Was ist Neurodiversität?

Die Neurodiversität schafft eine pluralistische Perspektive, um auf Menschen zuzugehen, die nicht dem neurotypischen Muster entsprechen. Sie bereichern unsere Gesellschaft.
Was ist Neurodiversität?

Letzte Aktualisierung: 01. Juli 2021

Neurodiversität beschreibt ein Konzept, das zum Ausdruck bringt, dass es eine Vielfalt an neurologischen Bauplänen gibt und Legasthenie, Dyspraxie, ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) keine Krankheiten sind, sondern unsere Gesellschaft mit neurologischem Pluralismus aufwerten. Es geht vorwiegend darum, die positiven Eigenschaften zu unterstreichen und genetische Unterschiede genauso wie Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Ethnie als Bereicherung zu betrachten.

Lange Zeit haben wir uns nur darauf konzentriert, Defizite als Einschränkung und Probleme zu bewerten, ohne das Potenzial der betroffenen Menschen zu erkennen und zu schätzen. In einer Welt der Neurotypen eröffnet die Neurodiversität neue Möglichkeiten hin zur Normalität und Inklusion.

So interessieren sich auch immer mehr Unternehmen für diese Gruppe, denn es gibt unter anderem auch Jobs, bei denen das “Anderssein” von Vorteil ist. Wir sehen uns dieses Thema anschließend etwas genauer an.

Der Begriff Neurodiversität wurde 1990 von Judy Singer geprägt, einer Soziologin mit Autismus und Mutter eines Kindes im Autismusspektrum.

Kinder, die Neurodiversität repräsentieren

Warum Neurodiversität?

Neurodiversität bezieht sich auf die Vielfalt der neuronalen Entwicklung, auf Abweichungen der neurobiologischen Norm, die jedoch nicht als Störung, sondern als Teil der pluralistischen Realität identifiziert werden. Viele Menschen lernen anders, denken anders und verhalten sich anders, was unser Leben bereichert und kreative Ideen fördert.

Wie bereits erwähnt, prägte die australische Soziologin Judy Singer in den 90er Jahren diesen Begriff, um Menschen, die “anders ticken” eine Stimme und ein neurologisches Selbstbewusstsein zu geben, anstatt sie als kranke oder eingeschränkte Personen zu betrachten. Auch sie selbst und ihr Sohn sind im Autismusspektrum.

Verschiedene Autoren schreiben den Ausdruck Neurodiversität dem Autistenvertreter Jim Sinclair zu, der mit seiner Bewegung “Trauert nicht um uns” (Don´t Mourn For Us) große Aufmerksamkeit erzielte. Kurze Zeit später veröffentlichte die New York Times einen Artikel über den neurologischen Pluralismus zur Integration von Menschen mit Asperger, Koordinationproblemen, Sprach- oder Lernstörungen usw.

Schließlich dehnte sich das Konzept der Neurodiversität auch auf Patienten mit psychischen Problemen aus, beispielsweise Zwangsstörungen, Bipolarität, Schizophrenie usw.

Das etwas andere Gehirn

Die Neurodiversität verteidigt, dass neurologische Unterschiede von Menschen mit Autismus, Hyperaktivität oder Lernbehinderungen nicht krankhaft sind. Ein Gehirn zu haben, das die Realität auf andere Weise verarbeitet, ist keine negative Sache, sondern eine alternative Art, die Welt zu betrachten und zu interpretieren. Es geht um Respekt, Verständnis und Inklusion.

Diese Idee war die Grundlage der Aktivistenbewegung, die in den 90er Jahren entstand und einen ganz bestimmten Zweck verfolgte. Ihr Ziel war, eine Veränderung im Bildungsbereich zu erreichen. Es ging darum, die Stigmatisierung von Kindern mit neurologischen Entwicklungsproblemen zu verhindern, um eine inklusivere Schule zu schaffen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, diesen Kindern die nötige Unterstützung anzubieten, damit sie wie alle anderen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Bücher wie “The Power of Neurodiversity: Unleashing the Advantages of Your Differently Wired Brain” des Autors Thomas Armstrong waren für diese Bewegung sehr bereichernd. 

