Warum Ungewissheit für dein Gehirn Stress bedeutet

Wir leben in einer ungewissen und komplexen Welt und wissen nicht, was uns die Zukunft bringen wird. Unser Gehirn reagiert auf diese Unsicherheit mit Stress. Erfahre in diesem Artikel, wie du mit dieser Situation besser umgehen kannst.
Warum Ungewissheit für dein Gehirn Stress bedeutet
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 09. April 2023

Die Ungewissheit überfordert unser Gehirn. Wir wissen nicht, was am Ende des Korridors auf uns zukommt: eine Bedrohung oder etwas Angenehmes? Deshalb bereitet sich unser Gehirn auf eine gefährliche Situation vor, damit wir im Notfall die Flucht ergreifen oder uns wehren können.

Unser Denkorgan ist in der Lage, mit mehrdeutigen Informationen umzugehen und in komplexen Situationen Entscheidungen zu treffen. Wenn jedoch über einen längeren Zeitraum Ungewissheit herrscht, empfinden wir Stress und Angst. In unsicheren Zeiten benötigen wir deshalb Strategien und Werkzeuge, um mit Zweifeln, Beklommenheit und Ängsten umzugehen und Stress zu reduzieren. Zunächst müssen wir jedoch verstehen, wie unser Gehirn auf Ungewissheit reagiert.

Ein Großteil unserer Ängste entsteht durch die Schwierigkeit, mit Ungewissheit umzugehen.

Warum Ungewissheit für dein Gehirn Stress bedeutet
Ungewissheit zwingt unser Gehirn, verschiedenste Zukunftsszenarien zu entwickeln. Diese können katastrophal sein und unsere Angst nähren.

Wie reagiert unser Gehirn auf Ungewissheit?

Eine im Journal of Anxiety Disorders veröffentlichte Studie der University of Regina in Kanada zeigt, dass die Angst vor dem Unbekannten oder dem nicht Vorhersehbarem zu den grundlegenden Instinkten zählt. Wie ein überfürsorglicher Elternteil, der alles kontrollieren möchte, versucht unser Gehirn damit, uns zu schützen. Wenn sich etwas seiner Kontrolle oder seinem Verständnis entzieht, gerät es in Panik.

Die kognitive Neurowissenschaft zeigt, dass unsere neuronalen Mechanismen auf der Suche nach einer Erklärung überfordert sind. Unser Gehirn möchte die Kontrolle zurückerlangen und benötigt Antworten oder Lösungen. Das Massachusetts Institute of Technology hat dazu einige sehr interessante Studien durchgeführt. In unsicheren Situationen regt der mediodorsale Thalamus den präfrontalen Kortex an, eine Entscheidung zu treffen und in diesem komplexen Kontext zu handeln. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Die Ungewissheit erzeugt Angst, deshalb können wir nicht klar nachdenken und die Situation analysieren, um Lösungen zu finden.

Das Gehirn reagiert mit Stress, da es an Informationen mangelt, um eine Lösungsstrategie zu entwickeln. Wenn die Ungewissheit über einen längeren Zeitraum andauert, entstehen Stresssymptome wie Hypervigilanz. Wir denken an katastrophale Szenarien, die eintreffen könnten. In solchen Situationen übernehmen Gehirnregionen wie die Amygdala und die Insula die Kontrolle. Wir skizzieren anschließend die Auswirkungen.

Das menschliche Gehirn muss vorausplanen können, um die Kontrolle über die Realität zu haben. Wenn dies nicht der Fall ist und diese Wahrnehmung über einen längeren Zeitraum anhält, treten Stress und Angst auf.

Ungewissheit und Angst

Obwohl die Ungewissheit Teil unseres täglichen Lebens ist, fällt es uns schwer, damit umzugehen. Stell dir vor, du wartest nach verschiedenen medizinischen Untersuchungen auf die Diagnose oder du fürchtest ständig, dass dir gekündigt wird. Dein Gehirn hat Angst und fühlt sich überwältigt. Bei manchen Menschen führt die ständige Ungewissheit zu einer generalisierten Angststörung.

Wachsamkeit und Hypervigilanz sind Ausdruck eines ängstlichen Gehirns. Bei Ungewissheit bereitet sich das Gehirn auf eine mögliche Bedrohung. 

