Vertrauen heißt nicht, alles wissen zu müssen

· 23. September 2017

Jemandem zu vertrauen ist, als verschenkte man den Schlüssel zum empfindlichstem Schatz: dem Herz. Vertrauen ist ein wertvolles Gut, das man mit Vorsicht anbietet, denn es ist der wunderschönste Aspekt einer Freundschaft und das stärkste Band in einer Beziehung. Du musst nicht alles über die andere Person wissen, um ihr zu vertrauen denn die Verbindung, die du mit ihr hast, ist etwas ganz Besonderes. Vertrauen ist nötig, damit sich Intimität entwickeln kann.

Vertrauen ist eine emotionale Kraft, die unser Verhalten formt – so sehr, dass laut Philosophen und Soziologen das sie beim Menschen sehr viel authentischer und aufschlussreicher sei, als bei anderen Tieren. Tiere trauen anderen Mitgliedern ihrer Spezies in simplem, instinktiven Verhalten. Menschen tun es aber meist bewusst und verwenden dazu einen selektiven Filter, der auf Erfahrungen basiert.

„Jedem zu vertrauen ist sinnlos, aber niemandem zu trauen ist eine neurotische Ungeschicklichkeit.“

Juvenal

Vertrauen ist eine positive Emotion, die die Stärke einer Verbindung garantiert. Nur wenige Dinge definieren Persönlichkeitstypen besser, als das Verhältnis, das sie anderen gegenüber haben. Ein niedriges Selbstbewusstsein, eine traumatische Kindheit oder Betrug können dich sehr viel zurückhaltender machen, wenn es darum geht, dieses Geschenk zu vergeben.

Vertrauensprobleme sind emotional anstrengend

Einer der psychologischen und evolutionären Vorteile von Vertrauen ist, dass es uns zeitweise erlaubt, uns von unseren Instinkten der Selbstverteidigung, Unsicherheit und Angst zu lösen. Nur wenige Dinge lösen mehr emotionales Unbehagen aus als immer in der Defensive zu sein, Angst davor zu haben, verletzt oder hintergangen zu werden.

Jemandem zu trauen heißt, seine Unsicherheit loszuwerden, um die Beziehung zu vereinfachen: Du hörst damit auf, das Verhalten anderer als eine Bedrohung anzusehen, und beginnst damit, anzunehmen, dass deine Interaktionen mit ihnen in der Zukunft positiv sein werden. Dass sie nichts tun werden, um dir wehzutun und dass sie dir eine helfende Hand reichen werden, wenn es nötig ist.

Vertrauen heißt nicht, dass du alles über den Partner, das Familienmitglied oder deinen Freund wissen musst. Es heißt, dass du keine Erklärungen brauchst. Es heißt, dass du Ehrlichkeit in seinen Augen siehst, dass eure Seelen in Harmonie zueinander stehen. Zwischen euch gibt es keine Forderungen, kein Bedarf nach Kontrolle oder ständiger Bestätigung.

Denke daran, dass das Gehirn Dinge vereinfachen muss und es vorzieht, in täglichen Routinen ohne Risiko zu navigieren. Es braucht ein adäquates emotionales Gleichgewicht und in dieser Hinsicht ist Vertrauen das sicherste Fundament. Wenn du darüber nachdenkst, dann operieren wir alle die meiste Zeit des Tages im Autopilot und vertrauen darauf, dass nichts Schlechtes passiert. Wenn wir diesen Autopilot nicht einschalten würden, dann würden wir neurotische Verhaltensweisen entwickeln, die uns von der Realität trennen und unser inneres Gleichgewicht ruinieren würden.

Wenn du willst, dass dir Menschen vertrauen, dann musst du ihnen trauen

Wenn dich jemand enttäuscht, dann ist es schwer, ihm wieder zu vertrauen, das stimmt. Es ist so, als hätte er ein Stück aus dir herausgerissen, wie Shylock in Der Kaufmann von Venedig,  der ein Stück Fleisch als Bezahlung verlangte. Betrug hinterlässt eine tiefe, permanente Narbe, die dich oft davon abhält, wieder jemandem nahezukommen.

„Die beste Art, herauszufinden, ob du jemandem vertrauen kannst, ist, ihm zu trauen.“

Ernest Hemingway

Enttäuschungen, die Menschen betreffen, die dir sehr nahestehen, tun am meisten weh. Aber das Schlimmste ist, dass sich dieses Gefühl von Misstrauen auch auf andere Bereiche deines Lebens ausweitet. Du hörst damit auf, anderen zu vertrauen, bis du zu einem Phobiker wirst. Zu einem Geist, der von der Traurigkeit in die isolierteste Ecke der Gesellschaft gedrückt wurde.

Wieder zu vertrauen ist der Schlüssel zu existenzieller Intelligenz

Wenn Menschen betrogen werden, dann denken sie Dinge wie: „Ich werde niemals wieder jemandem trauen können. Menschen fügen Schmerzen zu, sind sorglos und egoistisch.“  Solche Gedanken können ein irreversibles Chaos in deinem Geist anrichten, ob dir das bewusst ist oder nicht.

Menschen sind genetisch dazu veranlagt, sich mit anderen zu verbinden. Wir vertrauen, um Verbindungen zu schaffen. Um uns psychologisch, intellektuell und emotional zu stärken. Um existenzielle Intelligenz zu entwickeln.

Existenzielle Intelligenz ist der unbewusste Drang zum Überleben und zur Selbstverwirklichung. Vertrauen in uns selbst und in andere ist dabei die mächtigste Quelle von Mut. Denn am Ende müssen wir uns anderen gegenüber öffnen und akzeptieren, wer sie sind – nur dann können wir uns auch selbst wiederfinden. Nur wenige Dinge im Leben sind befriedigender als das.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Pierre Mornet