Uhrwerk Orange: Behaviorismus und Freiheit

9. Januar 2019

Was kann man über Uhrwerk Orange  sagen, das noch nicht gesagt wurde? Was lässt sich man über Stanley Kubrick berichten? Wir könnten Stunden über Stunden damit verbringen, über den Film, sein Ende und seine philosophischen Inhalte zu sprechen. Ich kann unmöglich die Bedeutung des Films in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Es ist auch unmöglich für mich, alle Probleme zu erläutern, die im Film aufgegriffen werden. Trotzdem werde ich versuchen, den Motiven des Films näherzukommen.

Stanley Kubrick brachte Uhrwerk Orange  1971 auf die große Leinwand. In vielen Ländern wurde er jedoch erst später gezeigt, da der Film ein Opfer der Zensur geworden war. Dessen ungeachtet wurde Uhrwerk Orange  zu einem Klassiker und gilt heute als ein Kultfilm.

Uhrwerk Orange  basiert auf Anthony Burgess‘ gleichnamigem Roman. Dieser Roman gilt als einer der wichtigsten dystopischen Romane aus dem Vereinigten Königreich. In Anbetracht dessen, wie schwierig es ist, eine Analyse von Buch und Film zu leisten, werde ich mich nur auf die filmische Version konzentrieren. Diese weicht jedoch leicht von dem Roman ab.

Uhrwerk Orange  ist Kunst

Zweifellos ist Uhrwerk Orange  ein filmisches Kunstwerk. Kubrick drehte einen Film, verlieh ihm eine persönliche Note. Die Farben, Kulissen, Sprache, Musik … alles in Uhrwerk Orange  ist auf den Millimeter genau ausgelegt und vermessen. Als Zuschauer werden wir von Anfang an gefesselt und fasziniert.

Die im Film eingesetzte Sprache ist besonders bemerkenswert. Der verwendete Slang kombiniert Wörter aus anderen Sprachen, insbesondere aus dem Russischen, mit der Muttersprache der Protagonisten. Dieser Slang wurde von Anthony Burgess, dem Autor des Romans, erfunden und ist als Nadsat bekannt. Die Musik spielt ebenfalls eine wesentliche Rolle; denken wir nur an den Einsatz von Synthesizern und klassischer Musik – vor allem der von Beethoven.

Alex von Uhrwerk Orange  entdecken

Alex ist die Hauptfigur des Films. Er ist ein junger Mann, der Beethoven und Gewalt liebt und von Moral nichts wissen will. Uhrwerk Orange  entführt uns in eine dystopische Zukunft, in der Alex und seine Droogs (Kumpels) ultragewalttätig sind. Es scheint, dass diese jungen Menschen der Zukunft die Grenzen der Gewalt nicht kennen würden. Stattdessen genießen sie gewalttätige Exzesse, die ihre einzige Form der Unterhaltung darstellen. Vergewaltigungen, Raubüberfälle, Kämpfe … alles ist ein Spaß für Alex und seine Droogs. In dieser dystopischen Zukunft verbringen jene Figuren ihre Zeit damit, Verbrechen aus reinem Spaß an der Freude zu begehen.

Alex ist ein junger Mensch, der durch seine Instinkte zu seinen Taten motiviert wird. Er kann nicht über die Konsequenzen seiner Handlungen nachdenken, nicht zwischen Gut oder Böse unterscheiden. Scheinbar gibt es keinen Grund und keine Motive, warum Alex  zur Gewalt tendiert. Abgesehen davon ist Alex sehr einflussreich, und daher ist er auch der Anführer seiner Droogs. Die Welt, in der er lebt, und die Beziehung zu seinen Eltern haben möglicherweise etwas mit Alexs Verhalten zu tun. Man kann daher vermuten, dass auch die Gesellschaft seine Einstellung begünstigt.

Alex behandelt niemanden gut, auch nicht seine Kumpels, die ihn während eines seiner Verbrechen verraten: Alex begeht einen Mord und kommt deshalb ins Gefängnis. Dort verliert er seinen Namen und erwirbt eine neue Identität als Häftling; er wird zu dem Gefangenen #655321. Im Gefängnis entwickelt Alex eine Faszination für die Bibel. Seine Interpretation des heiligen Buchs unterscheidet sich jedoch stark von der herkömmlichen, denn Alex identifiziert sich mit den gewalttätigsten Szenen. Er sieht sich als Römer, der an der Geißelung Christi teilnimmt.

Eine Filmszene aus "Uhrwerk Orange", in der Alex im Gefängnis zum Appell antreten muss.

Die Natur des Bösen

Da Alex ein reges Interesse an der Bibel hat, entwickelt der Gefängniskaplan eine Vorliebe für den jungen Straftäter. Der Kaplan sieht in ihm einen Menschen, dem er helfen kann. Alex verachtet ihn, obwohl er das den Geistlichen niemals wissen lässt, gesteht ihm aber schließlich, dass er von einer experimentellen Behandlung namens Ludovico gehört hat. Diese soll Studienteilnehmern helfen, das Gefängnis schneller zu verlassen. Alex informiert den Kaplan, dass er gern an dieser Studie teilnehmen würde.

