Weißt du, warum der September gelb ist?

Was treibt einen Menschen dazu, sich das Leben zu nehmen? Was können wir tun, um Suizide zu verhindern? Der September ist gelb wegen einer traurigen Geschichte, die es verdient, erzählt zu werden.
Weißt du, warum der September gelb ist?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 17. Februar 2023

Am 10. September ist der internationale Tag der Suizidprävention. Deshalb ist der September gelb – denn mit dieser Farbe huldigen wir bestimmten Personen und Geschichten, die wir nicht vergessen können. Wir sind alle wichtig auf dieser Welt und wir alle können etwas tun, um Personen zu helfen, die gerade über Suizid nachdenken.

Ein großer Teil der Suizidversuche bleibt erfolglos. Viele versuchen es sogar immer wieder aufs Neue. Doch manche Menschen wagen den Schritt hinaus und suchen sich spezialisierte Hilfe. Mit der Zeit kehren dank Therapie und der Unterstützung der Menschen in ihrem Umfeld die Hoffnung und der Lebenswille zurück. Nichts ist so grundlegend wie Hilfe, sobald der erste drängende Gedanke aufkeimt, das eigene Leid beenden zu wollen.

Doch warum tun sich das manche Menschen an? Was treibt zum Beispiel jemanden im Alter von 15, 20 oder 55 Jahren dazu, sich das Leben zu nehmen? Das ist eine Frage, die Familienmitglieder, die einen geliebten Menschen unter diesen dramatischen Umständen verloren haben, immer wieder umtreibt. Selbstmord ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, das von einem konkreten Bedürfnis gesteuert wird: den Schmerz, das Unbehagen und die Qualen auszulöschen und d ie Angst zum Schweigen zu bringen. Im Wesentlichen geht es also darum, das eigene Leiden zu beenden.

Jedes Jahr begehen weltweit fast eine Million Menschen Suizid, das entspricht einem Menschen alle 40 Sekunden. Doch auf jeden Suizid kommen Dutzende erfolglose Versuche. Schätzungsweise 20 Millionen Männer und Frauen unternehmen jedes Jahr einen Selbstmordversuch.

Junge mit Kapuze denkt an Suizid im September
Die Zahl der Suizide ist bei den 15- bis 29-Jährigen am höchsten.

Der September ist gelb: ein Symbol des Suizids

Mike Emme war 17 Jahre alt, als er sich 1994 das Leben nahm. Der junge Amerikaner hatte eine Vorliebe für Mechanik, reparierte Autos und kaufte einen alten Ford Mustang von 1968, der in einem schrecklichen Zustand war. Er reparierte ihn und strich ihn in einem auffälligen Gelb an. Von da an wurde er Mike Mustang genannt.

Wenn es etwas gab, wofür dieser Mann bekannt war, dann war es sein Altruismus. Er reparierte die Autos seiner Freunde und half jedem, der Probleme auf der Straße hatte. Eines Tages wurde er jedoch tot aufgefunden. Er hatte sich das Leben genommen und niemand verstand warum. Denn er hatte nie Anzeichen einer schlechten mentalen Gesundheit gezeigt – seine Freunde und Familie waren dementsprechend am Boden zerstört.

Es war ein solcher Schock für die Gemeinde, dass sie beschloss, etwas zu unternehmen. Sie wollten verhindern, dass so etwas noch einmal passierte. Seine Eltern und Freunde starteten eine Kampagne: Sie verteilten Tausende von gelben Bändern (im Andenken an Mikes Auto) mit der Botschaft: “Tu es nicht, bitte hol dir Hilfe.” Seitdem ist der September gelb, um sich an seine Geschichte zu erinnern und an die Notwendigkeit, sich Unterstützung zu suchen.

Wenn du eine schlechte Zeit durchmachst, sprich mit jemandem. Wenn du nur Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit siehst, bitte um Hilfe. Die schlimme Zeit wird vorübergehen und du kannst dein Leben und deine Hoffnung zurückgewinnen. Du verdienst es, nicht mehr zu leiden und du bist nicht allein – es gibt viele Menschen, die dir helfen wollen.

