Native Theorie – die Quelle der Empathie

· 15. Juni 2018

Die Native Theorie, auch Theory of Mind genannt, beschreibt die Fähigkeit, zwischen den eigenen Gedanken und den Gedanken anderer Menschen zu unterscheiden. So erhältst du die Möglichkeit, das Verhalten von jemand anderem zu interpretieren und vorherzusagen. Dies geschieht, indem du der betreffenden Person einen gewissen mentalen Zustand zuschreibst. Dieser Zustand kann Gedanken, Gefühle, Überzeugungen, Wünsche und andere Konzepte beinhalten.

Denke doch über folgendes Beispiel nach: Stelle dir vor, du schaust aus dem Fenster und siehst, wie dein Nachbar das Haus verlässt. Wenn der Nachbar nur noch ein paar Schritte entfernt ist, kontrolliert er plötzlich seine Taschen, dreht sich um und geht wieder zurück ins Haus. Du hast wohl kein Problem damit, sein Verhalten zu verstehen. Er hat höchstwahrscheinlich etwas vergessen. Das liegt daran, dass du sein Bewusstsein und sein Verhalten interpretieren kannst. Diese Fähigkeit nennt man Native Theorie.

Native Theorie: ein gedankliches System

Die Native Theorie kommt aus dem Konstruktivismus. Vertreter dieser philosophischen Strömung glauben, dass der Mensch selbst als Wissenschaftler fungiere, indem er intuitiv Theorien über die Realität auf der Grundlage von eigenen Konzepte konstruiere. Daher geht die Native Theorie davon aus, dass alle Vorstellungen und Ideen über den Geist aus einem riesigen gedanklichen System bestehen. Das System ist dabei aus einem Netzwerk verwandter Konzepte und nicht aus expliziten Definitionen aufgebaut.

Schema für Netzwerk

Zwei Dinge sollten wir verstehen, wenn es um das gedankliche System geht:

  • Es ist interpretativ. Wir verwenden Konzepte und Systeme, um den mentalen Zustand anderer zu erkennen und eine Realität um diese Information herum aufzubauen.
  • Es ist schlussfolgernd. Der logische Zusammenhang zwischen den Konzepten erlaubt es uns, zukünftiges Verhalten durch Ursache und Wirkung zu erklären und vorherzusagen.

Daher können wir die Native Theorie als kognitives System definieren, welches das Verhalten anderer Menschen mit der Unterstützung von Interpretationen und Schlussfolgerungen leitet, integriert und vorhersagt. Diese Definition legt nahe, dass die Gedanken einen Vermittler zwischen Wahrnehmung und Handlung darstellen. Wenn du die Gedanken eines anderen in deinem eigenen Kopf repräsentieren kannst, kannst du sein Verhalten entschlüsseln.

Die Gedanken führen das Verhalten herbei

Das wirft aber die Frage auf, wie die Gedanken zwischen der Wahrnehmung und der Handlung vermitteln und wie wir daraus schließen können, was in den Köpfen anderer Leute vor sich geht. Es ist wichtig, diese Fragen zu beantworten, um zu verstehen, wie wir das Verhalten anderer Menschen vorhersehen können, obwohl wir ihre Gedanken nur intuitiv wahrnehmen. Ein spanischer Psychologe namens Ángel Rivière hat zusammen mit seinem Team eine Theorie entwickelt, um eine Erklärung hierfür zu liefern.

Nach den Theorien von Rivière und seinem Team beginne alles mit der Wahrnehmung, auf der wir unsere Vorstellungen und Überzeugungen zur Realität bilden. Zusätzlich erschaffen wir vor unserem biologischen und pädagogischen Hintergrund Wünsche, die unsere Absichten ändern, um deren Erfüllung zu fördern. Dieses Zusammenspiel zwischen Überzeugungen und Wünschen führt zu einem Muster von Verhaltensweisen. Diese haben das Ziel, unsere Wünsche Realität werden zu lassen.

Kritikpunkt an diesem Modell ist, dass es zu einfach ist, um die Realität der Verhaltensweisen zu erklären. Aber wir müssen es auch nicht aus einer wissenschaftlichen Perspektive heraus betrachten. Wir wollen ja wissen, wie das Gehirn funktioniert und nicht, was tatsächlich passiert. Es sieht so aus, als würde das Gehirn diese Theorie nutzen, um das eigene Verhalten und das Verhalten anderer Menschen zu interpretieren und vorherzusagen. Es mag wohl nicht präzise sein und nicht immer stimmen. Dennoch ist es eine schnelle Abkürzung, die in den meisten Fällen gut genug ist.

Native Theorie lässt uns wissen, was andere denken und fühlen.

Wie entwickelt sich die Native Theorie?

Entgegen ihrem Namen werden wir nicht mit der Nativen Theorie geboren, aber wir haben ab unserer Geburt das Potenzial dafür. Es ist im Gehirn vorinstalliert, muss aber in wichtigen Entwicklungsphasen richtig stimuliert werden, um volle Funktion zu erreichen.

Das Alter, in dem sich die Native Theorie entwickelt, liegt bei etwa 4 bis 5 Jahren. In diesem Alter fangen Kinder an, die Meinung eines anderen von der eigenen zu unterscheiden. So kann ein Kind die Meinung des anderen auch als falsch erachten. Dies kann aber erst geschehen, wenn ein Kind die Fähigkeit hat, zwei grundlegende Konzepte zu verstehen:

  1. Wünsche und Überzeugungen. Das Kind sollte verstehen, dass das Verhalten einer Person von ihren eigenen Wünschen und Überzeugungen geleitet wird. Es muss lernen, dass Überzeugungen falsch sein und Wünsche unerfüllt bleiben können.
  2. Menschen betrachten die objektive Realität aus einer subjektiven Perspektive. Das Kind sollte verstehen, dass ihr Verhalten von einer subjektiven Einschätzung der Realität bestimmt wird. Erst dann ist es in der Lage, die Existenz falscher Überzeugungen zu verstehen und Ursachen dafür zu erahnen.

Auch wenn die Native Theorie vollständig entwickelt ist, wird sie nicht zu einem passiven Prozess. Sie beeinflusst die Entwicklung anderer wichtiger Fähigkeiten, einschließlich der Empathie. Wenn das Kind beginnt, die Überzeugungen und Wünsche anderer Menschen zu verstehen, kann es sich in sie auch hineinversetzen.