Weißt du, was „kulturelle Evolution“ bedeutet?

· 24. September 2018

Wir alle wissen, was unter „Evolution“ zu verstehen ist. Wir denken dabei wahrscheinlich an Charles Darwin und sein Buch Über die Entstehung der Arten.  Darwins Theorie zufolge erfolgte die biologische Evolution aufgrund der natürlichen Auslese. Als Ergebnis entwickelten sich diejenigen Arten weiter, die am besten angepasst waren und deshalb eher überleben konnten. Aber das ist nicht die einzige Art von Evolution, die wir kennen. Es gibt auch eine sogenannte kulturelle Evolution.

Wir Menschen sind die einzige Art, die Kultur hat – das ist einer der Aspekte, der uns besonders macht. Wir erschaffen Kultur und geben diese weiter, aber was genau ist Kultur eigentlich? Als Kultur gilt die Entwicklung von:

  • Traditionen und Sitten
  • Sprachen
  • Werten
  • Gesetzen
  • Sozialer Organisation
  • Religionen
  • Werkzeugen
  • Technologie
  • Transportmitteln
  • Kunsthandwerk

Kultur hat immer damit zu tun, Wissen zu sammeln und weiterzugeben, um uns besser an unsere Umwelt anpassen zu können. „Kulturelle Evolution“ bedeutet im Grunde eine langfristige Verwandlung der kulturellen Aspekte einer Gesellschaft, um eine besser Anpassung zu erreichen. Natürlich verändert diese Art der Evolution auch einzelne Personen.

Zwei asiatische Jungen spielen in einem Fluss.

Kulturelle Anpassung

Kultur wurde irgendwann einmal eine Überlebensstrategie. Sie war ein Mittel, um unser Wissen und unsere Fähigkeiten weiterzugeben und eine fortschrittlichere Technologie zu entwickeln. Diesbezüglich gibt es zwei grundlegende Fähigkeiten, die für eine kulturelle Evolution notwendig sind, nämlich soziales Lernen und die Theory of Mind (ToM), die auch native Theorie genannt wird.

Es scheint vielleicht, als ob auch manche Tierarten kulturellen Gepflogenheiten folgten, aber diese entwickeln oder verbessern sich nicht mit der Zeit. Eben aus dem Grund, dass Tiere nicht fähig sind, sozial zu lernen und sich in den Kopf ihrer Artgenossen hineinzuversetzen. Im Gegensatz zu den Tieren entwickelt sich der Mensch nach und nach, wobei er sich immer besser anpasst. Da Menschen einander imitieren, lernen sie ständig neue Techniken und sind auch in der Lage, diese weiterzuentwickeln, während das ursprüngliche Wissen und dessen Fähigkeiten erhalten bleiben und das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss. Das Ergebnis ist eine variantenreiche, komplexe Kultur.

Ein alter Mann in Indien schnitzt.

Native Theorie und soziales Lernen

Die native Theorie bezeichnet die Fähigkeit, anderen Menschen Gedanken und Absichten zuzuschreiben. Alle Menschen haben diese Fähigkeit und sie entwickelt sich im Alter von zirka sechs Jahren. Dank der nativen Theorie verstehen wir, dass auch andere Menschen denken und deshalb Absichten verfolgen. Das macht es uns möglich, gemeinsame Vorstellungen und eine Kultur zu entwickeln.

Als Menschen geben wir außerdem unsere Kultur weiter. Wenn du jemandem von deiner Religion erzählst und der Person die heiligen Rituale zeigst, die ihr als Religionsgemeinschaft ausübt, dann vermittelst du ihm deine Kultur. Wir setzen soziales Lernen ein, um andere zu imitieren und durch Beobachtung zu lernen.  

Zum Beispiel berichtete Carl Sagan, dass einige japanische Krebse dieselbe Form haben wir der Helm der Samurai. Aus dem Grund haben die Japaner lange Zeit keine Krebse mit dieser Form gefischt – weil Samurai in der Kultur hochgeachtet sind, ließen die Menschen Krebse in Helmform in Ruhe und fischten nach anderen Tieren. Das ist ein praktisches Beispiel für soziales Lernen.

