Warum es nicht immer gut ist, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will

26 Oktober, 2020
Jeder Mensch hat eigene Wünsche, Prioritäten und Bedürfnisse. Das heißt, dass der Ansatz "Behandle andere, wie du selbst behandelt werden willst" nicht immer die beste Idee ist.

Das moralische Prinzip “Behandle andere, wie du selbst behandelt werden willst” wird von vielen Menschen und Geistesrichtungen geteilt. Dieser Satz gilt als Leitlinie für menschliche Beziehungen – so empfehlen es Philosophen, religiöse Führer und einflussreiche Leute. Fast jeder von uns kennt diese “goldene Regel”, wenn auch vielleicht nicht unter dieser Bezeichnung. Da der Gedanke derart allumfassend scheint, überrascht dich vielleicht Folgendes: Bei sozialen Interaktionen ist der Einsatz “der goldenen Regel” nicht immer der beste Ansatz.

Wir haben alle schon einmal erlebt, dass jemand, dem wir eine “gute Tat” angedeihen ließen, unsere Handlungen völlig falsch interpretierte. Oder noch schlimmer: Unsere wohlmeinenden Taten liefen den Interessen dieses Menschen womöglich sogar entgegen. Das kann jetzt ein wenig unfair klingen – doch die ernstgemeinte Sorge um das Wohlergehen eines anderen Menschen kann negative Auswirkungen haben. Und es passiert andauernd. Vielleicht liegt es daran, dass unsere Taten einer falschen Perspektive entspringen – unserer eigenen.

Ist es gut, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will?

Ein berühmter Satz aus der Bibel findet sich im Matthäus-Evangelium: “Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!” Das ist scheinbar eine großartige Prämisse. Darin stecken eine gute Absicht und eine große Bewusstheit, wie man mit anderen Menschen umgehen soll.

Wenn du diesen Satz anwendest, wirst du wahrscheinlich ehrlicher und verständnisvoller sein, hilfreich und freundlich. Dieses moralische Prinzip kann dich dazu bewegen, einem Freund einen Gefallen zu tun, auch wenn dir eigentlich nicht danach ist. Es kann auch sein, dass du zweimal darüber nachdenkst, ehe du einen Freund kritisierst.

Andere behandeln, wie man selbst behandelt werden will?

Wünsche und Erwartungen sind nicht allgemeingültig

Wenn du über die generellen Auffassungen von Freundlichkeit und Verständnis hinausgehst und dich auf eine praktischere und konkretere Ebene begibst, funktioniert die “goldene Regel” nicht so gut. Stell dir zum Beispiel vor, dass du deinem besten Freund zu seinem Geburtstag eine teure Armbanduhr kaufst. Wenn du ihm dann das Geschenk überreichst und seinen enttäuschten Gesichtsausdruck siehst, bist du womöglich verunsichert oder sogar ein wenig verärgert.

Vielleicht hatte dein Freund gehofft, dass du ihm etwas schenken würdest, was einen persönlichen emotionalen Wert hat oder von dir selbst angefertigt wurde. Es könnte auch sein, dass er gerne mit dir zu Abend gegessen hätte oder lieber etwas mit dir unternommen hätte, als ein materielles Geschenk zu bekommen.

Dass “der Stecker nicht immer in die Steckdose passt”, kann in jedem Lebensbereich vorkommen. Eltern und Kinder verstehen sich zum Beispiel oft falsch.

Nehmen wir an, dass du ein Vater bist, der mitbekommt, wie sein Sohn gerade eine komplizierte oder stressige Phase durchlebt. Du versuchst ihm zu helfen und relativierst sein Problem. Dann kann der Sohnemann sehen, dass das Problem ja gar nicht so groß ist, wie er gedacht hat oder dass die Auswirkungen nicht so gravierend sein werden. Obwohl ein Erwachsener auf diese Art von Unterstützung gut reagieren würde, denkt der Sohn möglicherweise anders darüber. Vielleicht glaubt er, dass du ihn nur dazu bringen willst, seine gegenwärtige Situation zu vergessen, damit er dich nicht mehr damit belästigt.

Ein ähnliches Beispiel könnte sein, dass du mit deinem Partner gestritten hast und eingesehen hast, dass du Unrecht hattest. Also fasst du den Entschluss, ihn anzurufen oder ihn zu besuchen, damit ihr euch unterhalten könnt. Als du dich aber bei ihm meldest, ist er ärgerlich und gereizt und will mit dir nicht sprechen. Was ist da wohl los? Vielleicht willst du ihm mit deinem Anruf oder Besuch deine gute Absicht zeigen, aber deinem Partner ist das noch zu früh. Er braucht mehr Zeit für sich, um mit seiner Wut umgehen zu können.

Andere behandeln, wie man selbst behandelt werden will?

Denke an die Bedürfnisse der anderen und nicht so sehr daran, wie du selbst behandelt werden willst

Wir versuchen hier nicht zu behaupten, dass es falsch ist, andere so zu behandeln, wie du selbst behandelt werden willst. Es ist ein guter Ausgangspunkt, aber wir würden dich bitten, Vorsicht walten zu lassen: Du möchtest gerne, dass andere Leute an deine Persönlichkeit und deine Bedürfnisse denken. Und genau das solltest du für andere Menschen auch tun.

Denk einmal über die Vorlieben der anderen Person nach. Was macht sie gerne, was braucht sie und was wünscht sie sich? Zeige ihr deine Fähigkeit, in ihre Haut zu schlüpfen und die Dinge aus ihrer Perspektive zu betrachten. Konzentriere dich nicht so sehr auf das, was dir gefallen würde. Was könnte die andere Person stattdessen von dir wollen? Wir müssen ja nicht extra betonen, dass jeder Mensch einzigartig ist.

Dir ist es vielleicht lieber, dass andere Menschen total direkt und ehrlich zu dir sind, aber die Person, mit der du es zu tun hast, braucht Taktgefühl, Verständnis und Feinsinn. Es kann sein, dass du nach einem Streit lieber alleine bist. Du weißt aber, dass dein Partner gerne deine Anwesenheit und Gesellschaft hätte und dass er den Dialog sucht. Wenn du versuchst, die “goldene Regel” zu befolgen, bleibst du nach einer Diskussion mit deinem Partner bei ihm.

Menschliche Beziehungen sind komplex. Es ist nicht einfach, deine Wünsche und Gedanken mit den Leuten in deinem Umfeld in die Balance zu bringen. Wenn du aber wissen möchtest, wie man andere Menschen am besten behandelt, dann denke an die indianische Weisheit: “Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn du ihn verstehen willst.” Unser Fazit ist: Behandle andere Menschen so, wie SIE behandelt werden möchten.

  • Moya-Albiol, L., Herrero, N., & Bernal, M. C. (2010). Bases neuronales de la empatía. Rev Neurol50(2), 89-100.
  • Singer, T., & Klimecki, O. M. (2014). Empathy and compassion. Current Biology24(18), R875-R878.