Alfred Adler: Der Vater der Individualpsychologie

21. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Alfred Adler liest

Alfred Adler war ein Arzt aus Wien (Österreich), dessen Werk nach wie vor einen großen Einfluss auf aktuelle Theorien über den menschlichen Geist hat. Adler, Sigmund Freud und Carl Gustav Jung bilden „die großen Drei – sie sind die Gründer dessen, das wir heute als „Tiefenpsychologie“ kennen.

Adler wurde am 7. Februar 1870 in Wien geboren. Er war das zweite von sechs Kindern. Sein Vater war Getreidehändler und seine Mutter Hausfrau. Er verbrachte seine Kindheit in den Außenbezirken der österreichischen Hauptstadt. Seine Gesundheit war sehr labil, zum einen, weil er an Rachitis litt, und zum anderen, weil er einmal von einem Wagen erfasst wurde.

„Keine Erfahrung ist die Ursache von Erfolg oder Scheitern. Wir leiden nicht unter schockierenden Erfahrungen – sogenannten Traumata – sondern machen aus ihnen, was unseren Zielen am besten dient.“

Alfred Adler

Eines seiner Geschwister starb an Diphtherie, als Adler erst vier Jahre alt war. Trotz der Tatsache, dass sie ein Bett miteinander geteilt hatten, hat sich Adler nicht angesteckt. Jedoch erkrankte er im Alter von fünf Jahren an einer heftigen Lungenentzündung, welche ihn für den Rest seines Lebens zeichnete. Zu diesem Zeitpunkt traf er die Entscheidung, später einmal Arzt zu werden. Sonst war er ein normales Kind, sehr extrovertiert und verspielt. Er hatte zwar keine besondere Lust auf ein Studium, doch trotzdem lernte er sehr eifrig.

Adler schloss sein Medizinstudium an der Universität Wien 1895 ab. Daraufhin begann er, als Augenarzt zu praktizieren. Er kam mit Menschen in Kontakt, die sehbehindert waren. Schon in dieser Zeit fing er an, seine Thesen über den menschlichen Geist zu entwickelt. Später wechselte er in die Allgemeinmedizin, in der er Patienten sah, die im Zirkus arbeiteten. Diese Erfahrung beeinflusste seine Ideen über das Konzept von Minderwertigkeit und Überlegenheit, die er später veröffentlichen würde. Schließlich arbeitete er auch als Neurologe und Psychiater.

Das Treffen zwischen Adler und Freud

Im Zuge seiner medizinischen Betätigung fing Alfred Adler an, sich für den menschlichen Geist zu interessieren. Ohne klares Ziel vor Augen begann der Wiener Arzt, Material über die physischen und psychischen Konsequenzen von Behinderungen und organischen Einschränkungen zu sammeln. 1902 traf er Sigmund Freud; er war von seinen Ideen fasziniert.

Adler und Freud

Freud selbst lud Adler dazu ein, Teil seines Arbeitskreises zu werden. Adler nahm von nun an an den berühmten Zusammenkünften in Freuds Haus teil. Zuerst nannten sie die Gruppe „Psychologische Mittwochs-Gesellschaft“ und später erhielt sie den Namen „Wiener Psychoanalytische Vereinigung“. 1904 brachte Adler zum ersten Mal seine Uneinigkeit mit der Freud’schen Theorie zum Ausdruck. Jedoch blieb er Mitglied der psychoanalytischen Vereinigung, weil ihn sein Mentor ausdrücklich darum gebeten hat.

Ab 1910 gab er zusammen mit Freud und Stekel die Psychoanalytische Zeitschrift  heraus. Adler war der leitende Editor des Journals. Seine Ablehnung gegenüber der Freud’schen Theorie wuchs indes. Schließlich entschied Adler im August 1911, sich endgültig von der traditionellen Psychoanalyse zu trennen. Er kündigte dies in einem Leitartikel der Psychoanalytischen Zeitschrift  an.

Adlers Differenzen zur klassischen psychoanalytischen Theorie

Adler teilte viele Ansichten mit Sigmund Freud. Genau genommen hat er sich nie vollständig von dessen Überzeugungen losgesagt. Nichtsdestotrotz hatte er ernsthafte Bedenken bezüglich gewisser Aspekte, auf die sich der Vater der Psychoanalyse konzentrierte. Im Grunde stimmte Adler in zwei wichtigen Punkten nicht mit Freud überein:

  • Adler glaubte nicht, dass der maßgebliche Regler des menschlichen Verhaltens die Sexualität sei.
  • Er glaubte nicht an den absoluten Determinismus des Unbewussten.

