Ungeliebte Töchter und ihre emotionalen Beziehungen

Affektive Beziehungen für Frauen, die in ihrer Kindheit keine Liebe erfahren haben, können oft eine Herausforderung sein. Gefühle des Verlassenseins und der emotionalen Entbehrung führen manchmal dazu, dass sich Betroffene in abhängige Beziehungen oder schädliche Bindungen begeben. Wir analysieren diese Zusammenhänge.
Ungeliebte Töchter und ihre emotionalen Beziehungen
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 31. August 2022

Ungeliebte Töchter leiden im Erwachsenenalter oft im Stillen. Sie haben in ihrer Kindheit Vernachlässigung, Verluste, narzisstische Eltern oder andere einschneidende Erfahrungen erlebt, die dauerhafte Wunden hinterlassen. Dies wirkt sich später auf Beziehungen aus und prägt die gesamte Existenz.

Die Zuneigung der Eltern kann an Bedingungen geknüpft sein, nicht immer sind Respekt und Liebe vorhanden. Wir betrachten in unserem heutigen Artikel, wie sich der emotionale Mangel auf zukünftige Beziehungen auswirkt. Wie fühlen sich ungeliebte Töchter im Erwachsenenalter und wie gehen sie mit der Liebe um?

ungeliebte Töchter im Erwachsenenalter und der Blick in den Spiegel

Ungeliebte Töchter im Erwachsenenalter

Viele ungeliebte Töchter tragen schweres Gepäck mit sich. Wenn sie in den Rückspiegel ihres eigenen Lebens schauen, sehen sie fast immer eine Vergangenheit voller Enttäuschungen, tiefer Leere und scharfer Zurückweisungen, die Wunden hinterlassen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir unsere Lebensgeschichte auf Erfahrungen in der Kindheit aufbauen.

Wenn in der Kindheit emotionale Kälte, mangelnde Liebe oder psychischer Missbrauch vorherrschen, integrieren Betroffene falsche Muster, die ihnen auch im Erwachsenenalter zu schaffen machen. Viele ungeliebte Töchter akzeptieren in ihren Beziehungen missbräuchliches Verhalten. Sie kennen diese Situationen aus ihrer Kindheit und akzeptieren Verachtung, Erpressung und emotionale Manipulation.

Es ist nicht einfach, die Augen zu öffnen und diese Realität zu erkennen. Wir schauen uns anschließend verschiedene Auswirkungen an, die ungeliebte Töchter im Erwachsenenalter häufig erleben.

Unsichere Bindung

Peg Streep ist eine amerikanische Autorin, die sich seit mehr als 20 Jahren mit der Realität der Frauen beschäftigt, welche in ihrer Kindheit nicht von ihren Müttern geliebt wurden. In ihrem Buch “Daughter Detoxerklärt die Autorin, dass betroffene Frauen eine unsichere Bindung entwickeln, da sie in der Kindheit nie wissen, was sie von ihren Eltern (insbesondere von der Mutterfigur) zu erwarten haben.

Unsicherheit, der ständige Widerspruch zwischen Aufmerksamkeit und Gleichgültigkeit, Kritik und Verachtung: Dadurch können sich im Erwachsenenalter drei Beziehungsmuster entwickeln:

  • Ängstlich-besorgtes Verhalten: Dieses Beziehungsmuster definiert sich durch das Erleben von Unsicherheit sowie ständiger Angst in der affektiven Beziehung, Angst vor Verlassenheit, Verrat und Täuschung.
  • Geringschätzend-vermeidendes Verhalten: In diesem Fall will die Frau keine festen Beziehungen eingehen, sie bewahrt lieber ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über ihr Leben, um Leid zu vermeiden.
  • Unsicher-vermeidendes Verhalten: In dieser Art von Beziehung möchten ungeliebte Töchter Vertrautheit aufbauen, doch sie fühlen sich unsicher und haben Angst davor, den gleichen Schmerz wie in der Kindheit zu erleben. Sie können deshalb plötzlich die Beziehung abbrechen.

In einer Studie über Bindungsstile im Erwachsenenalter berichteten Menschen mit ängstlicher Bindung überwiegend von negativen Affekten und von einer größeren Angst vor Kontrollverlust im Alltag. Sowohl ängstliche als auch vermeidende Personen nahmen sich selbst negativ wahr und hatten weniger Vertrauen in ihre Bewältigungsfähigkeiten. Ferner berichteten Personen mit ängstlichem oder vermeidendem Bindungsstil, dass sie sich von anderen weniger umsorgt fühlten als Personen mit sicherer Bindung.

