionen und dem Gehirn seiner Kinder verbindet.

Wir sagen dir, wie man das macht.

Die Prinzipien, sich mit Kindern durch emotionale Sprache zu verbinden

Fast unmerklich wenden wir oftmals pädagogisch wenig wertvolle Strategien bei Kindern an. Obwohl es stimmt, dass wir das selten in böser Absicht tun. Wir verstehen ganz einfach immer noch nicht, wie sie Informationen verarbeiten oder welche Bedürfnisse sie in jedem Stadium ihrer persönlichen Entwicklung haben.

Hier sind einige sehr einfache Strategien, die man anwenden kann:

  • Vermeide lange Vorträge. Wenn du deinem Kind etwas beibringen willst, korrigiere es und erkläre ihm den Sachverhalt auf eine konkrete Art und Weise. Denke dabei an die 30-Sekunden-Regel. Das ist die maximale Zeitspanne, während der ein Kind zu konzentrierter Aufmerksamkeit in der Lage ist.
  • Mehrfache Warnungen auszusprechen ist sinnlos. Es kommt sehr häufig vor, dass Eltern im Alltag unter großem Druck stehen. Solche Eltern haben meist Kinder, die sich mit einer Reaktion viel Zeit lassen. Das ist die Antwort darauf, dass auf die Kinder ebenfalls ständig Druck ausgeübt wird: „Steh auf, zieh dich an. Wir müssen los. Beeile dich!“
  • Wenn man sich in dieser Art von Befehlston ausdrückt, wird man sich nie mit seinem Kind verbinden können. Kinder wissen, dass auf einen Befehl einfach der nächste folgt. Darum lohnt es sich für sie schon nicht, auf den ersten zu hören. Da läuft etwas nicht richtig. Kinder erzieht man nicht in Eile, sondern mit Geduld und Nähe. Manchmal reicht es durchaus aus, wenn man eine einfache Aussage mit Nachdruck, einem Gefühl der Nähe und einem gut überlegten Grund trifft, um ein bestimmtes Verhalten zu fördern.
  • Höre deinem Kind zu, wenn es mit dir spricht. Zeige ihm, dass dir jedes einzelne Wort wichtig ist, das es sagt. Halte dafür die Welt für einen Augenblick lang an. Nichts ist brandeilig. Übe dich in Geduld.
  • Sprich den Namen deines Kindes mit Zuneigung aus. Greife nicht zu einfachen oder herablassenden Antworten, wenn du ihm antwortest.

Der Dialog, den du mit deinen Kindern führst, muss in ihnen Neugier und Entdeckungslust wecken. Er muss ihnen eine Ahnung davon vermitteln, was Zuneigung bedeutet.

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