Theodor Reik und die Trennung zwischen Psychoanalyse und Medizin

17. März 2019

Theodor Reik war nicht nur ein herausragender Psychoanalytiker, Autor wichtiger Schriften und scharfer Reflexionen, sondern setzte auch einen entscheidenden Meilenstein in der Geschichte der Psychoanalyse. Er ermöglichte es, dass die analytische Praxis nicht nur den Ärzten vorbehalten, sondern auch den Laien zugänglich wurde. Dies ist einer der wichtigsten Aspekte der Psychoanalyse.

Die psychoanalytischen Theorie verdankt Reik wichtige Beiträge. Er arbeitete ausführlich am Thema „das Beunruhigende“, das Teil von Sigmund Freuds Überlegungen über „das Unheimliche“ ist. Er arbeitete auch an dem Konzept des Verbrechens aus Schuld, d. h. den Handlungen derjenigen, die das Gesetz übertreten und dabei unbewusst das Ziel verfolgen, bestraft zu werden.

„Arbeit und Liebe, das sind die grundlegenden Konzepte. Ohne sie gibt es Neurosen.“

Theodor Reik

Insgesamt schrieb Theodor Reik mehr als 100 Texte, darunter Essays und Bücher. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Geständniszwang und Strafbedürfnis  (1925), Der unbekannte Mörder (1932) und Aus Leiden Freuden  (1940). Leider hat er zeit seines Lebens nicht den Erfolg erzielt, den er Jahrzehnte nach seinem Tod erlangte.

Theodor Reik – seine frühen Jahre

Wie die meisten Psychoanalytiker der damaligen Zeit entstammte Theodor Reik einer jüdischen Familie. Er war von bescheidener Abstammung und österreichischer Herkunft. Reik wurde am 12. Mai 1888 in Wien geboren. Während seiner Kindheit erlebte er mehrere hochkarätige Konflikte zwischen seinem Vater und Großvater. Der eine war ein Freidenker und der andere ein fast fanatisch Gläubiger.

Reiks Mutter war emotional instabil. Sie litt an einer schweren Depression, ein Aspekt, der auch die Kindheit des zukünftigen Psychoanalytikers prägte. Als er 18 Jahre alt war, verstarb sein Vater. Dies zwang ihn, zur Unterstützung der Familie zu arbeiten. Diese Situation führte zu einer Krise der Qualen, in der Selbstbeschuldigungen und Kränkungen an der Tagesordnung waren.

Unter zahlreichen Einschränkungen schaffte er es, einen Abschluss in Philosophie und Literatur zu erlangen. Seine Abschlussarbeit beschäftigte sich mit Die Versuchung des heiligen Antonius,  einem Werk von Gustave Flaubert. Seine Studien und emotionalen Unruhen brachten ihn der psychoanalytischen Theorie näher. Er lernte Sigmund Freud schließlich persönlich kennen und es entwickelte sich eine Verbindung zwischen ihnen, die für immer Bestand haben sollte.

Theodor Reik

Theodor Reik – der geistige Sohn Freuds

Freud weigerte sich, bei Theodor Reik eine Analyse durchzuführen. Er beschloss, ihn zu einem anderen ihm nahen Psychoanalytiker, zu Karl Abraham, zu überweisen. Freud selbst hat für Reiks Psychoanalyse bezahlt. Tatsächlich ging er sogar noch weiter: Er nahm ihn unter seinen Schutz und schickte ihm eine monatliche Zahlung, um seine Ausgaben zu decken. Reik, der bald als Psychoanalytiker tätig wurde, hatte Probleme bei der Ausübung seiner Tätigkeit, da er kein Arzt war.

Damals arbeitete Reik Freud zu, insbesondere als er das Thema von Der Schrecken  analysierte. Seine Beiträge wurden sehr gut aangenommen und in zwei wichtigen Dokumenten zu diesem Thema festgehalten: einem 1924 und einem 1929 veröffentlichten.

Reiks Beziehung zu Freud war so eng, dass sie im Wiener Kreis mit „simil Freud“ witzelten. Denn Reik zog sich wie Freud an, arrangierte seinen Bart wie er, sprach wie er und rauchte sogar die gleichen Zigarren wie der Vater der Psychoanalyse. Freud seinerseits erkannte den „väterlichen Wunsch“ seines Schülers und machte ihn zu seinem geistigen Sohn.

Sigmund Freud

Nicht-medizinische Psychoanalyse

1925 begann der berühmte Prozess gegen Theodor Reik. Ihm wurde die Ausübung der Psychoanalyse untersagt, weil er kein Mediziner war. Dieser Fall löste eine starke Kontroverse in der psychoanalytischen Bewegung aus. Ein Teil davon war dagegen, dass Laien die Psychoanalyse ausüben dürften. Fast alle von ihnen waren US-Amerikaner. Ein anderer Teil, vorwiegend Europäer, akzeptierte die von Laien ausgeübte analytische Praxis.

Die Kontroverse veranlasste Freud, einen Aufsatz zu diesem Thema zu veröffentlichen. Er gab ihm den Titel Die Frage der Laienanalyse. Die Debatte nahm enorme Dimensionen an. Reik beschloss, sich in Berlin niederzulassen, in der Überzeugung, dass er dort die Psychoanalyse ausüben könne. Der Aufstieg der Nazis zwang ihn jedoch, zuerst nach Holland und dann in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

US-Amerikanische Psychoanalytiker akzeptierten ihn nie als einen der ihren. Dies veranlasste Reik zur Entwicklung seiner These vom Hören mit dem dritten Ohr. Demnach arbeite der Psychoanalytiker im Wesentlichen mit seiner Intuition, die die Achse seiner kontertransferenziellen Arbeit bilde.

Reik starb am 31. Dezember 1969 an Herzproblemen.

Reik, T., & Wencelblat, S. (1943). Treinta años con Freud.