Wie uns „Die unendliche Geschichte“ anders über Depressionen bei Kindern denken lässt

12. Februar 2017 en Filme 1018 Geteilt

Wir alle erinnern uns gern an so manche Bücher, die unsere Kindheit auf irgendeine Weise beeinflusst haben. In meinem Fall ist Die unendliche Geschichte  eines dieser Bücher. Doch als ich es im Erwachsenenalter noch einmal gelesen habe, verstand ich, dass es ein Buch ist, welches Depressionen bei Kindern durch einen der Protagonisten, das Nichts, darstellt.

Mit dem Nichts als Metapher für den Verlust der Vorstellungskraft und der Unschuld in der Erwachsenenwelt wird erzählt, dass großwerden nicht bedeuten muss, aufzuhören, zu träumen. Denn wenn wir aufhören zu träumen, existiert das Reich Phantasien nicht länger, obwohl schon ein kleines Stückchen Hoffnung ausreicht, um es erneut aufleben zu lassen.

Aus diesem Grund kann das Nichts Kindern auf eine interessante Weise erklären, was eine Depression ist. Aber das ist nicht die einzige Gestalt, die es in diesem Buch oder Film annimmt. Im Verlauf der Geschichte verdeutlicht uns der Autor Michael Ende nicht nur die Symptome einer Depression, sondern auch, wie man diese am besten bekämpfen kann. Gern möchten wir zusammen mit dir tiefer in Die unendliche Geschichte  eintauchen, um wesentliche Handlungselemente einmal genauer zu betrachten.

„Man muss gegen die Traurigkeit ankämpfen, damit sie einen nicht mitreißt.“

Aus: Die unendliche Geschichte (Michael Ende)

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Die Sümpfe der Traurigkeit

Bastian, der Protagonist des Buches, ist ein Kind, das unter dem Verlust seiner Mutter sehr leidet. Einige Dinge, die ihm früher Freude bereitet und ihm Kraft gegeben haben, wie Schwimmen oder Reiten, hat er aufgegeben, und in der Schule, oder besser gesagt auf dem Weg dorthin, ärgern ihn seine Klassenkameraden sehr, was heutzutage als Bullying bezeichnet wird.

Seine einzige Möglichkeit, dieser grausamen Welt zu entkommen, ist es, seine Vorstellungskraft zu benutzen. Deshalb stiehlt er ein Buch mit dem Titel Die unendliche Geschichte  und versinkt in der Geschichte über Phantasiewesen, die einst alles hatten, doch vom Nichts bedroht werden. So wie er haben diese Wesen also das Paradies ihres behüteten Lebens verloren. Ein Leben, das Bastian selbst hatte, als seine Mutter noch am Leben war. Doch dann geschah plötzlich das Unerklärliche.

Das Nichts ist diese Leere, dieser Schrecken, der das noch verschlimmert, was man verliert. Es zerstört einfach alles. Deshalb ist sein Name Nichts, weil es etwas nicht durch eine andere Sache ersetzt, sondern ausschließlich Schmerz hinterlässt. Daher kann nur der stärkste Krieger des Reichs Phantásien, Atréju, gegen es ankämpfen. Dafür reist er durch das gesamte Reich, bis er Antworten in den Sümpfen der Traurigkeit findet.

Die Sümpfe der Traurigkeit sind die Endstation und die letzte Hoffnung. Dort begegnet er der alten Morla, dem weisesten Wesen von Phantásien. Aber die Sümpfe stellen eine große Gefahr dar, weil sich in ihnen eine große Traurigkeit befindet, die alles in sich untergehen lässt. Wenn das passiert, versinkt es langsam im Morast.

Im Dialog zwischen Bastian und der alten Morla wird eine wunderschöne Metapher benutzt: „Lasse dich nicht von der Traurigkeit mitreißen, sie wird dich herunterziehen.“  Du musst weiter gegen das Unglück ankämpfen. So schlecht es dir auch geht, stecke den Kopf nicht in den Sand, sonst wirst du von der Traurigkeit übermannt werden. Und vor allem solltest du dich nicht von Menschen herunterziehen lassen, die nicht die Freude der Jugend in sich tragen und ihr nicht einmal zuhören wollen.

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Das Nichts als schwarzes Loch der Psyche

„Phantásien ist nichts weiter als ein Teil der Träume und Hoffnungen der Menschen. Phantásien stirbt aus, weil die Menschen langsam ihre Hoffnung verlieren und ihre Träume vergessen.“

Aus: Die unendliche Geschichte (Michael Ende)

Das schwarze Nichts nimmt Gestalt an und wird zum Werwolf Gmork. Ein Werwolf, der hinter Atréju her ist, um ihn an seiner Mission zu hindern. Dieser Werwolf wird in Momenten sichtbar, in denen Atréju all seine Hoffnung verloren hat.

So zeigt sich das Nichts als das schwarze Loch der Psyche des Protagonisten. Ein Abgrund, der besagt, dass er einen zerstören wird, wenn man sich ihm nähert, doch Atréju ist ein Kämpfer, der sich nicht kampflos ergibt. Dennoch weiß er nicht, wie er gegen das größte seiner Probleme, das Nichts, ankämpfen soll.

Und er kann nicht gegen das Nichts kämpfen, da er nicht weiß, wie er die Grenzen von Phantásien überqueren und all denjenigen, den Erwachsenen, die sich außerhalb des Reiches befinden, mitteilen kann, was ihm widerfährt.

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Ein kleines bisschen Hoffnung kann alles ändern

„Phantásien kann wieder erwachen, durch deine Träume, wenn du das willst, Bastian.“
Wie viele Wünsche habe ich denn?
Und je mehr Wünsche du haben wirst, umso schöner wird Phantásien, umso mehr wird es leben.
„Wirklich?“
„Probier es aus.“

Aus: Die unendliche Geschichte (Michael Ende)

Aber als das Nichts am Ende fast alles verschlungen hat, verstand Bastian, dass er der Protagonist der Geschichte ist, dass er traurig war, dass er es war, der nach dem Tod seiner Mutter war im Sumpf der Traurigkeit versank. Er war derjenige, der seine wundervolle Welt verloren hatte und es waren die Erwachsenen, sein Vater und der Besitzer der Buchantiquariats, die ihm nicht zuhören wollten und so wie die alte Morla baten sie ihn darum, erwachsen zu werden und nicht länger in seiner Phantasiewelt zu leben, um in der Welt der Erwachsenen mitzuspielen.

Doch er hatte noch etwas Hoffnung in sich, weshalb das Nichts nicht seine gesamte Welt verdunkeln konnte. Es ist nicht so, dass Kinder die Welt der Erwachsenen nicht verstehen können, wir Erwachsenen sind es, die die kindliche Welt nicht verstehen. Deshalb zeigen sie uns mithilfe ihrer Spiele, Geschichten und ihrer Vorstellungskraft ihr eigenes Universum. Und aus diesem Grund sind die projektiven Verfahren in der Kinderpsychologie von so großer Bedeutung.

Daher ist die kindliche Phantasiewelt so wichtig, weil Kinder uns dadurch verständlich machen, wie sie sich fühlen, und sie können uns von Sachen berichten, deren Namen sie nicht kennen. Denn für ein Kind ist es nicht einfach, eine Depression zu verstehen. Aber uns zu erklären, dass eines seiner Phantasiewesen traurig ist, weil es alles verloren hat, das ist ihm möglich.

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