Wie das mentale Narrativ im Gehirn entsteht

Wir speichern unsere Erlebnisse und Erfahrungen als Geschichten, die durch einen roten Faden vernetzt sind und unsere Erinnerungen bilden. Die Interpretation und Einstellung zu den gemachten Erlebnissen prägen unser mentales Narrativ.
Wie das mentale Narrativ im Gehirn entsteht

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 29. Juli 2022

Das mentale Narrativ besteht aus sinnstiftenden Erzählungen, die wir uns auf der Grundlage unserer Erlebnisse und Erfahrungen ausdenken. Wir definieren damit unser Selbst und geben unserer eigenen Geschichte einen Sinn. Es ist der Verstand, der jedem Ereignis eine logische und kohärente Struktur gibt, sodass jedes Detail in der Erinnerungskiste seine Bedeutung hat.

Der Psychologe Jerome Bruner sprach als Erster über die kognitive Kraft der Selbsterzählung. Er erklärt, dass wir jedem Ereignis und jeder Erfahrung einen Sinn, eine Bedeutung und eine Richtung geben, wie ein Schriftsteller, der eine Geschichte schreibt. In gewisser Weise ist es unsere Aufgabe, das Chaos, das Überraschende und sogar das Ungewisse zu ordnen. Es ist ein natürliches Bedürfnis des Gehirns, jeder Erfahrung einen Sinn zu geben.

Der Rückgriff auf das mentale Narrativ erleichtert das Erinnern. Jede Szene, jede Empfindung und jede Erfahrung, die sich in unserem Geist wie an einem roten Faden organisiert, wird schließlich Teil unseres autobiografischen Gedächtnisses.

Wir sind alle das Ergebnis einer Geschichte, die durch mentale, innere und subjektive Prozesse geprägt wird. Wir laden dich ein, mit uns darüber nachzudenken.

das mentale Narrativ
Dein mentales Narrativ hilft dir, alltägliche Erfahrungen zu vernetzen und ihnen einen Sinn zu geben.

Das mentale Narrativ

Das mentale Narrativ ist in der Neurowissenschaft ein relativ neues Thema. Mit den fortschreitenden Erkenntnissen über Verständnis von Gedächtnis ist es notwendig geworden, diese Perspektive zu integrieren. Das mentale Narrativ ermöglicht uns die Vernetzung verschiedener Erfahrungen, die damit einen Sinn erhalten. Denn so können wir sie im Gedächtnis verankern.

Brendan Cohn-Sheehy, ein Forscher an der Universität von Kalifornien, und sein Team haben vor einem Jahr eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Wie er auf einer Pressekonferenz erklärte, müssen wir kohärente Erzählungen konstruieren, um uns an die Details der einzelnen Ereignisse zu erinnern. Alles, was nicht in eine mentale Geschichte integriert ist, gerät in Vergessenheit.

Jerome Bruner hat dies in seinem Buch “Mental Reality and Possible Worlds” selbst festgestellt. Sein Vermächtnis ist eine Revolution in der kognitiven Psychologie, denn er zeigte eine neue Facette des Geistes auf. Unser geistiges Universum beschränkt sich nicht nur auf das Testen von Hypothesen, das Analysieren oder Vergleichen. Wir konstruieren auch Erzählungen, die versuchen, unseren Erlebnissen Sinn zu geben.

In unsere Erzählungen fließt auch die Vorstellungen darüber ein, was andere über uns denken.

Der Hippocampus, die Region, die dem Leben Kohärenz verleiht

Wenn wir die Metapher des Computers verwenden, um das Gehirn zu beschreiben, ist der Hippocampus die Festplatte. In diesem Gehirnareal festigen sich Erinnerungen und Lernprozesse. Außerdem ist der Hippocampus an der Regulierung emotionaler Zustände beteiligt und spielt eine wichtige Rolle für das räumliche Gedächtnis.

Die Forschung von Dr. Cohn-Sheehy und seinem Team hebt jedoch noch eine weitere Eigenschaft hervor. Der Hippocampus ist die Region, die unser mentales Narrativ kohärent macht. Mit anderen Worten: Dieser Bereich fördert und organisiert die Verknüpfung aller Teile zu einer Geschichte. Denn je zusammenhängender eine Erzählung ist, desto besser wird sie in unser Gedächtnis aufgenommen.

