Versuche nicht, mich zu verändern

· 23. Januar 2018

Liebe mich, wie ich bin. Frei, manchmal unordentlich, frech, zeitweise chaotisch, unvollkommen und immer brillant. Bitte mich nicht darum, brav, gehorsam oder ruhig zu sein. Versuche nicht, mich zu verändern. Lass uns nicht von einer Märchenliebe träumen. Aber lass uns auch nicht die kleinen Details vergessen, die uns beide, dich und mich, einzigartig machen. Wenn du mich verändern möchtest, ist es besser, mich gehen zu lassen, mich in meine Welt zurückzubringen, zu den Ursprüngen meines Flusses, zu meiner nährenden Abgeschiedenheit, zu meinen Wurzeln.

Benjamin Franklin sagte einst, dass es drei Dinge gäbe, die extrem hart seien: Stahl, Diamanten, und das eigene Ich zu kennen. Es ist klar, dass solch eine Aufgabe nicht einfach ist. In den Ozean unserer Unsicherheiten, Ängste, Sorgen, Tugenden und Unvollkommenheit zu tauchen, erfordert nicht nur Geduld, sondern auch Mut.

„Man muss sich selbst kennen: Dient das nicht dazu, die Wahrheit zu finden, so dient es mindestens dazu, unser Leben zu leiten, und Richtigeres gibt es nicht.“

Blaise Pascal

Gleichwohl gibt es etwas, das wir im Sinn haben sollten. Es ist noch nicht lange her, dass Dr. Yi Nan Wang, eine angesehene Expertin auf dem Gebiet der Persönlichkeitspsychologie, in einem ihrer Artikel erklärte, dass viele Paare einen Teil von sich „gemindert“ hätten, um mehr Harmonie mit ihrem Partner zu erreichen. Das rühre aus dem Wunsch nach Verständnis und führe zu Gehorsam und einer Neuordnung der Priotitäten, während wir unsere eigenen Bedürfnisse im Hinterkopf verstauen.

Deshalb schlägt Dr. Wang vor, dass wir zur Entwicklung einer von ihr ernannten „ausgewogenen Authentizität“ übergehen. Dies ist ein Konzept, das auf dem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson basiert, in dem für wechselseitig befriedigende Beziehungen die Partner zunächst durch eine Phase gehen müssen, in der sie ihre Identität definieren.

Augen mit Blumen

Wir müssen gesunde Authentizität praktizieren

Es könnte sein, dass du in der Vergangenheit brav, leicht zu manipulieren, selbstgefällig warst… Die meisten von uns waren an solch einem Punkt, weil wir so erzogen wurden, weil andere es so wollten. Deshalb konnte man mit uns natürlich leichter umgehen, uns besser lenken. Wir waren gut darin, uns den Zwängen der Gesellschaft anzupassen, wobei es nicht erwünscht war, eine eigene Stimme zu haben.

All das macht uns Angst oder lässt uns zögern, unser authentisches Ich zu zeigen. Aus diesem Grund, und obwohl es für uns klar war, dass diese Gedanken, Stimmen und Gefühle für unser Wohlbefinden grundlegend sind, sagten wir uns: „Nein, es ist besser, wenn sie mich nicht sehen, wenn sie mich nicht hören, wenn ich nicht zu sehr auffalle.“ 

Aber wir müssen von anderen zurückgewiesen werden, wir müssen anderen widersprechen, ihre Gefühle verletzen, den Rahmen sprengen, in den sie uns gedrängt haben. Denn wo bleibt sonst unsere Identität? Sie befindet sich im Streik.

Wir werden zu unserem schlimmsten emotionalen Feind, wenn wir nicht in der Lage sind, eine gesunde Authentizität zu praktizieren. Wir werden zu Opfern unserer eigenen Naivität, wenn wir denken, dass wir den Menschen um uns herum sonst schaden würden.

Lasst uns der Welt zeigen, wie wir sind. Zu zeigen, wie wir denken und fühlen, ist keine aggressive Handlung. Es ist das Gegenteil. Auf diese Weise können wir Grenzen definieren, uns Räume schaffen, in denen eine ehrlichere, gesündere und respektablere Atmosphäre herrscht.

Es war Aristoteles, der einmal gesagt hat, dass gesunde Authentizität aus der Goldenen Mitte kommen müsse, wo Ehrlichkeit weder Schaden verursacht noch auf Ablehnung stößt.

Versuche nicht, mich zu verändern; liebe mich in allen Farben, den hellen und den dunklen

Dr. Yi Nan Wang, der an der Pädagogischen Universität in Peking tätig ist, kreierte kürzlich eine faszinierende Skala, die er „AIRS“ (engl.: Authenticity in Relationships Scale, dt.: Skala zur Authentizität in Beziehungen) nannte. Er verfolgt damit das Ziel, den Grad der Authentizität der Beziehung zwischen Partnern zu messen. Aus seinen Forschungsergebnissen folgerte er, dass die Fähigkeit, die Ehrlichkeit zu praktizieren, einer der Schlüssel zu sozialem Wohlbefinden sei. Und dabei legen wir weder unsere Identität auf Eis, noch lassen wir es zu, dass andere dies für uns tun.

Frau öffnet Jacke und gibt von Herzen

Diese neun Aussage machen die AIRS aus. Entscheide jeweils, ob sie auf deine Beziehung zutreffen, wenn du dich selbst testen möchtest:

  1. Ich verberge meine wahren Gedanken, aus Angst, vom anderen abgelehnt zu werden.
  2. Ich mag es, den anderen zu bedienen.
  3. Ich wage es nicht, dem anderen die Wahrheit zu erzählen, um seine Gefühle nicht zu verletzen.
  4. Ich bin mir sehr bewusst, dass ihr mir selbst treu bleiben sollte.
  5. Ich finde immer Wege, um zwischen meinen Bedürfnissen und denen des anderen Kompromisse zu schließen.
  6. Ich würde es nie aufgeben, ich selbst zu sein. Und ich würde es niemals erlauben, dass es jemand für mich tut.
  7. In der Regel sage ich die Wahrheit, ohne mich darüber zu sorgen, wie der andere darauf reagiert.
  8. Ich priorisiere mich selbst, die Gefühle anderer sind nicht wichtig.
  9. Wenn ich wahrheitsgemäß spreche, verletze ich andere Menschen fast immer.

Wie du deine Punktzahl auf der AIRS findest

Ich bin mir sicher, dass du schon einigermaßen eine davon Vorstellung hast, wo du auf der Skala gelandet bist. Sie wird jedoch in drei Abschnitten gemessen:

  • Aussagen 1-3 beschreiben eine verzerrte Authentizität, bei der wir dazu neigen, unsere eigenen Gefühle und unsere Identität anderen zuliebe zurückzustecken.
  • Aussagen 4-6 beschreiben eine ausgeglichene Authentizität oder die Fähigkeit, uns frei und respektvoll auszudrücken, indem wir unsere Bedürfnisse genauso berücksichtigen wie die der anderen.
  • Aussagen 7-9 beschreiben eine selbstsüchtige Authentizität oder die extreme Neigung dazu, selbstsüchtig oder aggressiv zu sein, indem wir uns so sehr priorisieren, dass wir andere verletzen oder beleidigen.

Die ausgeglichene Authentizität ist anzustreben. Die, in der Ehrlichkeit mit Respekt praktiziert wird und das Selbstwertgefühl gemeinsam mit der Beziehung wächst.