Wie erklärt die Wissenschaft die zwischenmenschliche Chemie?

Gemeinsam sind wir mehr als die Summe unserer Teile. Die zwischenmenschliche Chemie gibt unserem Leben Sinn und ermöglicht tiefgehende Beziehungen.
Wie erklärt die Wissenschaft die zwischenmenschliche Chemie?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 11. Oktober 2022

Die zwischenmenschliche Chemie ist die Erfahrung, die zwei Menschen machen, wenn in einer Beziehung eine intensive und befriedigende Verbindung entsteht. Carl Gustav Jung erklärte dies mit folgenden Worten: “Das Zusammentreffen zweier Persönlichkeiten ist wie der Kontakt zweier chemischer Substanzen: wenn es eine Reaktion gibt, verwandeln sich beide.

Beim Beginn einer Freundschaft und beim Flirten werden bestimmte Chemikalien freigesetzt, die von der Wissenschaft schon lange untersucht werden. Dieser magische Augenblick entfaltet einen Cocktail von Neurochemikalien, die unser Gehirn verändern.

Wir empfinden Neugier, Anziehung, Freude, Motivation, Hoffnung und Faszination. Zwischenmenschliche Beziehungen ermöglichen es uns, zu wachsen, eine andere Person zu erreichen und etwas Neues zu schaffen. Soziale und emotionale Bindungen wie Freundschaft und Liebe sind die Grundlage der Zivilisation.

Genauso wie wir eine “Chemie” für bestimmte Menschen haben, können wir auch eine fast instinktive Abneigung gegen bestimmte Personen empfinden.

Die zwischenmenschliche Chemie bei einer Freundschaft
Die zwischenmenschliche Chemie ist das soziale “Molekül”, das die Grundlage für alle Freundschafts-, Arbeits- und natürlich Partnerbeziehungen bildet.

Zwischenmenschliche Chemie: 95 % Kompatibilität

Wir begegnen im Laufe des Lebens immer wieder Menschen, die unsere zwischenmenschliche Chemie stimulieren. Es geht dabei nicht nur um Paarbeziehungen, sondern auch um Freundschaften, bei denen eine außergewöhnliche Harmonie festzustellen ist. Bei Geschäften vereinfacht beispielsweise die Kompatibilität der Partner erfolgreiche Vereinbarungen.

In einer Studie der Universität von Kalifornien definieren die Forscher Reis, Regan and Lyubomirsky die zwischenmenschliche Chemie als das Gefühl, das entsteht, wenn wir mit einer Person in Beziehung treten und merken, dass aus dieser Interaktion etwas Größeres entsteht. Gemeinsam sind wir mehr als die Summe unserer Teile. Alles scheint zusammenzupassen und unsere Realität macht in der Gesellschaft einer bestimmten Gruppe von Menschen mehr Sinn.

Schließlich gibt es nur wenige Realitäten, die so viel Harmonie schaffen, wie Freunde, die uns verstehen oder Mitarbeitende, die uns motivieren. Was wäre die Liebe ohne die Chemie, die alles revolutioniert?

Die Wahlverwandschaften” (1809) von Johann Wolfgang von Goethe war die erste wissenschaftliche Abhandlung, die sich mit dem chemischen Ursprung der Liebe befasste.

Die zwischenmenschliche Chemie und ihre Komponenten

Das Gefühl, dass die zwischenmenschliche Chemie stimmt, stellt sich nicht immer sofort ein. Manchmal braucht es nur ein tiefes Gespräch und ein paar gemeinsame Stunden. Oft geht es jedoch länger, bis wir sie spüren. Die Geheimnisse dieses psychosozialen Zusammenspiels sind immer komplex und jeder Mensch erlebt sie auf eine besondere Art und Weise.

Wir können jedoch immer eine Reihe spezifischer Elemente beobachten:

  • Die affektive Verbindung zeichnet sich durch Komplizenschaft, Zuneigung, Respekt, Lachen, Wohlbefinden, Motivation und Optimismus aus. Diese Positivität hinterlässt ihre Spuren im Gehirn.
  • Kognitive Verbindung. Die zwischenmenschliche Chemie funktioniert nicht nur über Emotionen mit kognitiver Valenz. Wir müssen auch ähnliche Wahrnehmungen, ähnliche Ideen und dieselben Werte haben. Ähnliche Meinungen, Überzeugungen und Lebensphilosophien förderndie Chemie zwischen zwei Menschen.
  • Die verhaltensbezogene Verbindung. Du verbringst gerne Zeit mit einer Person, arbeitest auf dieselben Ziele hin und reagierst auf dieselben Herausforderungen? All das baut auch diese Art von sozial-affektiver Bindung auf.

Das faszinierendste Geheimnis menschlicher Beziehungen

In Hollywood weiß jedes Castingteam, dass es bei der Wahl einer Schauspielerin oder eines Schauspielers nicht nur um das äußere Erscheinungsbild, sondern um die “Chemie”, um das Charisma und die Persönlichkeit der Person geht. Auch das Publikum nimmt diese Ausstrahlung wahr und dies ist Teil des Erfolgs. Die Anziehungskraft einer Persönlichkeit macht das Drehbuch und die Geschichte glaubwürdig.

In unserem täglichen Leben ist das nicht anders: Ausstrahlung und Anziehungskraft sind die Grundlage einer Beziehung. Sie aktivieren unsere Gehirnchemie und ermöglichen es uns, uns selbst in dieser Person widerzuspiegeln. Wir erreichen zwar nie eine 100%ige Übereinstimmung, doch 95 % Kompatibilität machen uns glücklich.

In den letzten fünfzig Jahren konnten Wissenschaftler dank der Fortschritte in der Neurochemie und Immunologie nachweisen, dass es tatsächlich eine zwischenmenschliche Chemie gibt. Elemente wie Serotonin, Endorphine oder Oxytocin bauen diese Art von Anziehung oder Affinität auf.

Frau fühlt die zwischenmenschliche Chemie
Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, die zwischenmenschliche Chemie zu erleben, die mit Liebe und Freundschaft einhergeht.

Die Chemie des menschlichen Lebens

1919 schrieb der Arzt George W. Carey sein Werk “The Chemistry of Human Life“. In diesem kuriosen Buch stellte er sich den menschlichen Körper als eine Art Batterie vor. Erst wenn wir die richtige Stimulation erhalten, schwingt der Organismus, beginnt zu funktionieren und Bewegung, Energie und Leben werden möglich.

Mit dieser Art von Energie oder Stimulation meinte er zweifellos Dimensionen, die für unsere Existenz so wichtig sind wie Freundschaft oder Liebe. Sie versorgen uns mit einer angemessenen Dosis Serotonin, Dopamin, Oxytocin und Endorphinen. Die Chemikalien des Glücks, der Bindung und der Beziehungen geben unserem Leben einen Sinn. Die ganze Welt ist ein Labor, in dem wir die unglaublichsten chemischen Verbindungen und Reaktionen erleben.

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  • Campbell, K., Nelson, J., Parker, M. L., & Johnston, S. (2018). Interpersonal chemistry in friendships and romantic relationships. Interpersona: An International Journal on Personal Relationships, 12(1), 34–50. https://doi.org/10.5964/ijpr.v12i1.289
  • Reis HT, Regan A, Lyubomirsky S. Interpersonal Chemistry: What Is It, How Does It Emerge, and How Does It Operate? Perspectives on Psychological Science. 2022;17(2):530-558. doi:10.1177/1745691621994241

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