Somatische Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen: Was sind die Ursachen?

Somatoforme Störungen sind bei Kindern und Jugendlichen häufig, werden oft jedoch nicht als solche identifiziert. Sie belasten die gesamte Familie und erfordern ärztliche Unterstützung.
Somatische Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen: Was sind die Ursachen?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 09. Januar 2023

Ein großer Teil der Besuche beim Kinderarzt in der Primärversorgung ist auf somatische Beschwerden zurückzuführen. Viele Kinder leiden ohne ersichtlichen Grund unter Bauchschmerzen, Durchfall, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit. Diese unerklärlichen Beschwerden sind Symptome eines latenten Problems, das identifiziert werden muss.

Es stimmt, dass wir alle täglich Somatisierung erleben. Ein Tag voller Müdigkeit, Stress oder Ängsten und Sorgen machen sich immer schmerzhaft im Körper bemerkbar. Emotionen hinterlassen ihren psychophysischen Abdruck im Körper, und das ist etwas, das wir im Laufe der Zeit lernen.

Allerdings sind Somatisierungsstörungen bei Kindern viel belastender. Sie wissen nicht, was mit ihnen geschieht und erleben es auf verstörende Weise. Sie treten meist plötzlich auf und gehen mit Verhaltensänderungen einher. Das körperliche Unbehagen ist eine direkte Folge eines emotionalen Auslösers, den sie nicht ausdrücken können und oft nicht einmal verstehen.

In diesen Situationen ist die Rolle der Eltern entscheidend. Es ist wichtig zu wissen, wie man die Bedürfnisse der Kinder erkennt und auf sie reagiert.

Viele Kinder fühlen sich in der Schule und im außerschulischen Bereich zunehmend unter Druck gesetzt. Das erzeugt oft ein hohes Maß an Angst, mit der sie nicht umgehen können.

Jugendlicher hat somatische Beschwerden
Jugendliche haben oft psychosomatische Beschwerden.

Somatische Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen, ein häufiges Phänomen

Es gibt Kinder, die mit ihren Eltern zu Fachärzten kommen, weil diese glauben, sie hätten eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Sie erbrechen häufig und fast alles macht sie krank. Sie glauben, dass sie Zöliakie oder eine Laktoseunverträglichkeit haben könnten. Die Tests zeigen jedoch keine Probleme auf.

Viele Teenager fühlen sich erschöpft und leiden häufig unter Kopfschmerzen. Ihre Eltern glauben, dass diese Verhaltensweisen altersbedingt oder das Ergebnis von zu viel Bildschirmzeit sein könnten. Wie dem auch sei, eine Sache ist klar: Somatische Beschwerden werden bei Kindern und Jugendlichen oft nicht erkannt und behandelt.

Eine Studie der Universität Duke zeigt zum Beispiel, dass sie besonders häufig bei Jungen und Jugendlichen auftreten. Mädchen zeigen stärkere emotionale Veränderungen, während Jungen oft mehr störendes und trotziges Verhalten zeigen. Wenn wir denken, dass sie altersbedingt sind, vernachlässigen wir sie.

Für Eltern und Lehrkräfte ist es wichtig, auf Veränderungen sensibel und verständnisvoll zu reagieren. Es könnte sich um somatische Beschwerden handeln, die Aufmerksamkeit erfordern.

Wie äußern sich somatische Beschwerden?

Es ist wichtig klarzustellen, dass somatische Beschwerden nicht das Produkt einer organischen Krankheit sind. Mit anderen Worten: Wenn eine Krankheit vorliegt, ermöglichen medizinische Tests und Analysen eine eindeutige Diagnose, die erklärt, warum körperliche Beschwerden vorhanden sind. Bei somatischen Beschwerden ist das nicht der Fall. Typischerweise kommt es zu folgenden Problemen:

  • Muskel- und Skelettschmerzen
  • Ständige Müdigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Magenschmerzen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Darmbeschwerden wie Durchfall
  • Bettnässen
  • Einschlafprobleme
  • Albträume
  • Herzklopfen und Tachykardie.

Somatische Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen gehen oft mit Problemen in der Schule einher, wie z.B. Leistungsschwäche, trotziges oder störendes Verhalten.

Was sind die Ursachen?

Somatisierungsstörungen treten oft unerwartet auf und bleiben über Monate oder Jahre hinweg stabil. Das wirkt sich direkt auf die Lebensqualität des Kindes aus, vor allem, wenn das latente Problem, das es auslöst, nicht gelöst wird.

Schauen wir uns nun die zugrunde liegenden Faktoren und Realitäten an, die diese klinischen Zustände oft prägen.

