Suchen wir uns tatsächlich Partner, die uns an unsere Eltern erinnern?

Und du ... Suchst du nach Partnern, die Eigenschaften haben, die dich an deinen Vater oder deine Mutter erinnern? Die Wahrheit ist, dass wir manchmal auch das Gegenteil bevorzugen: Menschen, die keine Ähnlichkeit mit unseren Bezugspersonen haben.
Suchen wir uns tatsächlich Partner, die uns an unsere Eltern erinnern?
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 06. September 2022

In der Psychologie gibt es einen Mythos, der besagt, dass viele von uns ihre Väter oder Mütter “heiraten”. Mit anderen Worten: Wir suchen bei unseren Partnern nach Eigenschaften, die uns an unsere Eltern erinnern. Zwei sehr bekannte Theorien erklären dieses Phänomen: der Elektra-Komplex und der Ödipus-Komplex. Doch inwieweit ist diese Vorstellung wahr? Sind wir wirklich aufgrund innerer Kindheitsschemata auf ein bestimmtes Profil ausgerichtet?

Sicher ist nur, dass wir in der Kindheit ein unbewusstes Narrativ über Zuneigung und Beziehungen entwickeln. Wir tun dies aufgrund der Art und Weise, wie wir von unseren Bezugspersonen behandelt werden.

Das kann uns in vielerlei Hinsicht beeinflussen. Und tatsächlich kann es sein, dass wir das gleiche Muster morgen wiederholen, weil wir es am besten kennen, weil es uns bestärkt und Vertrauen gibt. Wenn unsere Eltern in der Kindheit die tägliche Stütze waren, bei der wir uns bestätigt, verstanden und beschützt fühlten, liegt es auf der Hand, dass wir das Gleiche suchen.

Was passiert aber, wenn die Bindung zu diesen Bezugspersonen traumatisch war? Suchen wir im Erwachsenenalter in affektiven Angelegenheiten vielleicht nach denselben schädlichen Figuren?

Die Art der Bindung, die wir in der Kindheit erfahren, hat einen direkten Einfluss auf die Art des Partners, den wir suchen.

Suchen wir uns tatsächlich Partner, die uns an unsere Eltern erinnern?
Unsere Ängste und Bedürfnisse im affektiven Bereich sind oft durch die Beziehung zu unseren Eltern geprägt.

Suchen wir uns tatsächlich Partner, die uns an unsere Eltern erinnern?

Wenn wir den Satz hören, dass viele von uns ihre Eltern “heiraten”, spüren wir eine gewisse Ablehnung gegen diese Vorstellung. Wenn wir diese Argumentation jedoch psychologisch betrachten und hinter die Kulissen schauen, entdecken wir, dass es Beweise gibt, die diese Annahme unterstützen.

Zunächst einmal schaffen die frühen Beziehungen zu unseren Eltern Skripte oder Modelle dafür, wie Beziehungen funktionieren. Wir geben dem, was wir sehen, und der Art von Liebe, die uns von diesen frühen Bezugspersonen angeboten wird, Wahrhaftigkeit. Diese Kindheitsdynamik prägt und konditioniert uns auf tiefgreifende Weise.

Zudem hat die psychoanalytische Theorie die Idee bestätigt, dass Menschen Liebespartner mit ähnlichen Eigenschaften wie ihre Eltern wählen. Arbeiten – wie die an der State University of New York – bestätigen diese These. Der Schwerpunkt sollte jedoch nicht auf dem Ödipus- oder Elektra-Syndrom liegen, sondern auf den Bindungstypen.

Wir suchen keine Partner, die uns körperlich an unsere Eltern erinnern. Doch wir suchen Menschen, die uns die gleiche gefühlsmäßige Sicherheit geben, die uns unsere Eltern gegeben haben, oder nach Partnern, die uns die Liebe geben, die unsere Eltern uns nicht geben konnten oder wollten.

Die Bindung in der Kindheit bestimmt die Art von Liebe, die du glaubst zu brauchen

Wenn du mit einem abwesenden und gefühlskalten Vater aufgewachsen bist, suchst du wahrscheinlich nach Beziehungen, die dir Bestätigung, Zuneigung und Sicherheit geben. Du brauchst vielleicht eine Person, die jene emotionalen Bedürfnisse erfüllt, welche nicht von deinen Eltern befriedigt wurden.