Adler am Rednerpult

Im Gegensatz zu Freud dachte Adler, dass der maßgebliche menschliche Trieb die Willenskraft und nicht der Sexualtrieb sei. Nietzsches Philosophie beeinflusste Adlers Gedanken zu diesem Thema stark. Er glaubte, dass die Willenskraft den Menschen über die seinem Sexualtrieb geschuldeten Bedürfnisse stellte. Zudem behauptete er, dass die Frustration den Weg zu einem Minderwertigkeitskomplex freimache. Dies sei wiederum ein Nährboden für verschiedene psychische Erkrankungen.

Gleichzeitig lehnte Adler die Idee ab, dass unsere ersten Erfahrungen im Unbewussten bleiben und dennoch unser geistiges Leben bestimmen. Im Gegensatz dazu schrieb er der menschlichen Fähigkeit, dem Leben im Hier und Jetzt eine Richtung und Bedeutung geben zu können, einen großen Wert zu.

Die Grundlage von Adlers Theorie waren Beobachtungen an seinen Patienten. Viele von ihnen hatten eine lange Geschichte körperlicher Einschränkungen. Er fand heraus, dass manche Menschen diese negativen Erfahrungen in Motivation umwandelten, um originelle Möglichkeiten zur Kompensation ihrer Behinderung zu finden. Andere jedoch ließen sich von ihrer Frustration niederdrücken und konnten deshalb nicht vorankommen. Basierend auf diesen Beobachtungen gab Adler der menschlichen Willenskraft, der Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden, oberste Priorität.

Adlers Individualpsychologie

1911 gründete Adler den „Verein für Freie Psychoanalytische Forschung“. 1912 benannte er ihn in „Verein für Individualpsychologie“ um. Der Name „Individualpsychologie“ könnte widersprüchlich erscheinen, wenn man in Betracht zieht, dass Adler an die große Bedeutung gesellschaftlicher Faktoren und der Umwelt für das Wohlbefinden eines Menschen glaubte. Adler prägte den Begriff „individual“, weil er ebenso annahm, dass der starke gesellschaftliche Einfluss spezifische Auswirkungen auf die einzelne Person habe. Diese Argumentation ähnelt der, der im Bezug zur Behinderung gefolgt wurde.

Mensch im Kopf eines anderen

Eines der ersten Konzepte, das Adler postuliert hatte, war das der „Kompensation“. Es basierte auf einem Model der „konstitutionellen Pathologie“ und sollte zeigen, dass der Körper bei organischer Insuffizienz automatisch kompensiere. Diese Kompensation beginne im Kopf und übertrage sich dann auf den Körper. Als Augenarzt hat er beobachtet, dass viele Patienten mit signifikanten Sehstörungen begeisterte Leser waren.

Laut Adler sei der Hauptantrieb jedes Menschen die Willenskraft. Er sagte, dass der Minderwertigkeitskomplex auftauche, sobald der Antrieb gehemmt sei. Dieser sei ein neurotisches Gefühl der Unfähigkeit oder Inkompetenz, das durch Erfahrungen und Umwelt verstärkt wird. Um diese Störung zu kompensieren, entwickle der Betroffene einen „Überlegenheitskomplex“. Dazu zählen unverhältnismäßig hohe Wahrnehmungen und starke Triebe.

In diesen Fällen führe der Prozess der Kompensation zu zwei verfügbaren Optionen. Bei der einen kompensiere der Betroffene sein Gefühl der Unterlegenheit, indem er ein neues Potenzial entwickelt. Demgegenüber sei der Betroffene im zweiten Fall vom Gefühl der Minderwertigkeit gefangen und entwickle einen Minderwertigkeitskomplex. Dieser führe zu Zynismus, zur Frustration, Gleichgültigkeit und sogar zur Kriminalität.

Adlers Vermächtnis

Adlers Vermächtnis erreichte nicht nur verschiedene Länder in Europa, sondern auch die Vereinigten Staaten. Dort war Adler ein erfolgreicher Redner und sogar ein Gastdozent renommierter Universitäten. Und all das trotz der Tatsache, dass in seinem Heimatland und an vielen anderen Orten seine Bücher und Ideen während des Nationalismus verboten wurden.

Das Konzept der Macht des Willens und der Fähigkeit des Menschen, sein Schicksal zu ändern, findet sich auch in späteren Schulen. Dazu zählen die Humanistische Psychologie, Erich Fromms Sozialpsychologie und Viktor Frankls Logotherapie.

Die grundlegenden Lehren der Individualpsychologie sind in seinem Buch Über den nervösen Charakter  beschrieben, welches 1912 veröffentlicht wurde. Andere Werke, die sein Vermächtnis definieren, sind Praxis und Theorie der Individualpsychologie  (1920); Menschenkenntnis  (1927) und Die Technik der Individualpsychologie  (1928-1930). Und viele andere mehr.

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