Was uns lebendig fühlen lässt

· 24. September 2018

Erwarten wir weniger. Verwöhnen wir uns Tag für Tag. Wagen wir es. Suchen wir Zuflucht im kleinen Raum einer Umarmung, um uns größer zu fühlen. Fliehen wir von Zeit zu Zeit. Steigen wir in den Zug, den wir eines Tages verpasst haben. Ruhen wir uns aus. Träumen wir mit offenen Augen, als gäbe es kein Morgen … All das, was uns lebendig fühlen lässt, ist unbezahlbar und Teil unseres Glücks.

Leben ist nicht dasselbe wie sich lebendig fühlen. Es ist jedoch nicht immer einfach, diese beinahe perfekten Zustände zu erreichen, in denen alle unsere Fasern vibrieren. Dort, wo unsere Sinne alle aktiv werden und die Welt für einen Augenblick Sinn, Transzendenz und Harmonie ausstrahlt. Es ist sehr schwierig, uns in einer Welt, in der wir zu einer passiven und abhängigen Haltung ermutigt werden, wirklich vital zu fühlen.

„Lachen ist die Sonne, die den Winter vom menschlichen Gesicht vertreibt.“

Victor Hugo

Unsere Realität wird durch den fast ununterbrochenen wirkenden Druck bestimmt, dass uns etwas fehle. So werden wir zu geborenen Verbrauchern, zu Menschen, die gern besitzen oder bekommen, um dieses ewige Gefühl der Leere zu füllen. Denn es gibt immer etwas, wonach wir uns sehnen, was wir nicht haben: ein neues Produkt, einen besser bezahlten Job, einen liebevolleren Partner, eine Reise in ein exotisches Land … Dinge, Dimensionen und Zustände, die wir gern zur Verfügung haben, um uns (angeblich) erfüllt zu fühlen.

Wir sind wie ein dreieckiger Bauklotz, der versucht, in eine ovale Form zu passen. Wir konzentrieren uns zu sehr auf unsere Umgebung, wir wollen hineinpassen – koste es, was es wolle – und vergessen, dass das Glück nur an einem einzigen Ort zu finden ist. An dem, der uns unter die Haut geht, in uns selbst. Dort ist ein Lebensraum, den wir oft vergessen, mit dem zu pflegen, was uns lebendig fühlen lässt, mit Leidenschaft.

Frau mit Herz auf der Brust, das sie lebendig fühlen lässt

Leben heißt mitmachen

Eines der größten Risiken, die wir erleben können, ist das Leben in einem Zustand permanenter Passivität. Der, in dem wir uns von den Reizen und Umständen mitreißen lassen und uns nur auf das Existieren, nicht aber auf das Fühlen, beschränken. Der, wo wir uns in unseren Verpflichtungen soweit auflösen, dass das Leben selbst früher oder später zu einer weiteren Verpflichtung wird. Die Hoffnung verblasst dann an unserem Horizont und wir weichen einer aseptischen und zwecklosen Existenz.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Leben mitmachen heißt. Es bedeutet, Risiken einzugehen, mutig zu sein, auch wenn die Angst beißt, und nicht einen, sondern Dutzende von Absichten zu haben, um jeden Tag dafür aufzustehen. Obwohl wir manchmal, und hier liegt unser Fehler, den einfachen Weg wählen, den des Konformismus.

Wir geben uns mit dem zufrieden, was wir bereits haben, auch wenn es nicht unsere Größe hat und uns nicht glücklich macht. Wir machen das so, weil uns der Spatz in der Hand mehr wert ist als die Taube auf dem Dach. Aber sobald wir unsere Hände öffnen, gibt es nicht einmal mehr einen Spatz, sondern nur noch Federn, nur den traurigen Blick auf das, was wie ein Versprechen aussieht, aber in Wirklichkeit nichts ist. Nur ein Traum, eine falsche Sicherheit.

Frau in einem Boot

Jene Dinge, die uns lebendig fühlen lassen, liegen nicht auf den Wegen, die andere für uns vorgeben. Auch nicht in den goldenen Käfigen unserer alltäglichen Komfortzonen. Um die Vitalität und das Glück zu erfahren, das allem Sinn gibt, müssen wir Leidenschaft aufbringen. Wir müssen aufhören, im Konjunktiv zu denken, in hätte, wäre und wenn, um im Hier und Jetzt, in der unmittelbaren Gegenwart, zu handeln und uns als Meister unserer Schritte, Entdecker unserer Realität und Architekten unserer Träume zu fühlen.

Was uns lebendig fühlen lässt

Wagen wir es und scheitern wir. Versuchen wir es noch einmal, zehn- und zwölfmal und dann, ja … haben wir Erfolg. Ein Spaziergang am Nachmittag, um neue Ideen zu entwickeln. Sport treiben. Die Zufriedenheit einer gelungenen Arbeit. Eine Hand, die uns im Moment der größten Not hält. Ein Moment der Einsamkeit. Die Mithilfe von Freunden. Eine Straße, die man als Paar bauen kann. Unsere Hobbys und Freuden. Das Lachen eines Kindes. Schließen wir eine Etappe ab und starten wir eine andere mit mehr Enthusiasmus, mehr Angst, aber mit größerer Kraft.

Was uns lebendig fühlen lässt, ist, was unsere Seele entzündet. Das ist es, das Fundament unseres Seins, die Illusion unserer Projekte, die Motive unseres Verhaltens und die Energie unseres Wachstums. Sie im Auge zu behalten ist fundamental, denn sonst verblassen unser psychologisches Gefüge und unser Widerstand. Und dann passiert das Gefährlichste: Da kommt die Leere und die Gewissheit, dass die eigene Existenz bedeutungslos ist.

Diese Leere zu erfahren ist das Gegenteil des Gefühls von Leben und deshalb müssen wir in der Lage sein, uns davor zu schützen, und jeden Raum, jeden Winkel und jede Vertiefung unseres Geistes mit dem füllen, was uns Sinn gibt. Viktor Frankl hatte das erkannt. Der Vater der Logopädie und Überlebende mehrerer Konzentrationslager lehrt uns in seinen Büchern, dass unsere Mission als Mensch darin bestehe, einen Sinn in unserem Leben zu finden. Darin, Verantwortung für uns selbst und für den Menschen zu übernehmen, um uns voll, erfüllt und frei zu fühlen.

Offene Hände und fliegende Vögel

Was uns lebendig fühlen lässt, ist aus einem unvergleichlichen Material gestrickt, aus Begeisterung. Jeder von uns muss sich diese persönlichen Ziele stecken und mutig genug sein, sie zu gestalten, um sie zu seiner Vernunft, seiner täglichen Leidenschaft zu machen. Denn wie Helen Keller einmal sagte, wenn man den Drang zum Fliegen habe, müsse man nicht länger kriechen, auch wenn andere das tun.