Über Freud hinaus – Schulen und Autoren der Psychoanalyse

· 12. Juni 2018

Vom frühzeitlichen magisch-religiösen Konzept bis hin zu Freuds Couch gab es immer Menschen, die sich dafür einsetzten, dass psychisch Kranken aktiv zugehört wurde. Da waren Pater Jofré und seine Klinik für Geisteskranke, und die arabische Welt hat den Geisteskranken nicht als Verrückten verstanden, sondern als Gesandten Gottes.

Die Menschen versuchten schon immer, Psychologie zu praktizieren, weil, wie Skinner sagte, die Wahrheit sei, dass die Politik uns nicht retten werde. Nur wenn wir mehr über uns selbst erfahren, haben wir eine Chance, die nächste Stufe der Evolution zu erreichen. Wir haben uns als Spezies durch Versuch und Irrtum entwickelt, haben uns aber nicht viel Mühe gegeben, all das auszusondern, was wir damals für wahr hielten, was sich aber als falsch herausstellte.

Deshalb wollen wir heute das analysieren, was ein Teil der Experten als einen der ersten formalen Ansätze zur Psychologie betrachtet. Oft wird er belächelt, aber dieser Ansatz und die Resultate der Analyse spezifischer Fälle haben den Grundstein für diese faszinierende Wissenschaft gelegt.

Der Beginn der Psychoanalyse – Sigmund Freud

Die Bewunderung Freuds und seiner Arbeit ist überall fassbar, wo man sich mit Psychologie beschäftigt. Aber wir hören auch, dass er nichts anderes getan habe, als zu spekulieren. Man sagt, er sei weit weg vom erleuchtenden Licht der wissenschaftlichen Methode geblieben. Wieder andere sehen in ihm einen Visionär, der herausfand, wie man Menschen und ihre Probleme von einem neuen Standpunkt aus verstehen kann.

Freud war der erste Mensch, der sich ernsthaft der menschlichen Subjektivität annahm, was einer Revolution glich. Was uns auszeichnet, warum wir uns so verhalten, wie wir es tun. Gleichzeitig versuchte er, die Ursachen der Neurosen zu identifizieren.

Zeichnung von Freud, in dessen Kopf unterschiedlichste Objekte liegen

Er lieferte Erklärungen für den Ödipuskomplex, die Angst vor Kastration, und postulierte, dass die Wurzel aller psychischen Probleme eine unangemessene Libido sei. Diese Theorien sind längst überholt, aber wir müssen Freud für seine äußerst detaillierten klinischen Beschreibungen seiner Fälle dankbar sein. Und auch für seine Identifikation bestimmter unbewusster Phänomene, wie der Suggestion, des Gesetzes der Anziehung, des Widerstands oder der Übertragung und Gegenübertragung. Sie alle sind noch heute in der Welt der Therapie verankert.

Nach Freud – Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Neofreudianer und Ego-Psychologie

Alfred Adler

Adler war einer der ersten, die sich Freud entgegenstellten. Er vertrat eher den Standpunkt, dass Verhalten von Zielen abhängig sei als von Ursachen. Die Wahrheit ist, dass viele unserer Verhaltensweisen durch ihr Endziel motiviert sind. Aber es gibt andere Verhaltensweisen, bei denen das nicht der Fall ist. Man denke nur an einen Jungen, dessen Eltern ihm sagen, er solle sein Zimmer aufräumen. Das Ziel seiner Handlung ist das ordentliche Zimmer, aber ihre Ursache ist, dass seine Mutter es ihm aufgetragen hat.

Darüber hinaus glaubte Adler an die Kraft des Egos, aber Freud hielt unser Ego für „von Natur aus“ schwach. Er sprach über einen individuellen Lebensstil, der auf frühen familiären Beziehungen und Werten basiert. Adler sprach nicht von individueller Entwicklung als Antwort auf die Libido. Stattdessen erkannte er den Wunsch des Menschen, seine körperliche Unterlegenheit zu überwinden.

Carl Gustav Jung

Jung stimmte auch nicht mit Freud überein, insbesondere nicht mit seinem Konzept vom Unterbewusstsein. Seine Idee vom Prozess der Individualisierung bedeutete eine viel umfassendere Vision. Er sprach über kollektive Archetypen und psychologische Typen. Er war ein faszinierender und lesenswerter Autor.

„Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich herum hat, sondern dadurch, dass man nicht in der Lage ist, das zu vermitteln, was einem selbst wichtig erscheint, oder dass man bestimmte Ansichten vertritt, die andere für unzulässig halten.“

Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jung

Neofreudianer

Viele von Freuds Anhängern, die sich mit Teilen seines Vermächtnisses identifizierten, schwächten die Bedeutung der Sexualität für die Entwicklung einer Neurose ab. Einige von ihnen haben sogar die Bedeutung des Unterbewusstseins verworfen. Stattdessen haben sie ihren Schwerpunkt auf kulturelle und soziale Aspekte und zwischenmenschliche Beziehungen gelegt. Oder sie haben den Erfahrungen und den unmittelbaren Umständen des Patienten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Beispiele für Neofreudianer sind Erich Fromm, Karen Horney und Harry S. Sullivan.

Ego-Psychologie

Wenn es um die Ego-Psychologie geht, einen weiteren Zweig der Psychoanalyse, denken wir an Menschen wie Freuds Tochter Anna Freud. Weitere diesbezüglich wichtige Persönlichkeiten sind Melanie Klein, Erik Erikson und John Bowlby. Diese Gruppe legte besonderen Wert auf das Ego. Sie konzentrierte sich auf zwischenmenschliche Beziehungen als denjenigen Faktor, der zur Herausbildung des Egos führt.

 

Anna Freud zeichnet sich in dieser psychoanalytischen Strömung durch ihre Hypothesen zu Abwehrmechanismen aus. Diese umfassen beispielsweise Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Ungeschehenmachen, Introjektion, Projektion, und Isolierung.

„Kreative Köpfe haben schon immer jede Art von schlechtem Training überlebt.“

Anna Freud

Erik Erikson erlangte Ruhm und Ansehen, als er die Stufen des Egos beschrieb. Seine Theorie wird wegen ihres klinischen Nutzens weithin akzeptiert. Erikson zufolge durchlaufen die Menschen acht Stadien und ihre Gegensätze. Diese Phasen sind: Urvertrauen vs. Urmissvertrauen, Autonomie vs. Scham und Zweifel, Initiative vs. Schuldgefühl, Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl, Identität vs. Identitätsdiffusion, Intimität vs. Isolation, Generativität vs. Stagnation, Integrität vs. Verzweiflung.

Diese Punkt schließen wir mit John Bowlby ab. Seine Theorie der Bindung war sehr einflussreich. Sie ist eine weitverbreitete Theorie, die den Menschen als Bezugspunkt nimmt, um zu verstehen, wie Kinder sich mit ihren Vorbildern verbinden. Sie erklärt auch, wie unsere ersten Beziehungen und die Dynamik, die sie erschaffen, die Grundlage für unsere weiteren Beziehungen sind.

John Bolwby

Weitere Autoren und psychoanalytische Entwicklungen

Es ist unmöglich, in einem einzigen Artikel den Reichtum der psychoanalytischen Schulen zu beschreiben, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, einige der wichtigsten und einflussreichsten zu kennen:

  • Die kurze psychodynamische Therapie, die die Dauer der Therapie begrenzt und einen aktiven Behandlungsansatz verfolgt. Die bekanntesten Praktiker waren Sandor Ferenczi und Otto Rank.
  • Franz Alexander und seine korrigierende emotionale Erfahrung, die in die moderne Therapie Einzug gehalten hat
  • Nathan Ackerman und sein Studium der familiären Beziehungen im Bezug auf neurotische und psychotische Störungen
  • Jacob Moreno und sein Psychodrama
  • Jacques-Marie Émile Lacan der mit Ideen von Raymond de Saussure und Claude Lévi-Strauss zu Freuds Hypothese zurückkehrte

Wir können Freuds Hypothesen akzeptieren oder auch nicht. Was wir nicht leugnen können, ist, dass seine Ansätze dahingehend eine Revolution ausgelöst haben, wie wir unser Handeln und die dahinter stehende Motivation verstanden haben. Sie bedeuteten auch einen Weckruf, der den Weg für eine Idee ebnete, die wir heute alle im Kopf haben: Wir haben Erinnerungen an unsere ferne Vergangenheit, ob bewusst oder unbewusst, die unser gegenwärtiges Verhalten bestimmen.