Wenn du ganz unten angekommen bist, bleibe nicht dort: Steh auf!

· 18. September 2018

Wenn du ganz unten angekommen bist, hab keine Angst. Wenn du an die Grenzen deiner Kräfte gelangt bist, wenn dich dieser letzte Fehler oder diese Enttäuschung stärker berührt hat als jemals zuvor, bleibe nicht stehen, schäme dich nicht und bleibe nicht in diesem persönlichen und psychologischen Abgrund stecken. Steh auf. Ergreife die Initiative und triff die Wahl der Mutigen, die an ihrer Würde festhalten, um niemals tiefer fallen, als ihr eigenes Herz erlaubt.

Wir alle haben uns schon in Situationen wiedergefunden, zu denen die Phrase „den Boden berühren“ passt. Psychologen und Psychiater sehen sich in ihren Praxen täglich mit Patienten konfrontiert, die dieses Limit erreicht haben. Sie sind Menschen, die davon überzeugt sind, an einen Tiefpunkt gelangt zu sein, und denen nur noch eine Möglichkeit bleibt: die der Veränderung und Verbesserung.

 „Das Erreichen eines Tiefpunktes lässt uns erkennen, wer wir sind und wo wir wieder festen Boden betreten können, auch wenn dies mit Bitterkeit und Degradierung geschieht.“

José Luis Sampedro

Doch die traurige Realität sieht so aus, dass diese Regel nicht immer zutrifft. Der Grund dafür? Es gibt Menschen, die sich dauerhaft in diesem Abgrund niederlassen. Schlimmer noch, gibt es diejenigen, die entdecken, dass es unter diesem Abgrund noch einen weiteren Keller gibt, in dem es noch dunkler und kühler ist. Diese Idee mag ironischerweise dazu verleiten, sich eben keine Hilfe zu suchen. Wenn das Problem noch nicht so ernst geworden ist, ist es aber viel leichter, Ressourcen zur Veränderung und Verbesserung bereitzustellen.

Mann in einer Höhle, der Richtung Ausgang blickt

Wir alle sind schon einmal ganz unten angekommen und das Aufstehen ist nicht leicht

Wir alle sind schon einmal ganz unten angekommen und wir wissen, dass es schmerzt. Ein großer Teil der Bevölkerung ist bereits einmal in jenen Abgrund gefallen, in den sie die Angst, die Verzweiflung oder das Versagen gebracht hat. Aber diese Vorstellung, dass uns nur die absolute Verzweiflung uns dazu bringen könnte, wieder Licht zu sehen und eine Verbesserung einzuleiten, ist nicht wahr. Man muss kein großes Leid erfahren, um zu erkennen, was das Leben ausmacht. Und auch der Schmerz lehrt uns und erleuchtet uns nur, wenn wir den angemessenen Willen und die richtigen Ressourcen dafür aufweisen. So sehr uns diese Idee auch gefällt, gibt es in unserem Gehirn keinen Autopiloten, der uns jedes Mal, wenn wir ans Ende unserer Kräfte gelangen, in den Modus der Resilienz versetzen würde. 

Der Philosoph und Psychologe William James sprach in seinem Buch Die Vielfalt religiöser Erfahrung  (1902) von der Höhle der Melancholie. Es gebe Menschen, die in der Lage seien, den Abgrund zu berühren und von dort aus den Punkt zu sehen, über den das Sonnenlicht sie zum Ausgang führe. Andere seien im Gegensatz dazu jedoch in der Höhle der Melancholie gefangen. Diese sei eine Höhle, in der die Scham wohne, die sich im Gedanken „Wie konnte ich nur so tief fallen?“  zeigt, und das Gefühl chronischer Depressionen, das aus der Annahme heraus entsteht, nichts tun zu können, um die Situation zu verbessern.

Frau, die unter Wasser schwimmt

Wenn du ganz unten angekommen bist, gewöhne dich nicht an diesen Ort. Steh auf!

Ganz unten angekommen zu sein bedeutet, sich auf dem Boden der Mutlosigkeit zu befinden. Erlaube dir selbst nicht, in den Keller der Verzweiflung abzusteigen. Den Abgrund zu berühren bedeutet auch, eine Bühne tiefer Einsamkeit zu betreten, eine Höhle, in der nichts geschieht und der Geist sich verheddert, wo die Gedanken stecken bleiben und diese merkwürdig und obsessiv werden. Doch denke daran: Du hast ein Rückfahrticket und du musst nur einen Schritt in die Höhe wagen, um zu erkennen, dass es Stufen gibt, die hinaufführen.

Nun gut, der Akt des Aufstehens setzt etwas sehr Schwieriges voraus: Er impliziert die Überwindung der Angst. Ein Weg, ihr gegenüberzutreten, ist die Technik des absteigendes Pfeils anzuwenden, wie sie von Kognitionstherapeuten wie David Burns vorgeschlagen wird. Nach diesem Ansatz leben viele Menschen dauerhaft in diesem psychologischen Abgrund, weil sie blockiert sind, weil sie leiden, sich verloren fühlen und obwohl sie sich dessen bewusst sind, dass es einer Veränderung bedarf, fällt es ihnen schwer, sich in dieser Sackgasse umzudrehen. Sie wagen es nicht oder wissen gar nicht, wie sie das schaffen sollen.

Die zentrale Idee dieser Technik ist es, diese irrationalen Überzeugungen niederzureißen, die uns in solchen Szenarien der Stille und der Verzweiflung heimsuchen. Dafür wählt der Therapeut einen negativen Gedanken des Patienten aus und fordert diesen mit der Frage „Wenn dieser Gedanke wahr wäre und dies wirklich geschehen würde, was würdest du tun?“  heraus. Es geht also darum, eine Reihe von Fragen zu formulieren, die als absteigende Pfeile fungieren, um falsche Vorstellungen zu entlarfen und zu beseitigen, genauso wie neue Ansätze zu fördern. Veränderungen.

Vögel, die einen Pfeil formen

Lasst uns ein Beispiel betrachten. Denke an eine Person, die ihren Job verloren hat und sich in einer Situation der Arbeitslosigkeit befindet, die bereits ein Jahr lang dauert. Die Fragen, die wir dieser Person stellen könnten, um sich all ihren Ängsten zu stellen, wären folgende: Was würde passieren, wenn du nie wieder einen Job finden würdest? Was würde passieren, wenn dein Partner auch seinen Job verlieren würde? Was würdest du tun, wenn ihr plötzlich keine Rücklagen mehr hättet?

Diese Übung kann unangenehm sein, da sie darauf aus ist, die katastrophalsten Grenzen aufzuzeigen. Sie zielt jedoch auch darauf ab, der betroffenen Person einen Impuls zu geben, sie dazu einzuladen, zu reagieren, mögliche Strategien, um jene Probleme lösen zu können, zu entwickeln, die bisher noch nicht eingetreten sind (und die es auch nicht tun müssen). Dies bedeutet im Wesentlichen, der Person zu zeigen, dass ihr nur eine Option bleibt: aufzustehen. Dies wird die Entscheidung sein, die alles verändert.