Fakten zum Suizid, die du wissen musst

Jedes Jahr nehmen sich etwa eine Million Menschen das Leben. Es ist möglich, dass darunter jemand ist, der dir nahesteht. Und das ist eine Wunde, die uns für immer prägt. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), weist auf etwas sehr Wichtiges hin, über das wir nachdenken sollten:

Jeder Tod ist eine schreckliche Tragödie und auch ein Ende, das hätte vermieden werden können. Deshalb müssen wir uns um die kümmern, die leiden. Besonders jetzt, inmitten so vieler sozialer Krisen und nachdem wir eine Pandemie durchlebt haben. Das sind die Fakten, die die WHO diesbezüglich nennt:

  • Die Bevölkerungsgruppe, in der es mehr Suizide gibt, ist die der jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren.
  • Die Zahl der Todesfälle durch Suizid ist bei Männern mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen (12,6 pro 100.000 Männer im Vergleich zu 5,4 pro 100.000 Frauen).
  • Die Zahl der Todesfälle durch Selbstmord ist doppelt so hoch wie die durch Straßenverkehrsunfälle.
  • Die Gesundheits- und Wirtschaftskrise trieb die Suizidrate von 2020 bis heute noch weiter in die Höhe.

Warum entscheiden sich so viele Menschen dafür?

In einer in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry veröffentlichten Studie werden wir mit einer verheerenden Tatsache konfrontiert: In den nächsten 15 Jahren wird erwartet, dass die Suizidrate eine Million Menschen pro Jahr übersteigt. Der Grund? Die Wahrheit ist, dass es viele Faktoren gibt, die zum Suizid beitragen und ihn fördern.

Es gibt jedoch ein übergreifendes Element: Der Schlüsselfaktor ist unerträglicher psychischer Schmerz. Der Versuch, das Leiden zu beenden, löst eine so dramatische Reaktion aus. Dennoch können wir viele dieser Auslöser erklären:

  • Soziale und persönliche Faktoren: Lebensunzufriedenheit, Einsamkeit, Leid durch Mobbing, Cybermobbing, Enttäuschung in der Liebe, der Einfluss sozialer Netzwerke …
  • Unerwünschte Lebensereignisse, wie ein Trauerfall
  • Erwerbslosigkeit
  • Wirtschaftliche Probleme
  • Gewalt in der Familie oder in der Partnerschaft, körperlicher, sexueller, verbaler oder emotionaler Missbrauch
  • Ungelöste Traumata
  •  Suizid, psychische Störungen oder Drogenmissbrauch in der Familie
  • Grundlegende psychische Störungen: Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), posttraumatische Belastungsstörung, Drogenkonsum …
  • Zwanghafte Verhaltensweisen

Persönlichkeitsmerkmale, emotionale Eigenschaften, fehlende Bewältigungs- und Problemlösungsstrategien und das Gefühl, keine Unterstützung aus dem engsten Umfeld zu erhalten, begünstigen suizidales Verhalten.

Gelber September: Mann denkt an Suizid
Wenn du Selbstmordgedanken hast, solltest du mit einer nahestehenden Person sprechen und dir unbedingt Hilfe suchen.

Über Suizid zu reden, verhindert ihn

Experten für psychische Gesundheit sagen uns mit Nachdruck: Über Suizid zu sprechen, führt nicht zu einem Ansteckungseffekt. Vielmehr erzeugt das Schweigen das Stigma und hält die Betroffenen davon ab, um Hilfe zu bitten. Jahrzehntelang haben wir die Idee bekräftigt, dass es besser sei, keine jährlichen Gesamtzahlen für Suizide anzugeben. Es wird auch darauf gedrängt, dass Medien in dieser Sache ein Veto einlegen.

Doch das ist ein Fehler. Wenn der September gelb ist, dann um auf diese Realität aufmerksam zu machen, über die eigentlich das ganze Jahr über gesprochen werden sollte. Wir müssen auf verantwortungsvolle Weise über Suizid sprechen und Sensationslust vermeiden. Es sind die Fehlinformationen und die Art, wie sie verbreitet werden, die den Schaden anrichten.

