Wissenschaftliche Erkenntnisse: Welchen Gesichtern vertrauen wir am meisten?

Eine Studie zeigt, dass wir Gesichtern, die uns ähnlicher sehen, mehr vertrauen. Finde heraus, warum!
Wissenschaftliche Erkenntnisse: Welchen Gesichtern vertrauen wir am meisten?
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 03. September 2022

Wovon hängt das Vertrauen ab? Warum vertrauen wir manchen Menschen mehr als anderen, auch wenn wir sie gerade erst kennengelernt haben? Wissenschaftler haben festgestellt, dass wir jenen Gesichtern mehr vertrauen, die unseren eigenen ähnlicher sind. Dies geht aus einer aktuellen Studie von Tamami Nakano und Takuto Yamamoto von der Universität Osaka (Japan), die in der Zeitschrift Humanities & Social Science Communications veröffentlicht wurde, hervor. Wir sehen uns anschließend diese (und andere) Studien genauer an und sprechen über Vertrauen.

Wir vertrauen Gesichtern, die uns ähnlicher sehen

Die Studie zeigt, dass wir einer Person, die wir gerade erst kennengelernt haben, mehr vertrauen, wenn ihr Gesicht dem eigenen ähnlich ist – eine Regel, die nur für Menschen des gleichen Geschlechts zu gelten scheint. Beim anderen Geschlecht spielt dieser Faktor offenbar keine Rolle.

Auf biologischer Ebene hat Vertrauenswürdigkeit dem Anschein nach viel mit der Aktivierung der Amygdala zu bestimmten Zeiten zu tun, einer subkortikalen Hirnregion, die eine entscheidende Rolle bei der Erzeugung von Angstreaktionen spielt.

Wir vertrauen Gesichtern, die uns ähnlicher sehen
Wir vertrauen eher jenen Gesichtern, die unserem eigenen ähnlich sind, wenn es sich um Personen des gleichen Geschlechts handelt.

Die Studie

Für ihre Studie wählten die Forscher zunächst 200 japanische Studierende aus. Sie fotografierten alle Teilnehmenden mit einem neutralen Gesichtsausdruck und ohne Brille oder Accessoires. Der Gesichtsausschnitt wurde quadratisch zugeschnitten, und alle Fotos hatten eine Größe von 512×512 Pixeln. So erhielten die Forscher das Material für die Studie.

Die Auswertung

Anschließend wurden jene Personen ausgewählt, die die Vertrauenswürdigkeit beurteilen sollten: 30 japanische Studierende (15 Männer und 15 Frauen) im Alter von 19 bis 24 Jahren. Diese Personen saßen im Abstand von 65 cm vor einem Monitor und sahen jedes Foto 0,5 Sekunden lang. Danach bewerteten sie die Vertrauenswürdigkeit dieser Gesichter auf einer Skala von 1 (wenig vertrauenswürdig) bis 7 (sehr vertrauenswürdig). Alle 1,5 Sekunden wurde den Teilnehmenden ein neues Foto gezeigt, das sie einschätzen mussten.

Um die Vertrauenswürdigkeit zu bewerten, wurde auf dem Bildschirm neben dem Foto der Person ein Geldbetrag gezeigt. Die Teilnehmenden mussten beantworten, ob sie dieser Person das Geld leihen würden. Eine positive Antwort bedeutete Vertrauen, eine negative Antwort Misstrauen.

Die Ergebnisse

Die Teilnehmenden beurteilten anscheinend automatisch die Ähnlichkeit des gesehenen Gesichts mit ihrem eigenen. Denn die Datenanalyse zeigte, dass Personen Gesichtern, die ihrem eigenen ähnelten, mehr Vertrauen entgegenbrachten, wenn diese vom selben Geschlecht waren.

Die Amygdala: eine mögliche Erklärung

Warum beeinflusst die Ähnlichkeit mit sich selbst die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit? Wir haben eine mögliche Erklärung für die Tatsache gefunden, dass wir einigen Gesichtern mehr vertrauen als anderen, die psychobiologischer Natur ist. Frühere Forschungen, wie die Studie von Winston et al. (2002) und die Studie von Engell et al. (2007), die beide mit bildgebenden Verfahren Gehirnuntersuchungen durchführten, berichten, dass die Aktivität der Amygdala (einer Gehirnstruktur, die für die Verarbeitung und Speicherung überlebenswichtiger emotionaler Reaktionen wie Angst verantwortlich ist) beim Betrachten von vertrauten Gesichtern abnimmt.

Die Aktivität der Amygdala nimmt zu, wenn wir ein Gesicht sehen, das nicht vertrauenswürdig ist.

Eine weitere Studie von Adolphs et al. (1998) ergab, dass Patienten mit bilateralen Amygdala-Läsionen jedes Gesicht, das ihnen präsentiert wird, als vertrauenswürdig bewerten und dass die Amygdala aktiviert wird, wenn eine Person ängstlichen Gesichtern begegnet.

Die Studienergebnisse deuten also darauf hin, dass die Amygdala beim Betrachten von Gesichtern, die dem eigenen nicht ähnlich sehen, aktiv wird. Bei ähnlichen Gesichtern hingegen ist dies nicht der Fall.

Amygdala ist aktiv, wenn wir Angst haben
Angst aktiviert die Amygdala.

Bei ähnlichen Gesichtern entwickeln wir positive Gefühle

Nakano und Yamamoto, die Autoren der Studie, vermuten, dass ein Gesicht, das uns selbst ähnlich sieht, eine positive Valenz erzeugt. Wir bewerten es als sicher und attraktiv, was die Aktivität der Amygdala unterdrückt. Dies wiederum bewirkt, dass wir dieses Gesicht als vertrauenswürdig wahrnehmen.

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  • Adolphs, R., Tranel, D. & Damasio, A. The human amygdala in social judgment. Nature 393, 470–474 (1998). https://doi.org/10.1038/30982
  • Andrew D. Engell, James V. Haxby, Alexander Todorov; Implicit Trustworthiness Decisions: Automatic Coding of Face Properties in the Human Amygdala. J Cogn Neurosci 2007; 19 (9): 1508–1519. doi: https://doi.org/10.1162/jocn.2007.19.9.1508
  • Nakano, T. & Yamamoto, T. (2022). You trust a face like yours. Humanities & Social Science Communications, 9(1).
  • Winston, J., Strange, B., O’Doherty, J. et al. Automatic and intentional brain responses during evaluation of trustworthiness of faces. Nat Neurosci 5, 277–283 (2002). https://doi.org/10.1038/nn816