Die Bindung in der Kindheit schafft ein Modell der Liebe, von dem wir glauben, dass wir es brauchen. So werden zum Beispiel Kinder, die mit liebevollen Müttern und Vätern aufgewachsen sind, welche ständig mit ihnen im Einklang waren, zu selbstbewussten und selbstsicheren Erwachsenen. Eine sichere Bindung ermöglicht es uns, befriedigende Beziehungen aufzubauen, ohne ständig Angst vor Ablehnung oder Einsamkeit zu haben.

Du suchst in diesem Fall nicht eine Person, die der Elternfigur entspricht, doch du bevorzugst jemanden, der dir die gleiche Beziehungsdynamik ermöglicht.

Wir fühlen uns unbewusst zu vertrauten Beziehungsmustern hingezogen.

Manchmal suchen wir das Gegenteil unserer Eltern

Vielleicht ist ein Elternteil gestorben oder du wurdest von einem oder von beiden Eltern vernachlässigt. In diesem Fall entstehen oft ängstliche Bindungsmuster: Du benötigst jemanden, der deine emotionale Leere füllt, scheiterst jedoch immer wieder und erlebst in deinen Beziehungen den gleichen Schmerz und die gleiche Leere. Auf der Suche nach Ersatz für die Bezugspersonen, die du nie hattest, gerätst du in eine Kette von Enttäuschungen.

Wie Dr. Kim Bartholomew in einer Studie feststellt, haben Menschen mit Bindungsangst ein negatives Selbstbild und suchen bei anderen nach Bestätigung. Das Problem liegt nicht im Partner, sondern in einer unbehandelten Kindheitswunde, das heißt in dir selbst. Geringes Selbstwertgefühl, Unsicherheit und die falsche Selbsteinschätzung führen dich immer wieder zu schädlichen Menschen. Du suchst unbewusst nach Partnern, die genauso schädlich sind wie deine Eltern.

Wenn wir uns einen Partner suchen, der an unsere Eltern erinnert, ist dies zum Teil noch immer eine Entscheidung der Eltern.

unsere Eltern bestimmen unser Leben
Wenn du eine befriedigendere Beziehung führen willst als die, mit der du aufgewachsen bist, musst du dir über die mentalen Modelle, die du über Beziehungen hast, im Klaren sein.

Wir “heiraten” nicht unsere Eltern, sondern die mentalen Modelle, die diese an uns weitergeben

Wir suchen nach dem, was uns vertraut ist, doch das Vertraute ist nicht immer die beste Lösung. Vielleicht fühlen wir uns zu dem selbstbewussten und etwas dominanten Mann hingezogen oder zu der lebenslustigen, aber emotional manipulativen Frau. Manchmal konditionieren uns die mentalen Skripte, die uns unsere Eltern vererbt haben, auch noch im Erwachsenenalter. Und nicht immer zum Besten.

Es ist sinnvoll, eine Achtsamkeitsübung zu machen, um die fehlerhaften Narrative über Beziehungen und Zuneigung aufzuspüren, die deine Eltern vielleicht an dich weitergegeben haben. Wenn du immer wieder bei schädlichen Menschen landest, solltest du dich fragen, was der Grund dafür sein könnte. Vielleicht gibt es Wunden aus der Vergangenheit, die du heilen musst.

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  • Bartholomew, Kim and Leonard M. Horowitz. “Attachment Styles Among Young Adults: A Test of a Four-Category Model,” Journal of Personality and Social Psychology (1991), vol.101 (2): 226-244.
  • Brumbaugh, Claudia Chloe and R. Chris Fraley, “Adult Attachment and Dating Strategies: How Do Insecure People Attract Mates?” Personal Relationships (2010), 17, 599-614.
  • Geher, Glenn. “Perceived and Actual Characteristics of Parents and Partners: A Test of a Freudian Model of Mate Selection,” Current Psychology (Fall, 2000), vol. 19, no.3, 194-214.