Tizian: die Biografie des großen venzianischen Malers

12. August 2019
Tizian war ein in ganz Europa gefeierter Maler der Hochrenaissance. Die Kunstfertigkeit und der Detailreichtum seiner Gemälde verschafften ihm großen Ruhm und Reichtum. Interessanterweise malte er auch viele religiöse und erotische Motive.

Nach Ansicht von Kunstkritikern und Historikern wie Arnold Hauser und Ernst Gombrich hatte Tizian einen sehr bedeutsamen Einfluss auf die Kunstwelt. Bereits in jungen Jahren war er als großer Maler anerkannt.

In seinen Portraits vermochte es Tizian, die Tiefe des menschlichen Geistes einzufangen. Auch in seinen religiösen Gemälden deckte er die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen ab, vom Charme junger Madonnen bis hin zur tiefen Tragik der Kreuzigung und Beerdigung.

In seinen mythologischen Gemälden fing er die Freude und die Verlassenheit der heidnischen Welt ein. Außerdem setzten seine Akte einen neuen Maßstab für körperliche Schönheit und Erotik, der bis heute nicht übertroffen wurde. Besonders gilt das für die Venus (Venus und Adonis) und Danaë (Danaë mit Kindermädchen).

Darüber hinaus bewundern viele Kunstkritiker seinen meisterhaften Einsatz von Farben. Es ist unbestritten, dass sein Schaffen und seine Kunstfertigkeit viele nachfolgende Künstlergenerationen maßgeblich beeinflusst hat. Die Arbeit großer Meister wie Rubens und Nicolas Poussin ist der beste Beweis für den Wahrheitsgehalt des Sprichwortes „Nachahmung ist die aufrichtigste Form der Anerkennung“.

Tizian - Apostel

Die Kindheit von Tizian

Tiziano Vecellio, besser bekannt als Tizian, wurde vermutlich zwischen 1488 und 1490 in Pieve di Cadore, einem italienischen Dorf in der Nähe von Belluno, geboren. Allerdings ist sein genaues Geburtsdatum nicht bekannt.

Seine ersten Lebensjahre verbrachte er bei seinen Eltern Gregorio und Lucia Vecellio in seinem Geburtsort. Er war das älteste von 5 Kindern.

Sein Vater war ein angesehener Stadtrat und Soldat. Außerdem war er der Superintendent des Schlosses Pieve di Cadore und Leiter der örtlichen Bergwerke.

In Tizians Familie gab es viele Notare und auch sein Großvater übte diesen Beruf aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass seine Familie in der Region gut situiert war.

Als Tizian 10 Jahre alt war, sendeten ihn seine Eltern zusammen mit seinem Bruder Francesco nach Venedig. Die beiden sollten bei ihrem Onkel leben. Kurz nachdem die Brüder in Venedig angekommen waren, gingen sie beide als Lehrlinge zum berühmten Mosaik-Künstler Sebastiano Zuccato. Dort entdeckte Tizian dann auch seine künstlerische Begabung.

Einige Jahre später ging Tizian in Giovanni Bellinis Atelier. Bellini war ein anerkannter venezianischer Maler. Seinem Atelier entstammt die erste Maler-Generation der venezianischen Schule: Giovanni Palma di Serinalta, Lorenzo Lotto, Sebastiano Luciani und Giorgio da Castelfranco.

Seine ersten Meisterwerke

Es wird angenommen, dass das Hercules Fresko im Morosini Palast eines der ersten Gemälde von Tizian ist. Weitere Frühwerke sind Die Jungfrau mit dem Kind, welches sich in Wien befindet und Heimsuchung Mariä und Elisabeth, das heute in der Gallerie dell’Accademia in Venedig zu sehen ist.

Im Jahr 1508 legte er mit der Schaffung der Fresken im Fondaco dei Tedeschi in Venedig, welche in Zusammenarbeit mit Giorgione di Castelfranco, einem weiteren Schüler Bellinis, entstanden, den Grundstein für seine große Karriere.