Es ist nicht notwendig, Menschen mit einem anderen Gehirn zu “heilen”, es ist notwendig, ihr Wohlbefinden und ihre Inklusion zu fördern

Es gibt auch noch eine andere Idee, die Neurodiversität definiert. Personen mit Autismus, Entwicklungskoordinationsstörungen, Legasthenie oder anderen Unterschieden erwarten nicht, geheilt zu werden. Sie wissen, dass sie mit ihrer eigenen neurologischen Realität leben müssen. Es ist für sie jedoch bereits im Kindesalter wichtig, Selbstvertrauen zu entwickeln und belastbar zu sein. 

Unterschiede ja, Behinderungen nein. Das ist das Motto der Neurodiversität. Sie akzeptiert, dass es Menschen mit neurologischen Besonderheiten gibt und dass es notwendig ist, ihre Fähigkeiten und ihr emotionales Wohlbefinden zu maximieren.

Neurodiversität am Arbeitsplatz

Wir haben bereits kurz darauf hingewiesen, dass auch immer mehr Unternehmen sich darüber bewusst werden, dass Neurodiversität am Arbeitsplatz wichtig ist und unterschiedlich tickende Menschen neue Möglichkeiten eröffnen und Kreativität fördern. In verschiedenen Berufen ist es vorteilhaft, anders zu denken. Nicht neurotypische Denkmuster können für Unternehmen sehr wertvoll sein.

Ein Beispiel. Es gibt Geheimdienst- oder Datenanalyseorganisationen, in denen qualifizierte Mitarbeitende benötigt werden, um Muster zu erkennen. Hier sind manche Menschen im Autismusspektrum sehr hilfreich.

Ebenso beschäftigen Persönlichkeiten wie David Joseph, CEO von LA Universal Music UK, einer der größten Plattenfirmen im Vereinigten Königreich, viele Menschen mit Neurodiversität in ihrem Unternehmen, weil sie meist sehr kreativ sind.

Junge macht ein Puzzle, das Neurodiversität darstellt

Die Kontroverse um dieses Konzept

Die Neurodiversität stößt auch auf Kritik. Zwar schafft sie eine neue Perspektive, um Menschen mit bestimmten Störungen und neurologischen Realitäten besser zu verstehen und zu integrieren, doch es ist praktisch unmöglich, so verschiedene und komplexe Welten in nur einem einzigen Begriff zu vereinen. 

Autisten können sehr unterschiedlich sein, da es innerhalb dieses Spektrums verschiedenste Abstufungen gibt. Manche davon sind sehr einschränkend. Wir können deshalb über Unterschiede sprechen, dürfen jedoch nicht vergessen, dass auch Behinderungen existieren, die besondere Aufmerksamkeit, Ressourcen und spezialisierte Fachkräfte erfordern. 

Daher sind wir verpflichtet, sowohl Unterschiede als auch Behinderungen zu erkennen, denn nur so erhalten betroffene Personen eine besser auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Ausbildung, Betreuung oder berufliche Möglichkeiten. Gleichzeitig sollten wir uns als Eltern, Lehrer und Gesellschaft für die Neurodiversität einsetzen, denn wir wissen, dass es unterschiedliche neurologische Realitäten gibt. Diese zu verstehen und ihnen unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Bedürfnisse zu helfen, ist unsere Aufgabe, um Wohlbefinden, neurologisches Selbstbewusstsein und Integration zu fördern.

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  • Armstrong, Thomas (2010). Neurodiversity: Discovering the Extraordinary Gifts of Autism, ADHD, Dyslexia, and Other Brain Differences. Boston: Da Capo Lifelong. p. 288.
  • Armstrong, Thomas (2012). Neurodiversity in the Classroom: Strength-Based Strategies to Help Students with Special Needs Succeed in School and Life. Alexandria, VA: Association for Supervision & Curriculum Development. p. 188.
  • Reitman, Harold (2015). Aspertools: The Practical Guide for Understanding and Embracing Asperger’s, Autism Spectrum Disorders, and Neurodiversity. Deerfield Beach, FL: HCI Books. p. 240