Warum glauben Teenager, alles zu wissen?

Obwohl Teenager alles zu wissen glauben und ungern auf die Ratschläge ihrer Eltern hören, kämpfen sie innerlich meist mit Unsicherheiten und Zweifeln.
Warum glauben Teenager, alles zu wissen?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 09. April 2023

Teenager glauben oft, bereits alles zu wissen und treffen riskante Entscheidungen, ohne auf den Rat ihrer Eltern zu hören. Auf die Worte ihrer Eltern reagieren sie häufig taub oder mit einem kurzen “ist mir egal”. Doch warum hören sie nicht zu?

Bevor wir diese Frage eingehender analysieren, laden wir dich ein, dich an die Zeit zurückzuerinnern, als du selbst in diesem Alter warst: Du glaubtest vermutlich auch, alles besser zu wissen und hattest das Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Es handelt sich um ein prototypisches Verhalten, deshalb solltest du nicht mit Vorwürfen reagieren, wenn sich dein jugendliches Kind so verhält. 

Teenager zeigen sich zwar trotzig und rebellisch, doch in Wahrheit werden sie meistens von Unsicherheiten geplagt. Ihre Welt verändert sich, alles ist neu, sie haben Zweifel, Ängste und viele falsche Vorstellungen vom Leben.

Warum glauben Teenager, alles zu wissen?
Teenager zeigen sich selbstbewusst, haben jedoch in den meisten Fällen Ängste und sind sich unsicher.

Warum Teenager denken, alles zu wissen

Teenager wirken chaotisch, unberechenbar, übereilt und sind manchmal unausstehlich. Die Pubertät ist ein Prozess, der tiefgehende Veränderungen zur Folge hat, doch die Eltern bemerken oft nur die äußeren, körperlichen Anzeichen und vernachlässigen die emotionale Welt ihrer jugendlichen Kinder.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Veränderungen im Teenageralter das weitere Leben bestimmen. Die Jugendlichen suchen ihren Platz in der Gesellschaft, die viele Herausforderungen und Erwartungen an sie stellt und sie damit häufig überfordert.

Teenager denken, alles besser zu wissen. Sie zögern nicht, ihre Meinung kundzutun und Entscheidungen zu treffen, die uns oft nicht sinnvoll erscheinen. Die Eltern sollten sich nicht über dieses Verhalten ärgern oder verzweifeln, sondern versuchen, es zu verstehen. Wenn du einen Besserwisser oder eine Besserwisserin zu Hause hast, finde heraus, warum sie sich so verhalten.

Einer der Gründe, warum Jugendliche impulsiv handeln, ist, dass sie noch einen unterentwickelten präfrontalen Kortex haben.

Die Gehirnentwicklung von Teenagern ist noch nicht abgeschlossen

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht, die uns das Verständnis der Gehirnentwicklung im Kindes- und Jugendalter erleichtern. Ein Beispiel dafür ist eine Forschungsarbeit der Universität Pennsylvania.

Sie erklärt, dass Faktoren wie Impulsivität und Sensationslust auf einen noch unreifen präfrontalen Kortex zurückzuführen sind. Im Alter von 11 Jahren beginnen zwei Prozesse: einerseits die Reifung der frontostriatalen Belohnungskreisläufe, die Kinder dazu bringt, sich stark für neue Ziele und Verhaltensweisen zu interessieren und andere Sinneseindrücke zu erleben; andererseits das Beschneiden neuronaler Axone, das zu einer reduzierten grauen Substanz führt. Damit beginnt die Myelinisierung, die fast ein Jahrzehnt dauert. Mit anderen Worten: Die Reifung des präfrontalen Kortex ist erst im Alter von 21-25 Jahren abgeschlossen.

Dies führt einerseits zu einer ständigen Suche nach Sinneseindrücken in Verbindung mit einer geringen Impulskontrolle und einer schlechten Nutzung der exekutiven Funktionen (Planung, Selbstregulierung, kognitive Flexibilität usw.).