Angst und Druck auf das Kind

Forscher der Johns Hopkins Universität konnten in einer Studie herausfinden, dass häufig Angststörungen hinter somatischen Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen stehen. Kinder im Alter von zwölf Jahren leiden besonders häufig daran. Der akademische Druck und auch die Anforderungen, die ihre Eltern an sie stellen, verstärken das Gefühl der Angst und führen in einigen Fällen dazu, dass sich die Kinder überwältigt fühlen.

Depression im Kindes- und Jugendalter

Depressionen werden bei Kindern und Jugendlichen unterdiagnostiziert und daher klinisch vernachlässigt. Dies ist eine besorgniserregende Tatsache, wenn man bedenkt, dass die Raten von selbstverletzendem Verhalten und Suizid in der jüngeren Bevölkerung zunehmen.

Hinter diesem ernsten Problem stehen oft familiäre Schwierigkeiten, die Trennung von den Eltern, Mobbing-Situationen oder die schädlichen Auswirkungen sozialer Netzwerke.

Familiärer Missbrauch

Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung… Eine der Ursachen für somatische Beschwerden bei Kindern im frühen Alter ist häusliche Gewalt. Solche Situationen verändern die Entwicklung von Kindern auf allen Ebenen: emotional, neurologisch, kognitiv usw.

Persönlichkeit von Kindern

Es gibt Kinder und Jugendliche mit einer anspruchsvollen und sehr perfektionistischen Persönlichkeit. Manche Kinder sind auch besonders schüchtern und neigen deshalb zur Somatisierung. Ebenso kommt es häufig vor, dass ein starres und autoritäres Familienumfeld dazu führt, dass Kinder Ängste und Sorgen vermehrt verinnerlichen. Das führt irgendwann auch zu Unwohlsein und körperlichen Beschwerden.

Depressionen bei Kindern werden unterdiagnostiziert. Das kann im Jugendalter zu Suizidgedanken führen. Frühzeitige Erkennung ist der Schlüssel, deshalb müssen wir auf Veränderungen im Verhalten und körperliche Beschwerden achten, die keinen bestimmten Grund haben.

Kind hat somatische Beschwerden
Eltern sollten die Beschwerden ihrer Kinder ernst nehmen, sie könnten eine emotionale Grundlage haben.

Behandlung somatischer Störungen

Der erste Schritt im Umgang mit somatischen Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen ist die Betreuung und Diagnose durch einen Kinderarzt oder eine Kinderärztin. Organische Ursachen müssen ausgeschlossen werden, um psychologische Ursachen zu finden. In solchen Situationen ist es wichtig, dass Fachärzte und Psychologen zusammenarbeiten.

Wir können nicht ignorieren, dass organische Beschwerden (Magenbeschwerden, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen…) real sind und behandelt werden müssen. Sie werden jedoch nicht verschwinden, wenn wir ihre Auslöser nicht behandeln. Die richtige Identifizierung des Problems, das das Kind oder der Jugendliche durchmacht, ist der wichtigste Ausgangspunkt. Ebenso sollte die Behandlung von Angststörungen, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen mit den folgenden Strategien kombiniert werden:

  • Bringe dem Kind/Jugendlichen bei, wie sein Körper auf Zustände wie Stress, Sorgen, Ängste usw. reagiert. Sie sollten verstehen, worauf ihre körperlichen Beschwerden zurückzuführen sind und was Somatisierung bedeutet.
  • Es ist ratsam, ihnen Entspannungstechniken beizubringen, damit sie schon früh lernen, mit Stress umzugehen.
  • Training von sozialen Fähigkeiten, Durchsetzungsvermögen und Problemlösung.
  • Kognitive Umstrukturierung, d.h. sie sollen lernen, ihre Gedanken und Überzeugungen zu regulieren und zu verstehen, um gesündere mentale Ansätze zu entwickeln.

Wichtiger Hinweis

Wir können diesen Artikel nicht beenden, ohne auf einen Aspekt hinzuweisen, den alle Eltern verstehen sollten. Somatische Beschwerden sind kein “Theater”, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Schmerzen und das Unbehagen sind real. Kinder, die immer wieder über Schmerzen klagen oder ihr Verhalten ändern, benötigen professionelle Unterstützung.

Wir müssen dem, was sie ausdrücken und zeigen, Geltung verschaffen. Sie müssen ermutigt werden, ihre Gefühle und Empfindungen zu verbalisieren. Verständnis, Empathie und Zuneigung sind in diesem Fall besonders wichtig.

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