Was betrachten wir als normalen Sex?

15. Januar 2019

Wir neigen dazu, das Unbekannte abzulehnen, es zu kennzeichnen und zu verurteilen. Aus diesem Grund fallen für viele Menschen BDSM-Praktiken, Fetischismus oder Paartausch, unter anderem, nicht unter das, was als „normaler Sex“ gilt.

Der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen,  das am meisten akzeptierte Handbuch zur Diagnostik in der Psychologie, mag diese Überzeugungen stützen. So wurde beispielsweise Homosexualität bis 1973 in diesem Handbuch als „abweichend“ angesehen. Das hat sich inzwischen geändert. Auch andere sexuelle Verhaltensweisen, wie die im vorigen Absatz erwähnten, werden nicht mehr als pathologisch angesehen, da sich unsere Vorstellungen vom Sex geändert haben.

Der ‚Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen‘ betrachtet unter anderem sexuellen Sadismus, sexuellen Masochismus, Fetischismus und Transvestismus als Paraphilien, die das Leben einer Person beeinträchtigen können.

Die Debatte darüber, was normaler Sex sei oder nicht, findet in der Gesellschaft jedoch immer noch statt, und obwohl viele Fortschritte erzielt wurden, sind Begriffe „abweichend“ oder „pervers“ immer noch sehr präsent. Aber gibt es einen Standard für das Sexualverhalten?

Lege alles beiseite, was als „normaler Sex“ bezeichnet wird

Jede sexuelle Erfahrung ist anders. Es hängt von den Menschen ab, die sie erleben, von ihrem Geschmack und ihren Fantasien. Es gibt nichts Negatives, Schmutziges oder Perverses, wenn die beteiligten Personen zustimmen, die körperliche Integrität der Personen, die am Austausch teilhaben, nicht gefährdet ist und sie dies freiwillig tun.

Der Druck der Gesellschaft ist jedoch so stark, dass die Menschen dazu neigen, aus Angst vor Repressalien alles zu unterdrücken, was sozial nicht akzeptiert wird, um nicht von anderen abgelehnt zu werden. So geschah es damals mit der Homosexualität, aber auch heute werden sadomasochistische Praktiken oder verschiedene Arten von Fetischismus immer noch als anormales Verhalten, als Verhalten von kranken Menschen bezeichnet.

Statue eines Paares

Unsere Sexualität ist einzigartig. In ihr können wir all unsere Fantasien und Wünsche entfalten. Und sie hat kaum Grenzen. Die von der Gesellschaft auferlegten Definitionen verschleiern jedoch ihre wahre Natur, um sie zu etwas „Akzeptablem“, eher Angesehenem, einem reineren Akt zu machen.

All dies kann dazu führen, dass Menschen ihre eigenen Wünsche ablehnen, bis hin zu dem Punkt, an dem sie sich schlecht fühlen. Zum Beispiel mag jemand, der gern BDSM praktiziert, Schuldgefühle entwickeln, weil diese Praxis in seinem Kopf nicht unter das fällt, was als „normaler Sex“ gilt. Dies kann verhindern, dass er seine Sexualität vollständig genießt, um sich nicht zu blamieren.

Was normal ist, ist nichts anderes als eine Rechtfertigung dafür, was abgelehnt und nicht akzeptiert werden soll.

Wir können uns „normalen Sex“ vorstellen, wie es mit dem Schönheitskanon geschieht. Beide verändern sich im Laufe der Zeit, beide verursachen jenen Menschen Probleme, die nicht zu ihnen passen. Wir erkennen dabei nicht, dass, wenn sich alles ändert, alles gültig ist. Was wir heute nicht akzeptieren, wird morgen vielleicht zur Normalität.

Lügen wir, um „normal“ auszusehen?

Terri Fisher, Psychologieprofessor an der Ohio State University (Ohio, USA), führte eine Studie an Männern und Frauen durch, um zu sehen, ob sie sich Sorgen um die Einhaltung gesellschaftlicher und kultureller Normen über Sex machten.

Geschlechtssymbole

Fisher fand heraus, dass die Teilnehmer in ihren Antworten bezüglich ihres Sexualverhalten gelogen haben. Dies konnte bewiesen werden, indem ein Lügendetektor verwendet wurde, der sie unter Druck setzte, die Wahrheit zu sagen. So wurde festgestellt, dass Männer angaben, weniger Sexualpartner zu haben, während Frauen angaben, mehr zu haben. Die Antworten gestalteten sich ganz anders, wenn der Proband nicht mit dem Detektor verbunden war. Dieser Unterschied in den Antworten war nachweisbar, als die Teilnehmer nach ihrem sexuellen Verhalten (Treue, Monogamie, etc.) gefragt wurden.

Und die Teilnehmer an Fishers Studie logen aus einem einzigen Grund: aus der Notwendigkeit heraus, in ihre Geschlechterrolle zu passen. Wir schämen uns, zu erkennen, wer wir sind, was wir tun, wie wir unsere Sexualität ausleben. Wir lügen, um „normal“ auszusehen, um der Geschlechterrolle gerecht zu werden, die uns seit unserer Kindheit beigebracht wurde.

So logen Männer über die Anzahl ihrer Sexualpartner, um sich an die Vorgaben anzupassen, die die Gesellschaft versucht, ihnen als „Machos“ aufzuzwingen, während die Frauen logen, um ein Bild abzugeben, das sich nicht mit diesem Satz beschreiben lässt, der auch heute noch sehr präsent ist: Ein Mann, der mit vielen Frauen zusammen ist, ist ein Held, aber wenn eine Frau mit vielen Männern ausgeht, ist sie eine Schlampe.

Paar im Schatten

Wir sind noch weit davon entfernt, damit aufzuhören, mit dem Finger auf die Menschen zu zeigen und sie nach einer Reihe von Überzeugungen zu benennen, in einer Haltung, die bei Weitem nicht respektvoll ist. In diesem Sinne führt das Nichtakzeptieren des Genusses der Sexualität in einer ihrer Varianten, das Beschreiben einiger Praktiken als anormal oder pervers dazu, dass viele Menschen eine Maske aufsetzen oder glauben, sich verstecken zu müssen, um ein Trugbild zu nähren.