Sollen: Ein Wort, das uns festbindet

· 10. Dezember 2016

„Ich sollte eine Diät anfangen.“ – „Ich sollte meine Mutter anrufen.“ – „Ich sollte meinem Chef sagen, dass ich eine Gehaltserhöhung verdiene.“ – „Ich sollte Sport treiben, so wie mein Arzt es mir gesagt hat.“Eine große Anzahl von „sollte“ quält uns jeden Tag und verwandelt sich in wirkliche Hindernisse, die uns das Wachstum erschweren.

Diese „sollte“ wird zu einer Art Utopie, zu unerfüllten Träumen, zu unüberwindbaren Mauern, die es uns unmöglich machen, vorwärtszukommen. Ohne nur den geringsten Raum für Zweifel ist „sollen“ ein Wort, das uns fest an unsere Ängste, Unsicherheiten und Fehler bindet. Deshalb ist es an der Zeit, jenes Gewicht namens „sollen“ loszuwerden, denn es besitzt die Macht, unseren Weg zu einer Tortur werden zu lassen.

Sollte + [hier Passendes einsetzen]

Wie oft hast du in den letzten Tagen das Wort „sollte“ gesagt? Ich nehme an, du hast nicht versucht, es zu zählen, aber ich wette, dass du es öfter gesagt hast, als du musst. „Sollen“ ist zweifellos eines der Worte, die in unseren inneren Dialogen am häufigsten auftreten.

Dieses Verb ist fest mit irrationalen Ideen verbunden. Mit jenen Ideen, die uns stören und uns unser Leben nicht zufrieden leben lassen. Diese Vorstellungen sind sehr tief in unseren Gedanken verwurzelt und leiten unsere Existenz. Aber anstatt ein guter Startpunkt dafür zu sein, etwas Größeres zu erreichen, passiert genau das Gegenteil: unsere Tendenz zum Handeln wird blockiert.

„Sollen“ oder „müssen“ neigen dazu mit „immer“ oder „nie“ aufzutreten. Nichts ist so definitiv und streng. Viele Menschen benutzen diese Wörter als eine Methode, um sich selbst zu belügen. Sie denken, dass es einem Eintrag in ihrem Terminplaner gleicht, wenn sie eine Aufgabe mit einer Bedingung verknüpfen. Tatsächlich geben sie – mit ihrem inneren Diskurs – der Chance die Kraft, dass das niemals passieren wird.

Sollen schafft kein Handeln, sondern das Gegenteil

Wenn wir andeuten, dass wir etwas Bestimmtes tun sollten, dann führt das fast nie dazu, dass wir es tatsächlich in diesem Moment tun. Stattdessen bleibt alles ein leeres Versprechen, eine Idee, die einer Chance übergeben wurde, ein unbewusster Weg, uns selbst zu überzeugen, dass wir uns ändern werden.

Wenn du zum Beispiel sagst: „Ich sollte Gewicht verlieren, weil der Arzt mir gesagt hat, dass meine letzten Werte überhaupt nicht gut aussahen“, dann denkst du über das Problem nach. Das ist gut. Aber du denkst nicht über eine Lösung nach. Vielleicht geht der Satz noch weiter: „Ich sollte eine Diät machen oder ins Fitnessstudio gehen.“ Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du diesen halben Vorsatz umsetzt?

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Vielleicht wäre es einfacher, Dinge in die Tat umzusetzen, wenn wir Folgendes sagen würden, statt unserer Zukunft ständig neue Bedingungen hinzuzufügen: „Ich werde eine Diät anfangen.“ – „Ich werde mich im Fitnesstudio anmelden.“ Allerdings ist das noch immer nicht ideal. Das Beste, was man in diesen Situationen tun kann, ist es, den ersten Schritt zu tun: Nimm alles, was nicht in deine Diät passt, aus dem Kühlschrank, oder zieh dir deine Sportschuhe an und fange an, zu trainieren. Ja, jetzt.

Werde das „sollen“ los und lebe unbeschwerter

Kommen wir wieder auf das Beispiel mit dem Patienten zurück, dessen Arzt angeordnet hat, dass er verschiedene Maßnahmen ergreifen muss, um abzunehmen, Maßnahmen, die der Patient in Frage stellt. Wenn er die Logik dessen, was der Spezialist ihm vorschlägt, nicht versteht, dann kann er die Situation auch nicht unter Kontrolle bringen. Wenn der Arzt im Detail erklärte, was hinter der Beziehung zwischen Sport und Gesundheit steckt, würde der Patient vielleicht sagen „Ich muss…“ anstatt „Ich sollte…“. Aber so sieht er keinen anderen Grund darin, dies zu tun, als den, dass ihn eine Aufgabe auferlegt wurde.

Irrationaler Druck und Gedanken, die mit dem Wort „sollen“ beginnen, werden uns von Kindheit an in unsere Köpfe gepflanzt: „Ich muss gute Noten bekommen.“ – „Ich muss meinen Eltern und Lehrern Folge leisten.“ – „Ich muss einen Abschluss erreichen.“ – „Ich muss eine Familie gründen.“ Und die Liste könnte fortgeführt werden.

Warum „sollten“ wir all diese Dinge tun? Weil es uns die Kultur, die Gesellschaft und unsere Tradition so vorschreiben! Das ist keine ausreichende Antwort. Was, wenn wir verstehen, dass einen Test zu bestehen, den Älteren immer zu gehorchen, einen guten Universitätsabschluss zu erreichen und zu heiraten keine Gewichte auf unserem Rücken sein „sollten“?

Wenn uns „sollen“ schuldig und ängstlich fühlen lässt

Gesellschaftliche Normen gibt es schon sehr lange und deshalb stellen sie die meisten von uns auch nicht in Frage. Diese moralischen und kulturellen Regeln existieren nicht, um uns zu stören oder zu verfolgen. Trotzdem sie sind da und kommen uns oft in die Quere, wenn wir die Chance haben, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.

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Was passiert, wenn wir dieses „Sollen“, das uns von Kindesbeinen an beigebracht wurden, nicht erfüllen? Es macht uns Angst, auch dann, wenn uns das davon abhält, glücklich zu sein. Dieses „Sollen“, das wir nicht erfüllen, vermittelt uns Schuldgefühle.

Der Gedanke, der Gesellschaft zu schaden, wenn wir einen gesellschaftlichen Auftrag brechen, ist in vielen Fällen einfach falsch. Wenn wir nicht studieren und einen Universitätsabschluss machen, bleiben wir trotzdem gute Menschen. Wenn wir nicht heiraten, werden wir noch lange nicht zu einer Bedrohung für die Gesellschaft.

Behalte immer im Kopf, was dich glücklich macht, auch wenn es nicht das Gewicht vom „Sollen“ trägt. Mach dich ans Werk und wandle deine Gedanken in Taten um. Irrationale und geerbte Ideen sind noch immer die größten Hindernisse, um ein erfülltes Leben zu führen.