Unseren Schatten entdecken

9. November 2015 en Psychologie 3 Geteilt

Je weniger er uns bewusst ist, desto dunkler und dichter ist der Schatten, den wir werfen. Solch ein Schatten stellt ein unbewusstes Hindernis dar, das all unsere guten Absichten scheitern lässt.“

Carl Gustav Jung

Es gibt tausende Metaphern, die unsere dunkelste Seite beschreiben, wie zum Beispiel „unsere Schattenseite“ oder „die Dämonen, die ins uns hausen“, etc. Wir nennen sie lieber den großen Sack, den wir alle mit uns herumtragen. 

Ein unsichtbarer Sack, der uns unser gesamtes Leben über begleitet und in den wir von klein auf all die Facetten unserer Persönlichkeit geworfen haben, die Menschen, die uns etwas bedeuteten, nicht gefielen.

Diesen Schatten unserer selbst entwickeln wir alle, genauso wie unser Ego, auf natürliche Weise in unserer Kindheit. Dabei speisen sich beide aus der gleichen Art von Erfahrungen.

Auf der einen Seite identifizieren wir uns über die idealen Charakterzüge unserer Persönlichkeit, wie unsere Sympathie oder gute Bildung. Auf der anderen Seite verbannen wir diejenigen Eigenschaften, die nicht mit unserem Idealbild übereinstimmen, zum Beispiel den Egoismus oder den Neid, Frustration oder schmerzhafte Erfahrungen, in die Tiefen unseres Sacks.

Jede Kultur und jede Familie definiert in Abstimmung mit ihren Mitgliedern auf eigene Weise, was Egoismus bedeutet oder was eine negative Charaktereigenschaft ist. Manche erlauben das Zeigen von Zorn, Aggressivität, Sexualität oder starken Emotionen, während andere dies nicht gut heißen.

So füllt sich unser Sack ständig und stetig; genauso wie der unserer Familie; unserer Kultur oder Gesellschaft, insbesondere während der ersten zwanzig Jahre unseres Lebens und die restliche Zeit versuchen wir, ihn wieder zu leeren…

Je voller unser Sack, je mehr wir in ihn hineinwerfen, desto weniger Energie bleibt uns, um unseren Alltag zu bewältigen, während sich immer mehr unzugängliche Energie im Sack sammelt.

Irgendwann jedoch, wenn wir es am wenigsten erwarten, oder wenn wir uns entscheiden ihn zu öffnen, kommt alles, in Form eines riesigen, feindseligen Schattens, heraus. Wenn wir einen Teil unserer Persönlichkeit leugnen, wird dieser irgendwann zum Feind und unterwirft uns, so als hätte er einen Aufstand gegen uns organisiert.

Was wir verdrängen, wird uns eines Tages einholen.

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Auch wenn die verdrängten Gefühle und Eigenschaften die dunkle Seite der menschlichen Natur bestärken, sind nicht alle von ihnen negativ. Der Schatten beherbergt nicht nur unterdrückte Gefühle, Kindheitserfahrungen oder neurotische Symptome, sondern auch Talente, die wir nicht entwickeln konnten.

Unser persönlicher Schatten enthält also Qualitäten und Potentiale, die sich nicht ausbilden konnten. Sie bilden einen Teil unseres Unterbewusstseins, der unser Ego bestimmt und Teile unserer Persönlichkeit darstellt, die wir ablehnen, vergessen oder tief in unserem Gedächtnis vergraben und die in unserer Auseinandersetzung mit anderen irgendwann wieder zum Vorschein kommen.

Unseren Schatten können wir allerdings nicht direkt wahrnehmen, da er sich vor dem Licht und dem Bewusstsein versteckt. Er wird nur außerhalb unserer Selbst durch andere und ihre Handlungen und Aktionen sichtbar.

Wir können ihn wahrnehmen, wenn wir uns bewusst machen, dass wir uns in einer Person wiedererkennen, wenn wir ihre Qualitäten auf unproportionale Weise bewundern oder ablehnen. Dabei beabsichtigen wir, uns des eigenen, ähnlichen Charakterzugs zu befreien und ihn in unseren Sack zu verbannen.

Um also die Eigenschaften unserer dunklen Seite zu entdecken müssen wir die Verhaltensweisen und Einstellungen anderer untersuchen, die uns nerven oder auf unverhältnismäßige Weise gefallen, und wie sehr diese uns beeinflussen. Was also projizieren wir von uns selbst auf andere?

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Um unseren Schatten wiederzufinden, müssen wir uns ihm also stellen und seine Bestandteile in ein globaleres und vollständigeres Bild unserer Selbst einfügen und dabei unsere Starrheit und unsere Ängste vergessen. Dieser Prozess findet häufig statt, wenn wir in eine Sackgasse in unserem Leben kommen, vor einer Mauer stehen und Interesse an unserem Leben verloren haben, keinen Sinn mehr in ihm sehen.

Wenn wir unsere dunkelsten Seiten akzeptieren, stärken wir gleichzeitig unsere positiven Seiten.

Die Aussöhnung mit unseren Teufeln und inneren Feinden wird sie nicht für immer verscheuchen, aber unsere Beziehung zu ihnen wird sich verändern. Eine Therapie oder die Kunst kann uns dabei helfen.

Wenn unsere Kraft ihre eigene Schwächen entdeckt und wir uns bewusst werden, dass wir neben Licht auch aus Schatten bestehen, wenn wir aufhören zu glauben, dass die Verantwortung für alles Schlechte außerhalb unserer Selbst liegt und uns anstatt dessen bewusst machen, dass wir selbst fähig sind, Schlechtes zu verursachen, können wir mit unserem Schatten Frieden schließen und in den sicheren Hafen der Widrigkeiten und Schicksalsfügungen segeln.

Denn wenn wir eine gute Beziehung zu unserem Schatten pflegen, stellt unser Unterbewusstsein keine Gefahr mehr dar, wie es bereits Carl Gustav Jung sagte: „Unser Schatten kann uns nur gefährlich werden, wenn wir ihm nicht genug Aufmerksamkeit schenken.“

Literatur:

-Connie Zweig: Die Schattenseite der Seele. Wie man die dunklen Bereiche unserer Psyche ans Licht holt und in die Persönlichkeit integriert.

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