Warum gibt es Religion?

· 28. Juni 2018

Wenn wir uns auf die westliche Kultur beziehen, wird Religion als etwas Privates betrachtet. Sie ist etwas, das jeder für sich behält, als Zeichen des Säkularismus. Menschen dürfen religiös sein, praktizieren ihren Glauben aber hinter verschlossenen Türen. Das ist jedoch nur theoretisch möglich und in einigen Ländern, auch in europäischen, sind die Weltreligionen nach wie vor sehr präsent. Die religiösen Praktiken von Minderheiten geraten aufgrund der Säkularisierung in Vergessenheit, aber die Mehrheitsreligionen werden auf einen Sockel gehoben, wenn es um das kollektive Handeln geht. Das liegt unter anderem daran, dass Religion und Politik eben nicht vollständig voneinander zu trennen sind.

Bevor wir nun über religiöse Orientierung sprechen, wollen wir zwischen Religion und Religiosität zu unterscheiden. Religionen sind zeitlos und universell; sie verändern sich nicht mit der Zeit oder dem Raum. Religiosität ist die Art und Weise, wie Gläubige ihre Religion ausleben. Religiosität ist eine subjektive Erfahrung, die von dem Typ des jeweiligen Anhängers abhängt. Sie ist damit eine individuelle Angelegenheit, die den Regeln der Religion nicht unbedingt entsprechen muss. Sie ist extrem variabel in Zeit und Raum.

Unabhängig von den sozialen oder rechtlichen Normen, die religiöse Praktiken behindern oder fördern, lebt also jeder Mensch seine Religion anders. Menschen können ihren Glauben auf vier verschiedene Arten erleben, nämlich extrinsisch, intrinsisch, Religion als Suche und religiöser Fundamentalismus.

Hindu

Extrinsische und intrinsische religiöse Motivation

Dies sind die ersten beiden Kategorien, in denen Religion betrachtet wird. Sie trennen Menschen, die Religion als Mittel zum Zweck nutzen – um persönliche oder soziale Vorteile zu erzielen, z. B. Akzeptanz in der Gruppe – von denen, die sie zum Selbstzweck praktizieren, beispielsweise indem sie privat beten. Menschen mit extrinsischer Orientierung benutzen die Religion, während diejenigen mit intrinsischer Orientierung ihre Religion als Bereicherung ihres eigenen Lebens verstehen, ohne dass die Außenwelt darin involviert wäre.

Wenn Religion ein grundlegendes Lebensmotiv, Zentrum und absolutes Kriterium für Entscheidungen ist, dann wird sie aus intrinsischer Motivation heraus praktiziert. Andererseits betrachten diejenigen mit extrinsischer Motivitation die Religion auf utilitaristische Weise. Sie ist Mittel zum Zweck, um ihre Interessen und Bedürfnisse wie Rechtfertigung, Sicherheit, sozialer Status und Unterstützung zu erhalten. Viele Menschen folgen beiden Formen der Motivation.

Muslime in Mekka

Die Religion als Suche nach Antworten

Intrinsische und extrinsische Motivation leiten über zum Verständnis der Religion als Weg auf der Suche nach Antworten. Der Gläubige stellt grundlegende Fragen nach dem Sinn der Existenz. Menschen, die ihren Glauben auf diese Weise verstehen, betrachten Zweifel – auch an der Religion – als etwas Positives und sind offen für Diskussionen. Sie sind gleichzeitig kritisch und flexibel. Sie vertreten eine Position, die von Zweifeln und der Suche nach Identität geprägt ist.

Generell fördert die Suche nach Antworten den Dialog über die großen existenziellen Fragen, die im Angesicht von Widersprüchen und Tragödien aufkommen.

Buddhistische Mönche

Religiöser Fundamentalismus

Religiöser Fundamentalismus beruht auf der Überzeugung, dass es eine religiöse Lehre gäbe, die die absolute Wahrheit über die Menschheit und einen Gott oder mehrere Götter beinhalteten. Diese widersetzt sich allem anderen und bekämpft die bösen Mächte. Seine Anhänger praktizieren ihren Glauben in Übereinstimmung mit den grundlegenden und unveränderlichen Praktiken, die ihnen in der Vergangenheit gelehrt wurden.

Fundamentalisten können sowohl intrinsisch als auch extrinsisch motiviert sein, wobei letzteres häufiger der Fall ist. Sie neigen dazu, zu glauben, dass die Anhänger ihrer Religion immer recht hätten, während alle anderen im Unrecht wären. Das führt sie dazu, dass sie Vorurteile aufbauen und kultivieren. Diese distanzieren sie von anderen Gruppen, die sie daher nicht mehr kennenlernen können. Ihre Interpretation der Realität ist darauf ausgerichtet, ihre Stereotype zu bestätigen. Menschen, die den Fundamentalismus vertretenen, behaupten zudem häufig, eine besondere Beziehung zu Gott zu haben.

Christen mit einen Kreuz

Es gibt also mehrere Möglichkeiten, einer Religion zu folgen. Jede Gruppe und jede Person tut das auf andere Weise. Keine Religion ist von Grund auf besser oder schlechter als eine andere, sondern es geht darum, wie wir sie praktizieren. Ob wir die Freiheit anderer einschränken, indem wir es tun. Ein weiteres Problem tritt auf, wenn wir versuchen, anderen unsere Religion aufzuzwingen.

Die Anpassung an ein anderes Verständnis von Welt und Religion ist nicht einfach und erfordert Zeit, aber unser Zusammenleben könnte und sollte friedlich sein. Und das ist erreichbar, wenn wir es auf Respekt aufbauen. In gleicher Weise sollten Staaten, Länder und andere politische Einheiten keine Religion vorschreiben.