Die Wissenschaft des Bösen

21. Juni 2019
Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Forscher mit dem Bösen. Dabei haben sie bereits viele wichtige Dinge herausgefunden. Aber heute hat noch niemand nur einen einzigen Faktor isolieren können, der das Böse definiert. Stattdessen müssen wir akzeptieren, dass Menschen, die böse Dinge tun, uns allen sehr ähnlich sind. Viel ähnlicher, als wir zugeben möchten.

Viele Forscher haben versucht, die Wissenschaft des Bösen näher zu erforschen, um die Ursachen für das Böse im Menschen zu finden. Daher haben sich auch die Neurowissenschaften mit den Gehirnen von Menschen beschäftigt, die böse Dinge tun. In ähnlicher Weise haben viele Sozialpsychologen Experimente mit dem gleichen Ziel entwickelt.

Was wir sicher wissen, ist, dass wir scheinbar ein Verlangen haben, zu erfahren, was böse Menschen verstecken und wie anders sie sind. Als Spezies scheinen wir auf der unermüdlichen Suche nach diesem Unterschied zu sein.

Vielleicht suchen wir diese Antworten, um zu vermeiden, selber böse zu werden. Oder vielleicht wollen wir uns vergewissern, dass wir wirklich anders sind. Vielleicht gibt es einen physikalischen Faktor, der definiert, wer gut und wer böse wird. 

Trotz der Tatsache, dass die Wissenschaft einige Hinweise gefunden hat, wie Menschen zu bösen Menschen werden, gibt es bis heute noch keine klare Antwort auf die Frage, woher das Böse im Menschen kommt.

Es scheint also nicht einfach zu sein, das Gute vom Schlechten zu trennen. Tatsächlich scheint es eher so, dass böse Menschen guten Menschen ähnlicher sind, als uns lieb ist.

In diesem Artikel werden wir die möglichen Faktoren betrachten, die bestimmen, ob eine Person böse wird oder sich böse verhält. Es gibt mehr als vierzig Jahre Forschung zu dieser Frage. Tatsächlich scheint es Wissenschaftlern gelungen zu sein, bestimmte Faktoren zu isolieren, die Personen dazu verurteilen, Böses zu tun. Schauen wir uns dieses Thema näher an.

Die Wissenschaft des Bösen: Mann im Schatten

Die Wissenschaft des Bösen: Die Qualität der Bindung

Einer der Faktoren, der das Übel vorherzusagen scheint, ist die Art der Bindung, die im Kindesalter entwickelt wurde. Untersuchungen zu Persönlichkeitsstörungen bei Erwachsenen zeigen bei Betroffenen ein hohes Maß an Missbrauch und emotionaler Vernachlässigung in den frühen Lebensphasen.

Dies allein reicht natürlich nicht aus, um jemanden in einen bösen Menschen zu verwandeln. Aber es scheint in vielen Fällen ein gemeinsamer Nenner zu sein. Untersuchungen zeigen, dass emotionaler Missbrauch in der Kindheit zumindest ein Hindernis für die Entwicklung der Fähigkeit ist, für andere zu sorgen.

Trotzdem erklärt dieser Faktor nicht vollständig, warum manche Menschen schlecht sind und böse Dinge tun. Es gibt auch böse Menschen, die anscheinend nicht als Kinder missbraucht wurden.

Gleichzeitig gilt, dass niemand, der eine schlechte Kindheit hatte, automatisch böse wird. Folglich wäre es reduktionistisch, auf diesen Faktor als einzige Ursache hinzuweisen.

Die Wissenschaft des Bösen: Biologie

Britische Genetiker haben herausgefunden, dass das Vorhandensein des MAOA-Gens das Risiko einer Verhaltensstörung erhöhen kann. Nicht nur das, es könnte auch mit der Kriminalität im Teenageralter und im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Die Forschung dazu, die von dem Psychologen Avshalom Caspi durchgeführt wurde, zeigte auch eine Wechselwirkung dieses Gens mit Kindesmissbrauch. Mit anderen Worten, wir haben ein weiteres Beispiel dafür, wie unsere Biologie durch die Umwelt beeinflusst werden kann.

