Was ist Paranoia und warum ist sie schädlich?

27. September 2019
Paranoia ist eine komplexe mentale und emotionale Störung. In der Psychiatrie gilt sie lediglich als ein Symptom psychischer Erkrankungen. Im Gegensatz dazu betrachtet die Psychoanalyse sie als eigene Erkrankung.

Was genau ist Paranoia? Bevor wir uns eingehender mit dieser Frage beschäftigen, wollen wir dich darauf hinweisen, dass Psychologen und Psychiater dir hierzu voneinander abweichende Antworten geben werden. Zunächst ging man in der Psychiatrie davon aus, dass Paranoia lediglich eine Art des Wahnsinns ist.

Im Laufe der Zeit wurde die Paranoia von der Psychiatrie dann etwas anders diagnostiziert. Der Grund hierfür war, dass die Fachleute diesen Zustand als Symptome anderer mentaler Erkrankungen wie beispielsweise der Schizophrenie betrachteten.

Daher wurde die Paranoia nicht mehr als eigenständige Erkrankung angesehen, sondern als Symptom anderer psychischer Störungen. Die Erkrankung, die der Paranoia am ähnlichsten ist, ist laut DSM (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen) eine Wahnstörung.

Ganz anders sieht das die Psychoanalyse. Sigmund Freud bewertete sie zunächst als Form einer Neurose, die aus einer Obsession entsteht. Später änderte er, besonders wegen des Schreber-Falls, seine Einschätzung und betrachtete sie als eine Art der Psychose. Außerdem schrieb Lacan seine Promotionsarbeit über den Aimée-Fall: geheilte Paranoia.

Der Paranoide täuscht sich nie vollständig.”

-Sigmund Freud-

Zur Geschichte der Paranoia

Paranoia - Frau

Lange Zeit wurde der Begriff Paranoia im Sprachgebrauch als Synonym für Wahnsinn benutzt. Im Jahr 1863 war es der Deutsche Kahlbaum, der Paranoia als erster als eine eigene Störung betrachtete. 1879 entwickelte Kraft-Ebing diesen Ansatz weiter. Er definierte Paranoia als „mentale Entfremdung, die vornehmlich das Urteilsvermögen und die Denkfähigkeit beeinträchtigt.

Obwohl es zahlreiche Versuche gab, diese mentale Störung zu beschreiben, war die Theorie, die Kraeplin im Jahr 1889 veröffentlichte, besonders gut und aufschlussreich. Denn dadurch wurde klar, dass Paranoia eine Störung ist, bei der die Betroffenen wirre Ideen und Vorstellungen haben, ohne jedoch nennenswerte andere Symptome zu zeigen.

Bis zum Jahr 1987 war sie im DSM erfasst. Danach wurde die Paranoia durch Erkrankungen wie die „Wahnstörung“ und „paranoide Persönlichkeitsstörung“ ersetzt.

Die Sichtweise der Psychoanalyse

Sigmund Freud behandelte Paranoia in seinem Buch Die Abwehr-Neuro-Psychosen (1894), ohne sie allerdings vollständig verstanden zu haben. Die Freudsche Psychoanalyse konzentrierte sich hauptsächlich auf Neurosen. Zunächst beschrieb er den Zusammenhang zwischen Paranoia und Projektion, zog dann aber keine weiteren Schlussfolgerungen daraus.

Letztendlich war es Neisser, der die Grundlagen dafür schuf, wie die Psychoanalyse diese psychische Erkrankung beurteilt. Er beschrieb sie als „einzigartigen Weg, Dinge zu interpretieren und zu deuten“. Ein paranoider Mensch hat das Gefühl, dass alles, was er sieht und hört, in irgendeiner Art und Weise auf ihn selber bezogen ist.

Danach entwickelte Jacques Lacan diesen Ansatz noch entscheidend weiter. In einem Text aus dem Jahr 1958, der von Freuds Schreber-Fall handelte, definiert er Paranoia folgendermaßen: „die Identifikation von Vergnügen an der Stelle einer anderen Person„.

Lacan hatte einen kryptischen Schreibstil und es ist nicht leicht, zu verstehen, was er ausdrücken wollte. Daher könnte man seine Definition in einfachere Worte als Motto für Paranoia fassen: „Der andere erfreut sich an mir.“

Paranoia - Überforderung

Das Konzept der Paranoia

In der Psychoanalyse wird ein Paranoider nicht als misstrauischer Mensch gesehen, wie wir vielleicht annehmen könnten. Betroffene gehen dabei grundsätzlich von zwei Annahmen aus. Die erste ist, dass jemand etwas „Böses“ oder „Schlechtes“ getan hat und dass sie dessen Opfer sein werden. Die zweite Annahme ist die, dass alles, was in der Welt passiert, einen Bezug zu ihnen hat.

Aufgrund ihrer Wahnvorstellung interpretieren Paranoide die Welt, indem sie von diesen zwei Annahmen ausgehen. Für den Wahn gibt es eigentlich keine logische Begründung. Bei der Paranoia dreht sich alles darum, dass irgendetwas Böses die betroffene Person verfolgt. „Böse Geister bemächtigen sich meines Geistes“, könnte eine typische Aussage sein.

Daher erleben Paranoide im Wahnzustand alles, was sie sehen und erfahren, aus der Perspektive der Geschichte, die sich zuvor in ihrem Geist manifestiert hat. Aus diesem Grund sehen sie auch in normalen Begebenheiten Beweise für die Existenz des Bösen. Wenn sie beispielsweise einen Gegenstand verlegt oder verloren haben, dann sehen dies als Beweis für die Existenz der bösen Geister, Aliens, Dämonen oder andere Bedrohungen, die sie verfolgen und quälen.

Es ist das Motto, das Lacan beschrieben hat: „Der andere erfreut sich an mir.“ Aufgrund dieser Überzeugung fühlen Paranoide sich passiv und handlungsunfähig. Alles, was ihnen passiert, schreiben sie dem Anderen zu: „Das war nicht ich, sie waren es.“ Diese Überzeugung und Wahnvorstellung kann weniger ernste Folgen haben als beispielsweise Eifersucht, oder aber zu schwerwiegenden Problemen wie im Aimée-Fall führen.

  • Freud, S. (1911). Puntualizaciones psicoanalíticas sobre un caso de paranoia (Dementia paranoides) descrito autobiográficamente. Obras completas, 12, 1-73.