Bei diesem Auftrag war die Hauptszene, die Tizian zugewiesen wurde, die Allegorie der Gerechtigkeit. Leider sind von diesen Fresken nur die zerstörten Umrisse erhalten. Da Tizian und di Castelfranco sehr eng zusammenarbeiteten, ist es oftmals schwierig, ihre Arbeiten, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden, zu unterscheiden.

Außerdem waren diese zwei jungen Maler die führenden Künstler der neuen Schule der „modernen Kunst“. Diese Art der Kunst war geprägt von einem flexibleren Malstil, da es keine Regeln bezüglich der Symmetrie oder sonstige Formalien gab. Im Gegensatz dazu malte Bellini nach wie vor im klassischen Stil.

Nach dem frühen Tod von Giorgione im Jahr 1510 malte Tizian noch eine Weile im traditionellen Stil weiter. Allerdings begann er nach und nach seinen eigenen Stil zu entwickeln. Dieser war besonders geprägt durch kühne und ausdrucksstarke Pinselstriche.

1511 erhielt Tizian seinen ersten Auftrag, den er alleine als Künstler ausführte: die Fresken der Wunder des Hl. Antonius von Padua. Viele Kunstkritiker bewerten Das Wunder des sprechenden Neugeborenen als das beste dieser Fresken.

Die illustre Karriere von Tizian

Nach dem Tod von Giovanni Bellini im Jahr 1516 verblieb Tizian ohne echte Konkurrenz in der venezianischen Schule. Dadurch war er für sechzig Jahre der unangefochtene Meister der venezianischen Malerei. Darüber hinaus erhielt Tizian vom Senat eine Rente, da er der Nachfolger von Bellini war.

“Ich habe es bewusst vermieden, den Stil von Raphael und Michelangelo zu kopieren, da ich ehrgeizig genug war, eine höhere Auszeichnung zu erreichen als die eines cleveren Imitators.“

-Tizian-

In den Jahren 1516 bis 1530 veränderte und perfektionierte Tizian seinen eigenen Stil. Außerdem legte er seinen „Giorgionesken“ Stil ab und bearbeitete zunehmend breitere und komplexere Themen. Während dieser Periode begann er auch damit, einen monumentaleren Stil zu entwickeln.

1518 malte er für den Hauptaltar der Santa Maria Gloriosa dei Frari-Kirche in Venedig sein Meisterwerk: Mariä Himmelfahrt. Dieses außergewöhnliche Werk, welches in Italien wegen seiner Farbgestaltung und seiner Größe einzigartig ist, begeistert die Kunstwelt bis heute.

Tizian wurde zunehmend berühmter und erreichte im Jahr 1521 den Höhepunkt seiner Karriere und Popularität. Obwohl er bereits zuvor ein angesehener Maler war, war die Nachfrage nach seinen Werken während dieser Zeit besonders hoch.

Der Tod des heiligen Märtyrers Peter

Eines seiner außergewöhnlichsten Bilder, Der Tod des heiligen Märtyrers Peter, malte Tizian im Jahr 1530. Bedauerlicherweise wurde es 1867 zerstört, weshalb heute nur noch Kopien des Originals erhalten sind. In diesem Werk kombinierte er extreme Gewalt mit einer Landschaft, die hauptsächlich aus einem großen Baum bestand, der die Szene durchdrang. Dadurch wurde dieses Drama in einer barocken Art akzentuiert.

Gleichzeitig arbeitete der Künstler an einer Reihe kleiner Madonnen, die er in eine wunderschöne pastorale Landschaft malte. Während dieser Schaffensphase malte Tizian auch mythologische Szenen. Eines seiner berühmtesten mythologischen Werke, Bacchanal der Andrier, hängt heute im Prado in Madrid. Vermutlich ist es eines der herausragendsten Kunstwerke der heidnischen Kultur der Renaissance.

Tizian - Liebe

Tizians außergewöhnlicher Reichtum

Als Tizian im Jahr 1530 Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Reiches in Bologna traf, war das ein sehr bedeutender Moment in seinem Leben. Das lebensgroße Portrait des Herrschers malte er in einem für die damalige Zeit extrem innovativen Stil.