Ein weiterer biologischer Faktor, der möglicherweise mit der Wissenschaft des Bösen zu tun hat, ist der Testosteronspiegel. Die Menge an Testosteron, der ein Baby ausgesetzt ist, während es sich in der Gebärmutter befindet, scheint die Entwicklung des Empathiekreislaufs im menschlichen Gehirn zu beeinflussen.

Die Wissenschaft des Bösen: die dunkle Seite des Menschen

Julia Shaw, eine brillante Kriminalpsychologin, hat kürzlich ihre Forschungen in einem Buch veröffentlicht, das sich mit der Frage befasst, warum Menschen böse sind oder schlechte Dinge tun. Dabei prüfte Shaw neurowissenschaftliche Studien, um zu ihren Schlussfolgerungen zu gelangen.

Es scheint, dass Menschen, die Böses tun, eine geringere Aktivität im ventro-medialen präfrontalen Cortex des Gehirns haben. Dieser Faktor scheint zu dem zu führen, was Shaw einen Prozess der Entmenschlichung nennt.

Diese Art von Anomalie, kombiniert mit einem gewissen Grad an Paranoia, der durch eine Kultur beeinflusst wird, die richtungslos scheint, führt dazu, dass Menschen schlechte Dinge tun können.

Gleichzeitig analysiert Shaw, was Psychologen als „die dunkle Triade“ bezeichnen: Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus. Diesen Merkmalen fügt die Kriminalpsychologin noch ein weiteres hinzu: Sadismus. Das Vorhandensein dieser Merkmale führt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem destruktiven Persönlichkeitstyp, der schneller böse handelt. 

Wissenschaft des Bösen. Mann im Profil

Monster werden gemacht, nicht geboren

Wenn wir die gesamte existierende Literatur über die Wissenschaft des Bösen betrachten, wird schnell klar, dass wir nicht definitiv sagen können, ob manche Menschen böse geboren wurden. Es gibt keinen einzigen Faktor, der bereits von Geburt an vorhanden ist und einen Menschen böse macht.

Im Gegenteil, das Böse scheint sich im Laufe der Zeit zu entwickeln. Die Faktoren, die bestimmen, ob jemand böse sein wird oder nicht, scheinen umweltbedingt zu sein.

Die brillanten Experimente von Philip Zimbardo, Stanley Milgram aber auch anderen Forschern haben uns gezeigt, wie einfach es für gute Menschen ist, schlechte Dinge zu tun. Ihre Experimente zeigten, wie bestimmte Bedingungen Menschen tiefgreifend beeinflussten und sie auf überraschende und verstörende Weise handeln ließen.

Mit anderen Worten: Was gutes Verhalten oft von schlechtem Verhalten unterscheidet, liegt nicht an der ausführenden Person, sondern an den Umständen, in denen sich die Person befindet. Uns geht es natürlich nicht darum, böse Taten zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, wie es dazu kommt, dass Menschen Böses tun.

Die Wissenschaft des Bösen scheint darauf hinzudeuten, dass es viele Variablen gibt, die das Handeln der Menschen beeinflussen. Und nicht alle davon sind in der menschlichen Veranlagung begründet.

Wir scheinen also keinen Schritt näher gekommen zu sein, eine „teuflische Persönlichkeitsstörung“ zu finden. Folglich sollte das Ziel der jetzigen Forschung darin bestehen, präventive Maßnahmen zu finden, die verhindern, dass Menschen böse handeln. 

  • Julia Shaw (2019). Evil: The science behind humanity’s dark side. Abrams Press.
  • Katherine Ramsland (2019) The Science of Evil. Psychology Today
  • Simon Baron-Cohen (2017) The Science of Evil. Huffpost
  • David M. Fergusson (2011) MAOA, abuse exposure and antisocial behaviour: 30-year longitudinal study. The British Journal of Psychiatry