Wir dürfen kein Detail auslassen: Es geht darum, sich an die Vergangenheit zu erinnern, um die Gegenwart zu gestalten. Damit wir unsere Lebensgeschichte logisch und sinnvoll integrieren können, müssen wir auf das Gestern zurückgreifen, um eine Erzählung kohärent zu machen. Das mentale Narrativ steht im Einklang mit unserer Identität, unserem Werdegang, unseren Erfahrungen und unserer Persönlichkeit.

Das mentale Narrativ: das Gehirn ist selektiv und auch trügerisch

Das Selbst, so erklärt Jerome Bruner, ist das Produkt eines narrativen Prozesses, bei dem wir das, was uns widerfährt, mit dem kombinieren, was wir uns selbst erzählen. Aber wir beziehen auch mit ein, was – unserer Meinung nach – andere von uns denken. Und hier machen wir auch Fehler.

Dr. John. Drummond (2004) erklärt in seinem Aufsatz “Cognitive Impenetrability and the Complex Intentionality of the Emotions”, dass das mentale Narrativ Ausschnitte unserer Existenz enthält, die wir a posteriori erfassen, um ihnen einen Sinn zu geben. Mit anderen Worten: Die Geschichte unseres Lebens ist nicht immer ein millimetergenaues Abbild unserer Erlebnisse, sondern das Ergebnis der Interpretation der gemachten Erfahrungen.

Manchmal geben wir bestimmten Ereignissen eine eindeutig negative Bedeutung. Es reicht schon, wenn du von negativen Emotionen beherrscht wirst, um die Realität zu filtern und zu verzerren. Das Gehirn ist nicht nur selektiv, sondern neigt manchmal auch dazu, das Gesehene je nach Stimmung und Persönlichkeitstyp zu verzerren.

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Das mentale Narrativ und der innere Dialog

Die mentale Erzählung ist wie ein Film über deine Erlebnisse. Du selbst bist der Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur, was nicht immer von Vorteil ist. Michael White und David Epson, die Begründer der narrativen Therapie, weisen darauf hin, dass sich Menschen manchmal durch eine vorherrschende Erzählung einschränken, was eindeutig schädlich ist.

Die Gründe dafür finden sich fast immer in unserem “Familienarchiv”. Wir sprechen von frühen Erfahrungen und von der Umgebung, die oft schmerzhafte Geschichten schreiben. Ist dies der Fall, bist du nicht mehr in der Lage, dich weiterzuentwickeln und bleibst in diesem Kapitel stecken, das niemals endet.

Eine Therapie hilft betroffenen Menschen, ihr mentales Narrativ neu aufzubauen und zu ordnen. Es ist immer möglich, andere Türen zu öffnen, um neue Erfahrungen zu machen und ihnen eine positivere und bereichernde Bedeutung zu geben. Hier ist jedoch die Stimme des Selbst der Schlüssel.

Der innere Dialog ist der Bildhauer unserer Geschichten und derjenige, der gesündere und hellere mentale Erzählungen gestalten muss. Denn wie bereits erwähnt, geht es nicht nur um die Erfahrungen, sondern um unsere Interpretation der Erlebnisse. Wenn unsere Auslegung resilient und hoffnungsvoll ist, profitieren wir sehr davon.

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  • Bruner, Jerome (1995). “The Narrative Construction of Reality” (1991). Critical Inquiry, 18:1, 1-21.
  • Burnner, Jerome (2009) Realidad mental y mundos posibles: Los actos de la imaginación que dan sentido a la experiencia. Gedisa.
  • Danto, A. C. (1989): Historia y narración. Ensayos de filosofía analítica de la historia. Barcelona: Paidós.
  • Drummond, J. (2004). Cognitive Impenetrability and the Complex Intentionality of the Emotions, Journal of Conciousness Studies 11, 109-126.
  • Duero, D. G. (2011). Procesos psicológicos y mundos mentales. Córdoba: Editorial Alejandría