Schnell avancierte Tizian zum Hauptmaler am kaiserlichen Hof. Diese Stellung verschaffte ihm zahlreiche Privilegien, Ehrungen und Titel. Ab diesem Zeitpunkt war er der populärste Hofmaler in ganz Europa.

Darüber hinaus verstand es Tizian sehr gut, die Gunst und Wertschätzung der Reichen und Mächtigen zu gewinnen. Natürlich war er außerordentlich talentiert und seine Gemälde zeichneten sich durch ihre konzeptionelle Subtilität und ihre Schönheit aus. Allerdings war er auch aufgrund seiner charmanten Wesensart bei allen sehr beliebt.

Portraits der Reichen und Berühmten

Die große Anzahl an Portraits, die die Mächtigen in ihrem Besitz hatten, ist ein weiterer Beweis für seinen Ruhm und seine große Popularität. Kein anderer Künstler seiner Zeit malte mehr Portraits als er. Allerdings wird angenommen, dass es oftmals seine Schüler waren, die diese Portraits anfertigten und nicht der große Meister selbst.

“Es sind nicht die leuchtenden Farben, sondern gute Zeichnungen, die eine Figur und ein Portrait schön machen.

-Tizian-

D’Avalos, Marquis von Vasto, zahlte Tizian eine großzügige Pension. Auch Karl V. zahlte ihm jedes Jahr eine beträchtliche Summe. Eine weitere Einkommensquelle war ein Vertrag aus dem Jahr 1542 mit seinem Geburtsort Cadore. Diesen besuchte er fast jedes Jahr und die Menschen dort schätzten seine Großzügigkeit und seinen Einfluss.

Seine Lieblingsvilla stand in den benachbarten Hügeln von Manza. Dort studierte er Form und Wirkung der Landschaft für seine Gemälde. Tizians Mühle, die in vielen seiner Gemälde zu sehen ist, befand sich in Collontola in der Nähe von Belluno.

Das Privatleben von Tizian

Im Jahr 1525 heiratete Tizian Cecilia, die Tochter eines Friseurs. Kurz nach der Hochzeit kam ihr Sohn Pomponio zur Welt, zwei weitere Kinder folgten später. Tizians Lieblingssohn Orazio wurde später sein Assistent.

Irgendwann im Jahr 1526 lernte Tizian Pietro Aretino kennen und es entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden. Pietro war ein einflussreicher und extravaganter Charakter, der eine wichtige Rolle in der Kultur und Politik der damaligen Zeit spielte. Tizian portraitierte ihn mindestens drei Mal und sandte eines der Portraits nach Gonzaga zum Herzog von Mantua.

Nachdem Cecilia im Jahr 1530 verstarb, heiratete Tizian erneut. Aus dieser Ehe ging eine Tochter namens Lavinia hervor. Allerdings verstarb auch seine zweite Frau. Daraufhin zog seine Schwester Orsa aus Cadore zu ihm und half ihm, den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen.

Tizians Tod

Als Venedig von der Pest heimgesucht wurde, war Tizian bereits 90 Jahre alt. Auch er verstarb am 27. August 1576 an den Folgen der Pest. Er wurde sehr alt und war das einzige Opfer der Pestepidemie in Venedig, das ein kirchliches Begräbnis erhielt. Er wurde in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari beerdigt.

Sein Grab befand sich ganz in der Nähe seines berühmten Gemäldes, Die Pesaro Madonna. Damals konnte man das Grab allerdings nicht erkennen. Erst viel später errichtete Canova auf Veranlassung der österreichischen Herrscher Venedigs ein großes Denkmal, das bis heute dort zu sehen ist.

Die religiösen Gemälde von Tizian waren wahre Paradigmen der Devotionalien-Malerei. Ihre Kraft und ihr Ausdruck berührten die Herzen der Gläubigen wie es nur wenige andere Gemälde jemals vermochten. Gleichzeitig machten ihn seine mythologischen Motive auch zu einem außergewöhnlichen erotischen Maler. Diese Werke berührten und bewegten die Menschen allerdings aus ganz anderen Gründen als seine religösen Gemälde.

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