Der Film fordert seine Zuschauer auf, über die Natur des Bösen nachzudenken. Ist Alex von Natur aus böse? Sind die Umstände schuld, dass Alex unmoralisch handelt? Oder hat die Gesellschaft etwas damit zu tun? Es gibt viele Fragen, die sich uns stellen, wenn wir Alex näher kennenlernen. Aber wenn der Zuschauer herausfindet, wie die Behandlung mit Ludovico aussieht, werden noch mehr Fragen vor seinem inneren Auge auftauchen.

Der Staat hat in seinem Kampf gegen die Gewalt eine experimentelle Behandlung entwickelt, die „schlechte“ Menschen zu „guten“ Menschen macht. Durch dieses Experiment lassen sich nicht nur Gewalttaten verhindern, sondern auch produktivere und nützlichere Menschen erziehen. Das soll auf längere Sicht vor allem die Gefängniskosten senken. Das heißt, Ludovico ist nicht mehr als eine Regierungsstrategie. Es ist eine Möglichkeit, den kostenverursachenden Teil der Bevölkerung in nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu verwandeln. Sind also die Leute, die versuchen, Alex gut zu machen, die Bösen?

Freiheit in Uhrwerk Orange

Die Regierung vertritt die Position, dass das Gefängnis kein Ort für Rehabilitation sei. Stattdessen mache es Straftäter nur noch gewalttätiger. Aber die Behandlung mit Ludovico verspricht, die einstigen Täter zu verändern. Ihr antisoziales Verhalten soll in angemessenes und sozial akzeptiertes Verhalten umgewandelt werden. Die Ludovico-Therapie basiert auf klassischer Konditionierung ganz im Sinne von Pavlovs Reiz-Reaktions-Modell. Alex unterwirft sich dieser Behandlung und sein Charakter verwandelt sich grundlegend.

All dies führt uns zu der Frage, ob Alex seine Freiheit oder seinen freien Willen verloren hat. Alex wollte niemals ein guter Mensch sein. Die Behandlung jedoch konditioniert ihn so sehr, dass er sich nicht mehr wehren kann. Er ist unfähig geworden, das zu tun, was er eigentlich tun möchte. Es ist ihm nicht mehr möglich, eine Frau anzufassen, eine Beleidigung abzuwehren oder demütigende Situationen zu vermeiden. All dies geschieht jedoch nicht, weil Alex es so will, sondern aufgrund der Ludovico-Therapie.

Nahaufnahme, die Alex aus "Uhrwerk Orange" zeigt, wie er auf den Boden schaut

Uhrwerk Orange  ist eine Studie über Gewalt. Es gibt Gewalt, die mit dem sexuellen Verhalten des Protagonisten zu tun hat und der Gewalt um der Gewalt willen. Aber wer ist am gewalttätigsten? Ist das Handeln des Staates keine Gewalt? Erinnern wir uns daran, dass wir im Film sehen, wie die Insassen ihrer Freiheit und Identität beraubt werden. Sie erleben Gewalt am eigenen Leibe.

Die Behandlung mit Ludovico macht aus dem Saulus Alex einen Paulus. Er wird eine Marionette des Staates. Alex wird für die Interessen und für die Weiterentwicklung des Staates gebraucht. Oder missbraucht? Der Staat erlaubt eine Art Gewalt, die als sozial akzeptables Verhalten getarnt ist.

Der Staat und Gewalt

Alex kann das Gefängnis schließlich verlassen, den Ort, an dem er sich selbst verloren hat. Doch ist er jetzt noch weniger frei. In Uhrwerk Orange  ist vieles widersprüchlich. Alex verliert nicht nur seine Freiheit, als er das Gefängnis verlässt, sondern muss sich auch seiner Vergangenheit stellen. Sein neues Leben wird voller Leid sein. Dagegen haben sich seine alten Kumpels nicht verändert und erfreuen sich weiterhin an ihren gewalttätigen Exzessen. Schlimmer noch: Jetzt sind diese gerechtfertigt und erlaubt, denn sie sind Polizisten geworden.

Der Staat hat so viel Macht, dass er Gewalt auf Individuen ausübt, sie zu Puppen macht und sie gezielt in der Öffentlichkeit einsetzt. Scheinbar ist Alex kein böser Mensch mehr, sondern nun ist er das Opfer. Ist Alex immer noch er selbst, jetzt, wo er keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann? Alex hat in der Vergangenheit unmoralisch gehandelt, das steht außer Frage, aber existiert Moral im Kontext der Ludovico-Behandlung?

Der Film öffnet die Tür zu einer Vielzahl von Interpretationen. So viele, dass es mir nicht möglich ist, sie alle in diesem Artikel zu berücksichtigen. Bestimmt kommen dir noch weitere Fragen in den Sinn, wenn du diesen Film schaust.

Alex und seine Droogs sind in einem Tunnel und auf Ärger aus.

Uhrwerk Orange  ist ohne Zweifel einer der großartigsten Filme, die je gedreht wurden. Er ist optisch faszinierend, aggressiv, stimmt nachdenklich und hypnotisiert. Seine Wirkung ist beeindruckend, so beeindruckend, dass er mich fast so sehr beeinflusst hat wie die Ludovico-Methode, die Alex konditioniert hat. Denn wenn ich nun ein Stück von Beethoven höre, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als an die bekannte Szene von Uhrwerk Orange  zu denken.

„Gott bevorzugt den, der sich für das Böse entscheidet, vor dem, dem das Gute auferlegt wird“

Uhrwerk Orange