Denk zum Beispiel daran, wie dieses Thema in den sozialen Medien behandelt wird. Es wird oft romantisch verklärt. Wir müssen uns nur an die Blue-Whale-Challenge erinnern – ein Spiel, das viral ging und zu allem Möglichen führte, von Selbstverletzungen bis hin zu Suizid unter Jugendlichen.

Deshalb brauchen wir verantwortungsvolle Informationen über Suizid, denn wir stehen vor einem ernsten Gesundheitsproblem und es ist wichtig, dass Strategien bereitgestellt werden, um den Menschen klarzumachen, dass es einen Ausweg gibt, dass sie nicht allein sind und dass es notwendig ist, um spezialisierte Hilfe zu bitten.

Wir sollten keine vereinfachten Fakten über Selbstmord nennen. Diese Tat ist nicht durch Tapferkeit oder Feigheit, durch Liebe oder Würde gerechtfertigt. Es ist ein Gesundheitsproblem, das Gesundheitsstrategien erfordert.

Nicht nur im September: Was kann ich tun?

Da der September gelb ist und wir gültige, konkrete und nützliche Informationen zu diesem Thema bereitstellen müssen, ist es an der Zeit, zwei Schlüsselthemen näher zu beleuchten:

Ich denke daran, mir das Leben zu nehmen: Was kann ich tun?

Wir wissen, dass du schon lange leidest, dass du verletzt bist und dass du keinen anderen Ausweg mehr siehst. Du denkst vielleicht, dass nichts diese Situation ändern wird. Aber wir versichern dir, dass es möglich ist. Deshalb musst du noch etwas länger durchhalten und Folgendes tun:

  • Sprich mit einem Freund oder einem Familienmitglied über das, was du gerade durchmachst.
  • Denke, dass dieser Moment der Dunkelheit nur eine Bühne ist. Es ist ein entscheidender Moment, der vorübergehen wird. Dafür musst du allerdings um Hilfe bitten. Denke daran, dass du nicht allein bist und dass es viele Menschen gibt, die dir helfen wollen. Du kannst die Telefonseelsorge anrufen. In Deutschland lautet die Nummer: 0800.1110111 und 0800.1110222.
  • Verstehe, dass du vielleicht an einer Depression leidest. Es ist diese Störung, die dich mit Hoffnungslosigkeit füttert und alle deine Wahrnehmungen verzerrt. Doch es gibt wirksame Therapien und Behandlungen, um dieses Problem zu heilen.
  • Wenn du eine Therapie gemacht hast und sie nicht funktioniert hat, suche dir eine andere Fachkraft. Es gibt sehr fähige Menschen, die dein Leben verändern und dir helfen können, wieder Hoffnung zu schöpfen.

Wie kann ich jemandem helfen, der über Suizid nachdenkt?

  • Sprich mit der Person, damit sie ihre Gedanken und Gefühle darstellen kann. Verurteile sie nicht, sondern höre einfach zu und gib ihr das Gefühl, geliebt zu werden. Sie muss wissen, dass sie jemanden hat, bei dem sie Zuflucht findet. Jemanden, der sich um sie kümmert.
  • Verharmlose ihre Gefühle nicht und gib ihr keine einfachen Ratschläge. Deine Aufgabe ist es nicht, ihre Probleme zu lösen, sondern sie zu begleiten und zu unterstützen.
  • Sei nah und verfügbar.
  • Achte auf ihr Verhalten, auf ihre Reaktionen.
  • Begleite die Person bei der Hilfesuche und bleibe auch während des gesamten Prozesses an ihrer Seite.

Fazit: Der September ist gelb, aber idealerweise sollte das ganze Jahr über gelb sein. Es liegt auch in der Verantwortung der Regierungen und Institutionen, der Gesellschaft mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie die körperliche Gesundheit. Wir benötigen mehr Fachkräfte, um lange Wartelisten zu vermeiden. Nur so lässt sich das Drama vermeiden, das jedes Jahr so viele Menschenleben fordert.


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