Warum ältere Geschwister stärker unter elterlichen Konflikten leiden

In dysfunktionalen Familien werden die älteren Geschwister oft dazu gezwungen, sich um ihre Brüder oder Schwestern zu kümmern. Sie müssen häufig die Elternrolle übernehmen.
Warum ältere Geschwister stärker unter elterlichen Konflikten leiden

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 17. November 2022

Ältere Geschwister müssen in vielen Situationen mehr Verantwortung übernehmen und schneller erwachsen werden. Jedes Kind nimmt in der Familie eine bestimmte Rolle ein, die sehr prägend ist und seine Persönlichkeit formt. Wenn beispielsweise die Eltern nicht verfügbar sind, sieht sich das älteste Kind oft dazu gezwungen, seine jüngeren Geschwister zu schützen.

Dysfunktionale oder missbräuchliche Familien, in denen es häufig zu elterlichen Konflikten kommt, zwingen Kinder, schneller erwachsen zu werden. Die Auswirkungen können teilweise gemildert werden, wenn Geschwister diese Situationen gemeinsam durchstehen.

Warum ältere Geschwister stärker unter elterlichen Konflikten leiden
Ältere Kinder übernehmen manchmal die Vermittlerrolle zwischen ihren Eltern, wenn sie sich streiten oder wenn es zu Missbrauchssituationen kommt.

Ältere Geschwister inmitten elterlicher Krisen

Zunächst einmal sollten wir klarstellen, dass die Geburtsreihenfolge unsere Persönlichkeit nicht bestimmt. Es ist eher der soziale Kontext, der uns umgibt, der ein zwölf-, dreizehn- oder vierzehnjähriges Kind dazu bringen kann, die Rolle der Eltern zu übernehmen, wenn diese für ihre jüngeren Geschwister nicht verfügbar sind.

Wir werden von der Umgebung, in der wir aufwachsen, und der Dynamik mit unseren Bezugspersonen geprägt. Die Interaktion mit unseren Geschwistern ist wiederum der Schlüssel zu unserer Charakterentwicklung. Eine Studie der Universität Purdue in Indiana weist auf einen wichtigen Aspekt hin: Die Beziehung zwischen Geschwistern kann sehr viele Aspekte fördern: vom sozialen Lernen über die Art der Bindung bis hin zu Persönlichkeitsmerkmalen. Geschwister sind genauso wichtig wie unsere Eltern und werden manchmal sogar zum Eckpfeiler für die Förderung und den Schutz unseres psychischen Wohlbefindens.

Das gilt besonders in Situationen, in denen die Familie nicht funktioniert. Wenn es zu Konflikten zwischen den Eltern kommt, ist das ältere Geschwisterkind am meisten betroffen. In vielen Fällen ist es seine Aufgabe, als Vermittler zwischen den Eltern oder als Betreuer für die jüngeren Geschwister zu fungieren.

Konflikte zwischen Eltern können große emotionale Auswirkungen auf Kinder haben. Wenn es jedoch ein älteres Geschwisterkind gibt, kann dies dadurch gemildert werden, dass es als Beschützer der Jüngeren auftritt.

Die Puffertheorie und unverfügbare Eltern

Oft wird davon ausgegangen, dass es bei einer konfliktreichen Beziehung zwischen den Eltern auch einen Konflikt zwischen den Geschwistern gibt, aber das ist nicht immer der Fall. Es stimmt, dass die Eltern das soziale Vorbild sind, das Kinder oft nachahmen. Es stimmt auch, dass diese von Streit, Geschrei und Vorwürfen geprägte Dynamik eine chaotische und unsichere Atmosphäre erzeugt.

Die Puffertheorie besagt jedoch, dass die Figur eines älteren Geschwisters manchmal alles verändert. Wenn die Eltern nicht verfügbar sind, übernimmt das Kind die Rolle des Erwachsenen. Sie sind die emotionale, psychische und auch physische Stütze für jüngere Kinder. Außerdem sie sind diejenigen, die die Situation klären und Sicherheit vermitteln. Dies wiederum ist die Grundlage für die Entwicklung positiver Bindungen.

Ältere Kinder und die ungefragte emotionale Belastung

Eine Studie der Universität Edinburgh aus dem Jahr 2017 hat ergeben, dass ältere Geschwister im Durchschnitt einen höheren IQ aufweisen als ihre jüngeren Geschwister. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Ältere Kinder erhalten mehr Anregung, Aufmerksamkeit und Unterstützung als die jüngeren Geschwister.

Aber was passiert in den Haushalten, in denen keine Betreuungspersonen zur Verfügung stehen oder in denen es Konflikte gibt? Das bedeutet, dass sie gezwungen sind, erwachsen zu werden und Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen, für die sie nicht zuständig sind. Es sind Jungen und Mädchen mit einer höheren Reife in Bezug auf die emotionale Intelligenz und sie müssen oft bei den Problemen ihrer eigenen Eltern vermitteln.

Sie müssen sich nicht nur um jüngere Geschwister kümmern, sondern manchmal auch ihre eigenen Eltern betreuen. Es gibt keine Daten darüber, ob sich dadurch ihr IQ erhöht oder nicht. Was wir jedoch oft sehen, ist, dass sie eine emotionale Last tragen, die auf lange Sicht traumatisch und kontraproduktiv ist.

ältere Kinder haben oft mehr Verantwortung
Die Parentifizierung ist die Umkehr der sozialen Rollen von Eltern und Kindern: Die Kinder müssen die Rolle eines Erwachsenen spielen und vernachlässigen sich dadurch selbst.

Die Wunden der Parentifizierung

Der Begriff „Parentifizierung“ wurde von dem Psychiater Iván Böszörményi-Nagy geprägt, um jene Situationen zu definieren, in denen ein Kind die Rolle eines Erwachsenen übernimmt und so seine eigenen Eltern ersetzt. Die Tatsache, dass das ältere Geschwisterkind für jüngere Schwestern oder Brüder und für seine Eltern sorgen muss, ist also eine Form von psychischem Missbrauch.

Es stimmt, dass es interindividuelle Unterschiede gibt. In der Regel geht es jedoch um den Verlust der Kindheit und eine Verzerrung der eigenen Identität. Da die betroffenen Kinder die Rolle ihrer Eltern übernehmen, erhalten sie selbst keine Unterstützung, Sicherheit und Zuneigung. In vielen Fällen führt das zu Traumata und unerfüllten Bedürfnissen.

Niemand sollte seiner eigenen Kindheit beraubt werden, indem er Aufgaben übernimmt, die für ein Kind unangemessen sind. Die Kindheit ist heilig. Erwachsene haben die Pflicht, sich liebevoll um jedes Kind zu kümmern.

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