Die Perspektive wechseln: Bist du der Wolf in der Geschichte eines anderen?

22. November 2017 en Psychologie 198 Geteilt
Die Perspektive wechseln - Menschen halten Wolfsfiguren über ihren Köpfen

Manchmal werden wir zum Bösewicht einer Geschichte, fast ohne es zu merken. Für andere werden wir zum Wolf, der das Rotkäppchen bedroht. In diesen Situationen müssen wir lernen, wie wir unsere Perspektive wechseln können. Wir sollten uns fragen, ob wir zum bösen Wolf werden, wenn wir mit jemandem aus guten Grund schimpfen, die Wahrheit sagen, oder gemäß unseren Werten handeln? Wenn wir uns in jemandesn Leben drägnen und nicht das tun, was wir hätten tun sollen?

Es ist eine gefährliche Sache, in die Falle der Klassifizierung zu tappen, unsere Mitmenschen in die Schubladen gute und schlechte Menschen zu stecken. Wir tun es so oft, dass wir es kaum merken. Wenn zum Beispiel ein Kind gehorsam und ruhig ist, sagen wir sofort, dass es „brav“ sei. Wenn es aber Temperament hat, Widerworte gibt, unruhig, und anfällig für Wutanfälle ist, denken wir nicht zweimal darüber nach, bevor wir sagen, dass es ein „schreckliches“ Kind sei.

„Eine Geschichte leuchtet immer in den Farben des Erzählers, der Umgebung, in der sie erzählt wird, und der Art und Weise, wie sie empfangen wird.“

Jostein Gaarder

Oft handeln wir in Übereinstimmung mit unseren selbsterdachten Ideen dazu, was wir von anderen erwarten können. Wir haben bereits entschieden, was wir als passend und tolerierbar betrachten, und was wir unter Vornehmheit und Güte verstehen. Wenn jemand sich dann nicht gemäß unserer inneren Richtlinien verhält, zögern wir nicht, ihn als rücksichtslos, toxisch oder schlicht „schlechten Menschen“ zu klassifizieren.

Der Wolf in der Geschichte eines anderen zu sein, das passiert häufig. Jedoch ist es in vielen Fällen notwendig, die Person zu analysieren, die unter dem roten Käppchen steckt.

Rotkäppchen, das das Maul des Wolfs offenhält

Wenn uns das Kreieren eigener Geschichten Sicherheit gibt

Rotkäppchen ist ein gehorsames Mädchen. Auf ihrem Spaziergang durch den Wald erinnert sie sich daran, dass sie den ausgetretenen Pfad nicht verlassen darf. Es gibt Regeln, an die sie sich halten muss, und sie muss so handeln, wie es ihr beigebracht wurde. Als aber der Wolf auftaucht, wechselt sie ihre Perspektive: Sie ist längst gefangen von der Schönheit des Waldes, vom Klang der Vögel, den Farben der Blumen, dem Duft der neuen Welt, die so reizvoll ist. Der Wolf verkörpert ihr Bedürfnis, ihre Intuition, die sie auf die andere Seite des Weges, in die Natur in all ihrer Wildheit zieht.

Diese Metapher hilft uns ohne Zweifel dabei, die Dynamik, deren Teil wir jeden Tag sind, besser zu verstehen. Es gibt Menschen, die, wie Rotkäppchen am Anfang der Geschichte, ein inflexibles und reguliertes Verhalten zeigen. Sie haben entschieden, wie Beziehungen zu funktionieren haben, wie ein guter Freund zu sein hat, wie ein Kollege sich zu verhalten hat, und was einen exzellenten Sohn und Partner ausmacht. Ihre Gehirne sind so programmiert, dass sie ausschließlich nach Übereinstimmung und Einheit suchen, weil sie so das bekommen, was sie am meisten brauchen: Sicherheit. Doch wenn ein falscher Akkord angeschlagen wird, wenn jemand anders reagiert, sich anders verhält oder anders antwortet, geraten sie in Panik. Das Gegenüber wird zu einer Bedrohung und löst in ihnen Stress aus. Eine andere Meinung wird als Angriff gewertet. Eine andere Idee, eine harmlose Absage, oder eine unerwartete Entscheidung enttäuschen sie tief, und werden von ihnen als Kränkung und Zurückweisung angesehen.

Deshalb ist es so leicht, zum Wolf in der Geschichte anderer zu werden, zu der Person, die ihrer Intuition folgt und die das zerbrechliche Wesen unter der Kapuze verletzt.

Rotkäppchen, das in das Maul des Wolfs spaziert

Es gibt jedoch noch eine andere Seite der Geschichte. Oft verhalten wir uns wie Rotkäppchen, das Mädchen, das den Fehler beging, ihre eigene Geschichte zu kreieren. Wir entwerfen und entwickeln Pläne darüber, wie unser Leben sein sollte. Darüber, wie man eine ideale Familie aufbaut und wie man jemandes bester Freund sein kann. Und wie man die perfekte Liebe findet, die nie versagt und in jeden Bereich unseres Lebens passt.

Sich das nur vorzustellen, erfüllt uns mit Begeisterung. Der Gedanke daran gibt uns Sicherheit, und wir kämpfen, um sicherzustellen, dass alles so geschieht, wie wir es wollen. Doch wenn die Geschichte aufhört, eine Geschichte zu sein und zur Realität wird, bricht alles zusammen. Und schließlich kommen die Wölfe, die unsere fast unmöglichen Fantasien verschlingen.

Gute und schlechte Menschen: Welche Rolle spielst du?

Der Wolf in der Geschichte eines anderen zu sein, ist nicht angenehm. Es kann, muss aber keine konkreten Gründe dafür geben, weshalb wir zum Wolf werden. Eal, auf welcher Seite man steht, es ist eine unangenehme Erfahrung für alle Beteiligten. Es gibt aber einen grundlegenden Aspekt, den wir nicht ignorieren können: Ab und zu ist es nötig, der „Bösewicht“ in der Geschichte eines anderen zu sein, um der „gute Mensch“ in unserer sein zu können. Vielleicht als der Held, der dazu fähig war, aus einer ermüdenden und unglücklichen Beziehung zu entfliehen. Oder als die Person, die sich traute, das Ende einer Geschichte zu schreiben, die keine Zukunft mehr hatte.

Der Wolf wird immer böse sein, wenn wir nur auf Rotkäppchen hören.

Bevor wir als stubenreine Wölfe enden, die in unmöglichen Fabeln leben, müssen wir unseren Mut zusammennehmen, auf unsere eigenen Instinkte hören, und mit Intelligenz, Respekt und List handeln. Nach unseren eigenen Prinzipien, Bedürfnissen und Werten zu handeln, ist nicht böswillig. Das lässt sich besser akzeptieren, wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass im Wald des Lebens die Guten nicht immer nur gut und die Bösen nicht immer so böse sind. Wichtig ist, wie man in Ehrlichkeit, ohne Schafspelze und Kapuzen zusammenlebt.

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