Der Zusammenhang zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma

Wenn es eine stigmatisierte und missverstandene Krankheit gibt, dann ist es die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Fast 70 % der Betroffenen waren in ihrer Kindheit Opfer von Misshandlung oder Missbrauch. Heute sprechen wir über die Notwendigkeit eines Reframings.
Der Zusammenhang zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 13. Juni 2022

Borderline-Patienten haben häufig mit Stigmatisierung und Vorurteilen zu kämpfen und aus therapeutischer Sicht wissen wir, dass sie kompliziert sind. Doch die Gesellschaft reagiert oft unverhältnismäßig und verständnislos. Deshalb ist jede Information willkommen, die das Verständnis Betroffenen gegenüber fördert. Heute gehen wir der Frage nach, welchen Zusammenhang es zwischen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma gibt.

Die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) ist oft langsam, die klinische Versorgung nicht immer ausreichend. Doch es zeichnet sich ein Wandel am Horizont ab: Wir sind Zeugen des Versuches, diese klinische Realität neu zu formulieren und sichtbarer zu machen.

Viele bezweifeln, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handelt. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass die Etikettierung Betroffene stigmatisiert: Durch die Bezeichnung entsteht in vielen Fällen Selbstverachtung und das Gefühl der Wertlosigkeit verstärkt sich. Viele Experten gehen davon aus, dass es sich um eine komplexe Reaktion auf ein Trauma handelt. Wir schauen uns dieses Thema deshalb etwas genauer an.

Das Leben und der Umgang mit BPD-Patienten ist oft komplex. Mit einem geeigneten therapeutischen Ansatz können Betroffene jedoch ihre Symptome reduzieren und ihre Gefühle und Impulse besser kontrollieren.

Frau mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma
Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung als Patienten mit einem Trauma-Spektrum zu sehen, würde ihre Versorgung verbessern.

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

Ein großer Teil der Patienten in psychiatrischen Notaufnahmen weist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung auf. Viele kommen wegen Selbstmordversuchen oder selbstverletzendem Verhalten. Es sind Menschen, die leiden, die eine extreme Empfindlichkeit aufweisen und zu impulsivem und selbstzerstörerischem Verhalten neigen.

Borderline-Patienten in der Familie oder als Partner sind sehr kompliziert: Sie hassen sich selbst, brauchen viel Aufmerksamkeit und Zuneigung, bringen jedoch gleichzeitig ihre Verachtung zum Ausdruck. In vielen Fällen leiden sie an einer Essstörung und oft versuchen sie, sich das Leben zu nehmen. Wir müssen jedoch Vorurteile ablegen und mehr Verständnis entwickeln: Es handelt sich um Menschen mit einer spezifischen emotionalen Realität.

An welchen Merkmalen sind Borderline-Patienten zu erkennen?

Das DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) definiert folgende Merkmale, von denen mindestens fünf zutreffen müssen, um eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren:

  • Angst vor dem Verlassenwerden
  • Instabile zwischenmenschliche Beziehungen
  • Identitätsstörung
  • Impulsivität in mindestens zwei Bereichen, die potenziell selbstschädigend sind: Sex, Geld, Fressattacken, rücksichtsloses Fahren oder Drogenmissbrauch
  • Suizidversuche oder selbstschädigendes Verhalten
  • Affektive Instabilität
  • Probleme mit der Wutbewältigung
  • Chronische Gefühle der Leere
  • Vorübergehende paranoide Ideen in Verbindung mit Stress oder dissoziativen Symptomen

Forschungen der Westnorwegischen Hochschule für angewandte Wissenschaften weisen darauf hin, dass die Gesamtinzidenz zwar bei 1 bis 2 % der Bevölkerung liegt, es aber einen Aspekt gibt, den wir vernachlässigen: Betroffene erleben die Diagnose oft als problematisch und stigmatisierend, deshalb nehmen sie in vielen Fällen keine fachärztliche Hilfe in Anspruch.