Die Folgen von Stress

In ungewissen Zeiten reagieren wir mit Stress, der folgende Symptome auslösen kann:

  • Kopfschmerzen
  • Muskelschmerzen
  • Krämpfe und Schwindelgefühle
  • Verdauungsstörungen
  • Grübelei
  • Schlaflosigkeit und Essstörungen
  • Das Gefühl, dass uns alles über den Kopf wächst und wir keine Kontrolle haben.

Ungewissheit bringt uns dazu, Bedrohungen zu personalisieren und voreilige Schlüsse zu ziehen. 

Depression und unflexibles Denken

Das Gehirn kann bei Ungewissheit pathologisch reagieren. Nicht selten kommt es zu depressiven Störungen. Eine unflexible Haltung bewirkt in dieser Situation, dass wir nicht in der Lage sind, uns an einen komplexen Kontext anzupassen und uns deshalb hilflos, hoffnungslos und apathisch fühlen. Unser Denkorgan produziert negative und fatalistische Gedanken, anstatt Lösungen zu suchen. Wir sind unfähig, mit diesen schwierigen Emotionen umzugehen, die unsere Denkfähigkeit vernebeln.

Nachdenklicher Mann versucht Ideen zu finden, um die Ungewissheit zu bewältigen.
Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht immer alles kontrollieren können.

Welche Strategien helfen bei Ungewissheit?

Ständige Ungewissheit führt uns zu einer Existenz im Überlebensmodus. Wir denken nicht nach, wir reagieren. Wir agieren nicht, sondern lassen uns mitreißen. Die Gefahr, in eine Stimmungsstörung abzudriften, ist groß, wenn uns die Werkzeuge fehlen, um mit diesen Erfahrungen umzugehen, die von Zweifeln und Ängsten vor dem “was morgen passieren könnte” geprägt sind.

Wir müssen unsere psychologische Flexibilität und Gelassenheit trainieren, um mit Ungewissheit umzugehen. Es ist wichtig, Gedanken und Vorstellungen neu zu strukturieren, um dies zu erreichen. Außerdem müssen wir uns zu Veränderungen verpflichten, indem wir Schlüssel wie die folgenden anwenden.

1. Sei dir bewusst, was du kontrollieren kannst

Die Ungewissheit gibt und das Gefühl, dass alles unter unseren Füßen zerbröckelt. Aber das ist nicht der Fall. Konzentriere dich auf die Aspekte deines Lebens, über die du die Kontrolle hast, und zu diesen Variablen gehörst du selbst. Wie der Psychiater Viktor Frankl einmal sagte: “Wenn wir nicht länger in der Lage sind, eine Situation zu ändern, sind wir gefordert, uns selbst zu ändern.”

Behalte außerdem eine einfache Tatsache im Hinterkopf: Ungewissheit ist ein fester Bestandteil unserer Existenz und das müssen wir akzeptieren.

2. Deaktiviere negative Gedanken und suche nach Lösungen

Es ist wichtig, dass du deine negativen Gedanken hinterfragst und erkennst, wie wenig hilfreich sie in dieser Situation sind. Wende stattdessen geeignete Problemlösungsmethoden an. Zeige für jede Herausforderung oder Angst zehn mögliche Lösungen auf, sei kreativ und wende einen flexiblen und belastbaren Ansatz an.

3. Visualisierung und Entspannungsübungen

Entspannungstechniken sind großartige Werkzeuge, um Stress zu regulieren und mehr Kontrolle über deinen Geist zu erlangen. Denke daran, dass ein ruhiger Geist besser denkt und seine Ängste abbaut, um bessere Entscheidungen zu treffen.

Andererseits solltest du nicht zögern, mit Visualisierungstechniken zu beginnen. Es ist nützlich, sich im Geiste die Realität einer Situation und mögliche Lösungen vorzustellen. Das baut Spannungen ab und erhöht die kognitive Flexibilität.

Fazit

Das Gehirn bevorzugt Gewissheit und Vorhersehbarkeit, doch wir müssen akzeptieren, dass wir nicht alles kontrollieren können. Außerdem müssen wir Mechanismen und Strategien entwickeln, um mit Ungewissheit besser umgehen zu können, denn dies ist eine Grundvoraussetzung, um uns an unsere immer komplexere Umwelt anpassen zu können. Zögere nicht daran, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn dich die Ungewissheit zu sehr belastet. 

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