Verwechsle Gefühle nicht mit der Realität

22, Oktober 2016 en Psychologie 2 Geteilt

Wenn wir über die Realität sprechen, dann sprechen wir über das, was wir objektiv mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Sie ist nicht unsere subjektive Interpretation. Dieser Unterschied kann bestimmen, wie wir uns fühlen, und es ist sehr wichtig, ihn zu berücksichtigen.

Denn das, was in einer bestimmten Situation passiert, ist nicht das Gleiche, was wir darüber denken oder fühlen. Wir müssen das im Kopf behalten, wenn wir ein gewisses Wohlbefinden erfahren wollen in den verschiedenen Realitäten, auf die wir womöglich treffen.

Die Beziehung zwischen Gedanken und Gefühlen

Gedanken und Gefühle sind auf maßgebliche Art und Weise miteinander verbunden. Die Art, wie wir fühlen, hängt davon ab, was und wie wir denken. Die Art, auf die wir äußere Tatsachen interpretieren und verarbeiten ist größtenteils für die physiologischen Veränderungen und körperlichen Reaktionen, die in uns stattfinden, verantwortlich. Wir nennen diese Reaktionen Gefühle und wir können sie als angenehm, unangenehm oder neutral bewerten.

Oft wissen wir nicht, wie wir korrekt zwischen einem Gefühl und einem Gedanken unterscheiden können. Auch wenn sie sehr eng miteinander verbunden sind, sind es doch verschiedene Instanzen. Es lohnt sich, zu wissen, wie man sie unterscheidet, wenn wir mehr und bessere Kontrolle über unsere eigene Stimmung ausüben wollen. Der Unterschied geht über ihre Definitionen hinaus, denn es betrifft die Art und Weise, wie wir sie erkennen und mit ihnen umgehen.

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In der menschlichen Psychologie gibt es viele kognitive Vorurteile oder Denkfehler, die sehr verbreitet sind. Aber die beziehen wir nicht immer mit ein, wenn es darum geht, mit schlechten Situationen umzugehen. Ein Denkfehler könnte auch als eine einseitige Interpretation dessen definiert werden, was wirklich passiert. Das heißt, ich lebe in meiner konstruierten Realität, die mehr oder weniger weit davon entfernt ist, was wirklich passiert. Und dieses Konstrukt erlebe ich mit meinen Gedanken und nicht mit meinen fünf Sinnen.

Diese Fehler führen normalerweise zu dysfunktionalen Emotionen. Der, der die Welt auf realistischere Art und Weise betrachtet und einen eher rationalen Dialog mit sich selbst führt, wird viel gesündere und besser funktionierende Emotionen haben als der, der sich selbst unrealistische, märchenhafte oder unlogische Dinge erzählt.

Der Schnee ist nicht rot

Bei Therapien passiert es oft, dass Leute sagen: „Ich kenne das und verstehe, was du mir sagst, aber es ist, wie es ist, und so fühle ich mich, und deshalb glaube, das ist real.“  Das ist ein sehr typischer Denkfehler: Gefühle mit der Realität zu verwechseln. Diese Debatte kann mit wirren Denkprozessen und dysfunktionalem Verhalten enden.

Die Wahrheit ist, dass die Realität ist, was sie ist, nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir uns allerdings anstrengen, dann können wir eine subjektive Realität kreieren. Und zwar so, wie sie praktisch für uns ist – auf Gedeih und Verderben – auch wenn das dazu führen kann, dass wir einen großen Preis bezahlen müssen. Wenn mir Menschen Sachen wie „Wenn ich es so empfinde, dann ist es auch so“  gesagt haben, dann habe ich ihnen das Beispiel vom roten Schnee gegeben. Jedes andere Beispiel, bei dem es um Farben geht, ist aber genauso anwendbar – nur wenige Menschen können über Farben streiten!

Ich sage ihnen dann, dass das Argument, was sie benutzen, genauso ist, als würde ich ihnen eines Tages sagen: „Mir ist aufgefallen, dass der Schnee rot und nicht weiß ist, denn ich fühle, dass es so ist, und wenn ich das so empfinde, dann ist das für mich auch so.“  Offensichtlich wird mir jeder sagen, dass ich verrückt bin. Dass die Wahrheit ist, dass Schnee weiß ist, ganz egal wie sehr ich fühle, dass er rot ist.

Das gilt aber auch für den Umgang mit den Fakten, die unser Leben ausmachen. Manchmal haben wir eine einfältige Sichtweise und andere haben eine viel zu harte Perspektive, aber es ist schwer für uns, die Realität so wahrzunehmen, wie sie ist.

Wir können das ganz deutlich bei Anorexia nervosa sehen. Die Patienten fühlen sich so, als wären sie viel dicker und schwerer als sie sind. Wenn wir ihre Größe und den Körperbau betrachten und sie mit der normalen Bevölkerung vergleichen, sehen wir, dass sie sich irren. Und trotzdem bleiben sie bei ihrer Meinung und fühlen und handeln demzufolge.

Genieße die Realität

Am Leben zu sein heißt, durch gute und nicht so gute Zeiten zu gehen. Es ist hilfreich für uns, wahrzunehmen, was in unseren Leben passiert und „uns dazu zu zwingen“ über die Dinge hinauszuschauen, unsere Brillengläser öfter zu reinigen. Ansonsten werden wir uns daran gewöhnen, die Dinge voreingenommen zu betrachten und wir werden damit aufhören, den Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was wir denken, was ist, zu sehen und wertzuschätzen.

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Dafür musst du die Denkfehler, die in deinem Kopf von Zeit zu Zeit passieren, erkennen. Heute haben wir über das Verwechseln von Emotionen mit der Realität gesprochen, aber es gibt noch viel mehr: eine Situation zu personifizieren; zu denken, dass wir Wahrsager sind; konkrete Fakten zu generalisieren, usw.

Wenn du sie erst einmal erkannt hast, dann wirst du eine bewusste Anstrengung unternehmen, dass du die Realität nicht länger voreingenommen betrachtest, was dazu führt, dass du das verzerrte Bild von ihr richtest. Diese Voreingenommenheit ist wie ein Filter, den du auf die meisten Informationen anwendest, die von außen kommen. Ein Filter, der auf unterschwellige und stille Art und Weise wirkt und den du aus reiner Gewohnheit anwendest.

Ein Beispiel könnte sein: „Es ist wahr, dass ich mich wegen meiner angesammelten Erfahrungen und Gedanken im Moment so fühle, als würde ich in eine tiefe Depression verfallen, wenn er mich jetzt zurückweist und verlässt. Trotzdem verstehe ich, dass die Tatsache, dass ich dieses Gefühl habe, nicht unbedingt heißt, dass das auch so passieren wird. Tatsächlich wird das, was ich tue, viel entscheidender für das sein, was mir später passieren wird.“

Wenn wir weiter üben, werden wir bald merken, dass wir realistischer werden und dass wir uns der Welt so anpassen, wie Wasser an einen Behälter. Das Ergebnis ist ein ruhigeres Leben, erfüllter und glücklicher, in dem die Realitäten, die du siehst, sehr viel wahrer als zuvor sind. Und es wird kein Leben sein, das von pathologischen Emotionen geprägt ist, und damit endet, dass wir blockiert sind und uns zurückhalten.