Theorien kultureller Veränderung

Alle Theorien, die versuchen, kulturelle Evolution vorherzusagen, verwenden eine Einteilung, die auf Karl Marx zurückgeht. Diese Klassifikation folgt einer Dreiteilung der verschiedenen Aspekte der Kultur: Infrastruktur, Struktur und Superstruktur. Jeder Aspekt von Kultur fällt in einer dieser drei Kategorien.

Die Infrastruktur hat mit der materiellen Ebene zu tun, wie zum Beispiel Technologie, Produktionsmittel sowie die natürlichen Rohstoffe oder Arbeitskräfte, die Gesellschaften in ihren sozialen und wirtschaftlichen Bereichen einsetzen. Es ist schwer, Änderungen an der Infrastruktur vorherzusehen. Diese beruhen normalerweise auf technologischen Neuerungen oder wirtschaftlicher Entwicklung, beziehungsweise wirtschaftlichen Veränderungen. Auch Veränderungen auf einer anderen Ebene können die Infrastruktur einer Kultur beeinflussen.

Zwei junge buddhistische Mönche schöpfen Wasser.

Die Struktur hat mit den sozialen Aufgaben und Funktionen zu tun. Hier geht es um hierarchische Machtstrukturen. Diese Ebene beinhaltet auch die Regeln, die unsere Beziehungen zueinander regeln. Alle Änderungen auf dieser Ebene haben einen großen Einfluss auf die Infrastruktur und umgekehrt. Als Beispiel sei genannt: Als Frauen zunehmend Teil der Arbeitswelt wurden, führte diese Veränderung in der Infrastruktur auch zu einer Veränderung im sozialen Gefüge.

Die Superstruktur hat mit allen nicht-greifbaren, idealen Aspekten einer Kultur zu tun. Es gibt sehr viele Beispiele dafür, wie zum Beispiel Religion, Moral und die „hohe Kultur“, zu der Malerei, Architektur, Musik, Literatur und Film gehören. Hier werden Änderungen eingeleitet, um die vorherrschende soziale Ordnung zu rechtfertigen. Zum Beispiel führte der Anstieg der Zahl der arbeitenden Frauen zu einem höheren sozialen Status von Frauen, die nun finanziell unabhängig waren und ihr eigenes Brot verdienen konnten.

Ein chinesischer Junge reitet einen Ochsen.

Ein Beispiel für kulturelle Evolution

Diesen Theorien zufolge passen Kulturen sich an. Marvin Harris hatte dazu eine Hypothese entwickelt, die als kultureller Materialismus bekannt ist. Er sagte, dass Veränderungen an der Infrastruktur einer Kultur – insbesondere, wenn Produktionsmittel und Technologie betroffen seien – immer zu neuen kulturellen Aspekten führen, die wiederum die Struktur und Superstruktur verändern. Aber das bedeute nicht, dass die drei Ebenen nicht miteinander verbunden wären. Jede Veränderung auf einer Ebene kann zu Veränderungen auf den anderen zwei Ebenen führen, selbst wenn diese nicht immer offensichtlich sind.

Ein kultureller Wandel, den wir durch die Linse der kulturellen Evolution betrachten können, ist der Kannibalismus. In manchen Gesellschaften entwickelte sich diese soziale Praxis als ein Nebeneffekt von Krieg. Aber je mehr Nationen und Reiche sich entwickelten, desto weniger ging es im Krieg nur darum, den Feind loszuwerden. Kriegsgefangene konnten zur Macht einer Nation beitragen, weshalb der Kannibalismus nachließ. Es gab keinen Grund mehr, diese Praxis beizubehalten. Insofern führte eine Veränderung der Infrastruktur (Übergang von Stamm zu Nation) zu einer Veränderung der Struktur – die Kultur gab den Kannibalismus auf.