Die Untersuchung ergab auch, dass Menschen mit ängstlicher Bindung hyperaktive Tendenzen haben, wie z. B. einen stärkeren negativen Affekt, Stress und wahrgenommene soziale Ablehnung. Im Gegensatz dazu wiesen Personen mit vermeidenden Bindungen deaktivierende Tendenzen auf, unter anderem verminderte positive Zustände und ein geringeres Verlangen, mit anderen zusammen zu sein.

Hochgradig vermeidende Menschen haben eine negative Sicht bezüglich ihrer Partner und halten sich selbst für unwürdig, von anderen geliebt und unterstützt zu werden (Bartholomew, 1990). Vermeidende Menschen streben danach, in ihren Beziehungen Unabhängigkeit, Kontrolle und Autonomie zu schaffen und zu erhalten. Das liegt daran, dass sie glauben, dass psychologische oder emotionale Nähe nicht möglich ist. Diese Überzeugungen motivieren vermeidende Menschen dazu, distanzierende Bewältigungsstrategien anzuwenden, bei denen die Betroffenen negative Gedanken und Emotionen defensiv unterdrücken, um ihre Unabhängigkeit zu fördern.

Mentale Modelle und Intimität

Von den drei zuvor erwähnten unsicheren Bindungsstilen ist die ängstlich-besorgte Bindung der dramatischste. Frauen mit diesem Bindungsmuster benötigen eine vertraute Beziehung, um sich bestätigt zu fühlen. Sie reagieren schnell auf jede wahrgenommene Bedrohung, deshalb ist das Zusammenleben mit ihnen emotional anstrengend.

Die beiden anderen Bindungsmuster erschweren den Weg zur Vertrautheit. Frauen mit einem abweisenden Stil wollen eigentlich keine dyadische Intimität; sie möchten unabhängig bleiben und die Kontrolle bewahren. Ängstliche Frauen hingegen wollen Vertrautheit, sind aber sehr unsicher und fürchten sich vor emotionalem Schmerz.

Lieblosigkeit in der Kindheit führt dazu, dass unwahre Vorstellungen integriert werden

In der Kindheit führen mangelnde Zuneigung, mütterlicher und väterlicher Narzissmus, Kritik oder Verlassenheit dazu, dass ungeliebte Töchter verzerrte Vorstellungen von Beziehungen entwickeln. Die häufigsten sind folgende:

  • Liebe ist eine Transaktion. Man muss leiden, um Zuneigung zu bekommen, auch wenn es nur Reste sind. Manchmal werden sogar Missbrauch, Verachtung und Manipulation normalisiert.
  • Emotionen und Bedürfnisse müssen versteckt werden. Die eigenen Bedürfnisse sind unwichtig, nur die andere Person ist maßgeblich.
  • Liebe muss gesucht werden, wo immer sie ist. Der ungeliebten Tochter fehlt das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Herkunftsfamilie. Dieser Mangel, diese Zerrissenheit und fehlende Verwurzelung führen dazu, dass sie nach Zuneigung sucht, wo und mit wem auch immer. Es besteht also die Gefahr, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten.
Ungeliebte Töchter tun sich in Beziehungen schwer

Fragen für ungeliebte Töchter

Ungeliebte Töchter fühlen sich oft von Menschen angezogen, von denen sie nicht geliebt werden, sondern vernachlässigt. Sie müssen lernen, was wahre Liebe bedeutet. Der erste Schritt besteht darin, mehr Selbstachtung und ein besseres Selbstwertgefühl zu entwickeln. 

Folgende Fragen können ungeliebte Töchter zum Nachdenken anregen:

  • Brauche ich wirklich einen Partner, um glücklich zu sein?
  • Haben meine Erwartungen an meinen Partner mit meinen Defiziten zu tun, die ich in der Kindheit erlebte?
  • Warum scheitern meine Beziehungen? Was habe ich aus diesen Erfahrungen gelernt?
  • Was ist Liebe für mich? Habe ich eine gesunde Vorstellung von Beziehungen?
  • Welche Vision habe ich von mir selbst, gibt es etwas, das ich beachten oder lösen sollte, um mich besser zu fühlen, und habe ich das bisher getan?
  • Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, welche Gefühle kommen dann in mir hoch: Traurigkeit, Wut, Enttäuschung, Angst …? Wie wirken sich diese ungeklärten Gefühle und Probleme auf meine Beziehungen aus?

Abschließend möchten wir daran erinnern, dass viele Menschen eine traumatische Kindheit erleben. Psychologische Unterstützung ist in diesem Fall eine wertvolle Hilfe.

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