Soziale Netzwerke machen Jugendliche einsam

Reale Erfahrungen mit Freunden sind für die gesunde Entwicklung der jugendlichen Psyche maßgeblich.
Soziale Netzwerke machen Jugendliche einsam
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 27. November 2022

Freunde sind für Jugendliche besonders wichtig: Sie lösen sich allmählich von den Eltern und wenden sich zunehmend Gleichaltrigen zu. Neue Technologien haben in den letzten Jahren jedoch viele soziale Veränderungen mit sich gebracht. Wenn wir Jugendliche fragen, worauf sie auf keinen Fall verzichten können, ist die Antwort mehrheitlich: Handy und Internet. Sie

Teenager verbringen viele Stunden auf Facebook, TikTok & Co.: Eine Umfrage zur Mediennutzung von Jugendlichen in Deutschland verrät, dass rund 93 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ihr Smartphone täglich verwenden. Im Durchschnitt verbrachten Jugendliche 2020 täglich 258 Minuten im Internet, vor zehn Jahren waren es noch 138 Minuten.

Teenager nutzen bevorzugt soziale Netzwerke, um sich mit Gleichaltrigen auf der ganzen Welt zu verbinden. Die Ironie ist jedoch, dass sie sich damit zunehmend isolieren und einsam werden. Sie interagieren immer weniger mit ihrer Umwelt und mit ihrer Familie. Welche Konsequenzen hat diese Tendenz?

Die zunehmende Vereinsamung von Jugendlichen durch neue Technologien führt vermehrt zu psychischen Problemen.

Soziale Netzwerke machen Jugendliche einsam
Die Nutzung von Handys führt dazu, dass sich junge Menschen von sozialen Praktiken in der realen Welt entfernen und das private und isolierte Universum des Virtuellen und Digitalen bevorzugen.

Rückzugsort: mein Zimmer und mein Handy

Bereits in der Vorpubertät benötigen Kinder ihren eigenen Raum, ihre Privatsphäre, um sich zurückzuziehen. Für die Eltern mag diese Zeit schwierig sein, doch sie ist für ihre psychosoziale Entwicklung wichtig. Teenager lösen sich allmählich von ihren Bezugspersonen los, um ihre eigene Identität zu stärken und unabhängig zu werden.

Das eigene Zimmer ist für Teenager ein Rückzugsort, den niemand betreten darf. Sie isolieren sich zunehmend und verbringen immer weniger Zeit mit Eltern und Geschwistern. Moderne Technologien sind keineswegs eine Hilfe, sie machen alles nur noch komplizierter: Jugendliche verbringen viel Zeit auf YouTube, Twitch, TikTok & Co., um sich zu unterhalten und soziale Kontakte zu schließen. Sie haben alles in einem Gerät: Warum außer Haus gehen, wenn die Welt hinter dem Bildschirm so greifbar nahe und bequem erreichbar ist?

Obwohl Jugendliche über ihre sozialen Netzwerke und Apps mit anderen interagieren, erleben sie ein verstärktes Gefühl der Einsamkeit. Das veranlasst sie aber nicht unbedingt dazu, ihr Zimmer zu verlassen und andere Formen der Unterhaltung zu suchen.

Soziale Netzwerke machen Jugendliche einsam

Der Mensch ist ein soziales Wesen, wobei sich Teenager ganz besonders von Freunden inspirieren und motivieren lassen. Immer mehr Jugendliche suchen die Unterhaltung mit Gleichaltrigen jedoch im Internet: Sie verbringen einen Großteil ihrer Freizeit in dieser Parallelwelt, die sich hinter dem Bildschirm eröffnet, sich jedoch realen Erfahrungen beraubt.

Auch wenn besorgte Eltern Alternativen wie Sport oder Freizeitaktivitäten mit Freunden vorschlagen, ist das Interesse oft gering.TikTok und andere soziale Netzwerke nehmen die gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch: Sie machen süchtig!

Ein benachteiligtes Gehirn

Das jugendliche Gehirn durchläuft eine Schlüsselphase in seiner Entwicklung. Seine neuronale Architektur bildet sich noch aus und viele Bereiche sind erst nach dem 20. Lebensjahr vollständig entwickelt. Jede Erfahrung, jede Interaktion, jede Gewohnheit und jede Übung formt das jugendliche Gehirn, zum Guten oder zum Schlechten.