In den letzten 20 Jahren haben wir bei der Behandlung von BPD Fortschritte gemacht. Spezialisierte Behandlungsprogramme wie die Dialektische Verhaltenstherapie (DBT) und die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) sind sehr wirksam.

Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma: die Notwendigkeit einer Neuformulierung

Wie bereits zu Beginn erwähnt, sind immer mehr Experten der Meinung, dass eine Änderung der Terminologie der Borderline-Persönlichkeitsstörung nötig ist. Anstelle von BPD schlagen sie vor, von einer Trauma-Spektrum-Störung zu sprechen. Das wäre eine Variante der chronischen oder komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Wir erklären nachfolgend, warum dies zutreffender wäre.

Sexueller Missbrauch, ein häufiger Auslöser

Dr. Maria Zanarini hat die empirische Literatur über diesen Zustand überprüft. Sie konnte erkennen, dass Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma eng zusammenhängen. In einer Studie aus dem Jahr 2000 wies sie darauf hin, dass in 40 bis 70 % der Fälle sexueller Missbrauch vorliegt. Insbesondere können folgende Situationen beobachtet werden:

  • Vernachlässigung durch Betreuer
  • Sexueller Missbrauch 
  • Zeuge von sexueller Gewalt in der Kindheit
  • Vergewaltigung im Erwachsenenalter

Ätiopathogenese von Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma

In einer anderen, neueren Studie wurde erneut das Vorhandensein von Traumata bei dieser psychischen Störung hervorgehoben. Darüber hinaus wurde auch der genetische und biologische Aspekt erforscht. Daraus ging hervor, dass es möglicherweise eine Wechselwirkung zwischen den Genen (FKBP5-Polymorphismen und CRHR2-Varianten) und der Umwelt (Missbrauch, emotionale Vernachlässigung usw.) gibt.

Kind mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma
Missbräuchliche Zustände in der Kindheit sind häufig Auslöser für bestimmte Persönlichkeitsstörungen.

Erhöhte Anfälligkeit für die psychologischen Auswirkungen von Stress

Nicht alle Menschen reagieren in gleicher Weise auf eine traumatische Situation. Es stimmt zwar, dass eine Misshandlung in der Kindheit die psychosoziale Entwicklung eines Menschen völlig verändern kann, die Folgen gestalten sich jedoch sehr unterschiedlich.

Experten gehen deshalb davon aus, dass ein Zusammenhang von Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma vorliegt, weil manche Menschen anfälliger für die psychologischen Auswirkungen von Stress sind. Dies führt zu einem sehr komplexen Geflecht von emotionalen Folgeerscheinungen wie Wut, Impulsivität, dissoziativen Symptomen

Dies steht sicherlich im Einklang mit früheren Studien, wie denen von Johnson, Cohen, Brown et al. (1999), die dies bereits vor Jahrzehnten nachgewiesen haben. Patienten, die in ihrer Kindheit missbraucht oder vernachlässigt wurden, wiesen eine vierfach höhere Häufigkeit von Persönlichkeitsstörungen auf.

Studien zufolge ist die Suizidrate bei BPD 10 bis 50 Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung.

Borderline-Persönlichkeitsstörung und Trauma: die Notwendigkeit von Veränderungen

Die einfache Tatsache, dass 75 % der Menschen mit BPD einen Selbstmordversuch unternehmen, zeigt, dass es nötig ist, diese Störung ernster zu nehmen. Betroffene leiden sehr stark und auch wenn sie als problematisch, manipulativ und dysfunktional betrachtet werden, benötigen sie Verständnis und Hilfe. Die Stigmatisierung vertieft ihr Leid und beeinträchtigt die Therapie. In diesem Zusammenhang wäre es wichtig, “Persönlichkeitsstörung” durch “Traumaspektrastörung” zu ersetzen. 

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