Von der Selbstsucht zur Selbstliebe nach Aristoteles

6. Juli 2017 en Bücher 102 Geteilt

Aristoteles sagte einmal, er frage sich, „ob es besser sei, dass ein Mensch sich selbst am meisten liebe, oder ob es besser sei, andere zu lieben“.  Der weise griechische Philosoph postulierte eine einzigartige Vision von Selbstsucht und ihrer engen Beziehung zur Selbstliebe. Würdest du gern mehr über seine außerordentliche Herleitung erfahren?

Bevor wir fortfahren, möchten wir darauf hinweisen, dass wir uns auf sein berühmtes Werk Nikomachische Ethik  beziehen. Genauer gesagt begeben wir uns direkt in Kapitel VII des neunten Buchs, das den Titel Über die Selbstsucht oder Selbstliebe  trägt.

Die Liebe zu sich selbst oder Selbstliebe nach Aristoteles

In diesem Kapitel des ausführlichen Werks leitet der Philosoph Stück für Stück her, wie ein tugendhafter Mensch seiner Meinung nach zu sein habe. Er konzentriert sich dabei auf den Vergleich zwischen der Liebe zu sich selbst, oder der Selbstliebe, und der Selbstsucht.

Dieser Philosoph glaubte, dass die Tatsachen den Theorien zur Selbstsucht widersprächen. Wenn es tatsächlich eine Tugend sei, seinen besten Freund zu lieben, dann müsse es auch zutreffen, dass wir uns selbst der beste Freund sein könnten, den wir haben könnten. Das bedeutet: Du bist dein eigener bester Freund. Er fragte sich also: Ist es egoistisch, sich selbst zu lieben? Logisch gesehen ist die engste Beziehung, die in jedermanns Leben bestehen kann, die zu sich selbst. Mit wem leben wir schließlich 24 Stunden am Tag zusammen und müssen mit ihm und jeder seiner Launen zurechtkommen?

Die zwei Formen der Selbstsucht, die Aristoteles beschreibt

Als der Philosoph sich den Regeln der Selbstliebe zuwandte, begann er damit, zu erklären, welche zwei Bedeutungen die Selbstsucht habe. Er glaubte zwar, dass der Begriff negativ besetzt gewesen wäre und einen beschämenden Aspekt in sich getragen hätte, aber er dachte auch, dass es hier eine noch viel wichtigere Variable gäbe.

Die erste Art der Selbstsucht, die Aristoteles aufzeigt, bezieht sich auf die Liebe zu weltlichen Dingen. Der Philosoph stellt diese Art des Handelns mit der des Dorfes gleich, das heißt, mit der Mehrheit, die er als vulgär bezeichnete. Das ist ohne Zweifel auf eine extreme Klassengesellschaft zurückzuführen, wie sie im antiken Griechenland bestand.

Aristoteles sah diese erst Form der Selbstsucht demnach als die lebhafte Sorge nach dem leiblichen Wohl. Menschen, die dieses Merkmal aufweisen, behielten die größten Reichtümer, Ehre und Güter für sich selbst. Sie zeigten eine wahre Hingabe zur Anhäufung von materiellen Gütern, und je wertvoller diese wären, desto besser. Das heißt, ihr einzige Ziel im Leben sei es gewesen, ihre Leidenschaften und Sehnsüchte zu befriedigen, was für Aristoteles bedeutete, auf den irrationalsten Teil der Seele zu hören. Ihm zufolge sei das eine Art vulgärer Brauch, bedauernswert und sehr weit verbreitet. Es handle sich demnach um eine schändliche Einstellung.

„Der Begriff der Selbstliebe kann der Kritik dienen, wenn ein Mensch mehr Geld, Ehre und körperliches Vergnügen nimmt, als ihm zusteht, denn in diesem Fall nährt er seinen tierischen Appetit und den irrationalen Teil seiner Natur.“

Aristoteles

Aber später führte der klassische Philosoph aus, dass auch jene Menschen selbstsüchtig seien, die auf höchstem Niveau von Gerechtigkeit und Weisheit geleitet seien. Aber sie würden die Tugend, gute Taten und Schönheit suchen. Er sah nichts, was man ihnen zum Vorwurf hätte machen können.

Selbstsucht ebnet den Weg zur Selbstliebe

Wir wollen nun über diese zweite Art von Selbstsucht sprechen, die Aristoteles betrachtete. Wie können wir jemanden nicht selbstsüchtig nennen, wenn er sich, seinen Körper und seinen Geist, der Suche nach Weisheit, Gerechtigkeit und Schönheit widmet? Er muss ebenfalls seine Bedürfnisse befriedigen und das ist vielleicht sein einziges Ziel im Leben.

Trotzdem bringt der Philosoph dieser Art Mensch große Wertschätzung entgegen. Das heißt, er betrachtete den guten Menschen als den selbstsüchtigsten von allen, wobei er diese Selbstsucht jedoch nicht als schädlich, sondern als nobel einschätzte. Sie sei nicht vulgär, weil sie vom Verstand geleitet würde. Es würde sich dabei niemals, wie bei der zuvor erwähnten Gruppe, um eine rein auf materielle Güte bezogene Leidenschaft handeln.

Aristoteles zufolge konzentrierten diese selbstsüchtigen, aber noblen Menschen ihre Anstrengungen darauf, sich in der Tugend zu üben, weil dort die Freude zu finden sei. Und diese Einstellung bereichere schließlich die ganz Gemeinschaft. So wäre ihre Selbstliebe sowohl von persönlichem Nutzen, aber diente auch anderen.

Für den griechischen Philosophen war die Tugend das höchste aller Güter: Während der tugendhafte Mensch tue, was er zu tun habe und auf intelligente Weise mit seinem Verstand arbeite, tue der schlechte Mensch dies in großem Missklang zwischen seiner Pflicht und dem, wie er tatsächlich handelte.

„Der tugendhafte Mensch wird viele Dinge im Namen seiner Freunde und seiner Heimat tun.“

Aristoteles

Zusammenfassung

Wir können also schlussfolgern, dass Aristoteles den guten und noblen Menschen als selbstsüchtig betrachtet. Aber aus seiner Tugend und seinem rechtmäßigen Verhalten entstehen Gaben, von denen seine Freunde, seine Heimat und seine eigene Gemeinschaft profitieren. Er ist eine engagierte Person, die materiellen Reichtum verachtet, aber die Vorteile von Würde und Ehre genießt.

Für jemanden wie Aristoteles zieht ein aufrichtiger Mensch eine Sekunde der Freude einem Leben der Erniedrigung vor. Er ist großzügig und opfert sich auf, wenn es von ihm verlangt wird. Er ist dazu in der Lage, für die, die ihn brauchen, alles aufzugeben. Er wird kein Problem damit haben, den Glanz einer Handlung an eine andere Person abzutreten. Das bedeutet, er ist jemand, der weiß, wie man sich selbstsüchtig verhält und gleichzeitig mit einem hohen Grad an Selbstliebe.

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