Eine Studie der Emory University in Atlanta zeigt, dass soziale Erfahrungen in der Adoleszenz grundlegend sind, um die Fähigkeit der Zielerreichuung im Erwachsenenalter zu optimieren. Wenn sich junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren für die Isolation entscheiden, verändert sich ihr GehirnDer Mangel an Anregung und sozialen Kontakten wirkt sich auf die Entscheidungsfindung, die Leistung und die psychische Gesundheit aus.

Isolation, soziale Netzwerke und Unglücklichsein

TikTok unterhält Jugendliche, bringt sie zum Lachen, stellt sie vor Herausforderungen, verbindet sie mit Freunden und gibt ihnen soziale Bestärkung. Sie können jederzeit – Tag und Nacht –  über WhatsApp sprechen und haben unzählige Plattformen, um sich über alles zu informieren. Doch die Welt der sozialen Medien und der Technologie macht sie nicht immer glücklicher.

Viele entdecken das Leben und beginnen, ihre Identität in der Einsamkeit ihres Zimmers und vor einem Bildschirm zu schmieden. Nur wenige Jugendliche profitieren davon, viele entwickeln psychische Probleme. Eine Studie der Johns Hopkins School of Medicine zeigt, dass die Nutzung sozialer Netzwerke mit einer Zunahme von Depressionen und Suizidgedanken verbunden ist.

Diese Anwendungen verstärken alles, vom sozialen Vergleich bis hin zur Schaffung eines verzerrten Selbstbildes. Angst, Entmutigung und ein geringes Selbstwertgefühl sind die Folgen. Je größer die Abhängigkeit von diesen digitalen Welten, desto größer ist auch das Bedürfnis nach Isolation. Deshalb verstärkt sich die Entmutigung umso mehr.

Auch viele Erwachsene verbringen immer mehr Zeit in virtuellen Welten und vernachlässigen ihre Vorbildrolle.

Suchtorientierte Apps

Plattformen wie Instagram oder TikTok sind so konzipiert, dass sie süchtig machen. Wenn in letzter Zeit mehr Wert auf Videos als auf einfache Posts mit Nachrichten gelegt wird, liegt das an der Anziehungskraft, die sie im Gehirn erzeugen. Wenn wir dann noch die Algorithmen hinzuzählen, die perfekt darauf programmiert sind, uns die Inhalte anzubieten, die wir mögen, ist es verständlich, dass die Stunden vergehen, ohne es zu merken.

Teenager haben größere Probleme mit der Selbstkontrolle, was zusätzlich erklärt, warum es ihnen so schwerfällt, das Handy zur Seite zu legen.

Jugendliche fühlt sich einsam
Die gesunde soziale Verbindung von Jugendlichen mit ihrer Umwelt ist der Schlüssel zu ihrer psychologischen Entwicklung.

Was tun?

Wir wissen, dass Isolation und soziale Netzwerke in einem direkten Zusammenhang stehen und dass dies insbesondere Jugendliche betrifft. Was können wir dagegen tun? Das sind einige wichtige Dinge, über die du nachdenken solltest.

  • Es ist wichtig, unseren Kindern von klein auf einen gesunden Umgang mit der Technologie beizubringen.
  • Wir sollten vermeiden, ihnen vor dem von Experten empfohlenen Alter von 15 Jahren ein Mobiltelefon zu geben.
  • Es ist nicht ratsam, dass Kinder ihren eigenen Computer in ihrem Zimmer haben. Es ist besser, einen Gemeinschaftsraum für diesen Zweck zu nutzen, damit Erwachsene die Inhalte, die ihre Kinder aufrufen, kontrollieren können.
  • Die Internetnutzung sollte einen festen Zeitplan haben. Nach diesen Stunden (und vor allem am Abend) ist es ratsam, digitale Geräte abzuschalten.
  • Als Erwachsene sollten wir überwachen, wie Teenager ihre sozialen Netzwerke nutzen.
  • Eltern sollten die besten Vorbilder für ihre Kinder sein. Lass uns mit gutem Beispiel vorangehen.
  • Es ist wichtig, Teenager zu Aktivitäten, die ihre soziale Verbindung zur Außenwelt und über das eigene Zimmer hinaus fördern, zu ermutigen. Sport, Musik oder Tanz… es gibt viele Möglichkeiten.

Wir müssen allgemeine Strategien entwickeln, um unsere Jugend vor den schädlichen Auswirkungen sozialer Netzwerke zu schützen. Es handelt sich um ein schwieriges Thema, für das wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene Lösungen brauchen. 

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