Es stimmt zwar, dass es interindividuelle Unterschiede gibt und dass manche Jugendliche nachdenklicher und vorsichtiger sind, aber das Gefühl, dass sie bereits genug Erfahrung haben, um über ihr Leben zu entscheiden, ist häufig anzutreffen.

Verlangen nach Individualität und Suche nach der eigenen Identität

Jugendliche müssen ihre Identität definieren und deshalb auch Grenzen überschreiten. Sie argumentieren ihren Eltern gegenüber häufig, dass diese nicht auf dem neuesten Stand sind und kein Verständnis haben. Diese Situation ist nicht einfach, doch die Eltern sollten versuchen, sich in die Situation ihrer Teenager einzufühlen.

Auf dem Wege zur eigenen Identität ist es grundlegend, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein paar Beispiele: ein 14-jähriges Mädchen, das entscheidet, mit ihren Freundinnen am Wochenende wegzufahren; oder ein 15-jähriger Junge, der die Schule abbrechen möchte, um Streamer auf Twitch zu werden.

Sich zu entscheiden bedeutet auch, sich von anderen abzugrenzen und die eigene Identität zu demonstrieren (fast aufzudrängen). Natürlich können die Entscheidungen unüberlegt, zu spontan oder zu gewagt sein.

Teenager haben viele Zweifel

Jugendliche tun zwar oft so, als ob sie alles wüssten, doch in Wahrheit haben sie viele Zweifel und Unsicherheiten. Die Pubertät ist von Widersprüchen geprägt und auch für die Teenager selbst ist es nicht einfach, mit diesen umzugehen. Manchmal wollen sie allein sein, sie brauchen jedoch auch Menschen, die ihnen zuhören und sie verstehen, in anderen Situationen stellen sie jedoch auf taub.

Sie wollen ihren Platz in der Welt finden, viele Ziele und Träume erreichen, wissen aber nicht immer, wo sie anfangen sollen, was sie überfordert und sogar demotiviert. Sie haben eine Vielzahl von Referenzen, zu denen sie aufschauen können, die sie jeden Tag in den sozialen Netzwerken sehen. Trotzdem brauchen sie ihre Eltern, auch wenn sie es nicht gerne zugeben

Die jungen Besserwisser verstecken sich hinter Coolness und Gelassenheit, doch innerlich fühlen sie sich die meiste Zeit verloren. Sie durchlaufen einen Lernprozess, um sich selbst und die Welt zu entdecken. Erwachsene sollten sie auf diesem Weg immer bestmöglich unterstützen.

Teenager spricht mit Mutter
Die Schlüssel im Umgang mit Teenagern sind Respekt und Verständnis.

Wie du deinen Teenager unterstützen kannst

Folgende Tipps können dir helfen, mit Teenagern besser umzugehen und sie zu unterstützen:

  • Höre zu, sprich mit ihnen, führe häufige Dialoge, aber ohne sie zu verurteilen und zu kritisieren.
  • Zeige Verständnis, versuche dich einzufühlen und respektiere ihre Sichtweise. Ein Ratschlag, der nicht aufdringlich ist, kommt immer besser an.
  • Kümmere dich um ihre Interessen, versuche herauszufinden, was sie mögen, wem sie in sozialen Netzwerken folgen und was ihre Ziele sind.
  • Gib ihnen Verantwortung und setze ihnen klare Grenzen.
  • Das Internet und soziale Netzwerke können nicht ihre wichtigste Wissensquelle sein. Es ist wichtig, dass sie ihre Welt nicht ausschließlich um dieses digitale Universum herum aufbauen.

Der Veränderungsprozess, den Teenager zu Erwachsenen macht, ist oft für alle Beteiligten schwierig. Doch mit Respekt, Liebe und Verständnis ist alles einfacher.


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