Sklaven bei Tag, Tyrannen bei Nacht

· 5. April 2019

Viele von uns sind Sklaven bei Tag und Tyrannen bei Nacht. Wir fühlen uns schlecht wegen unserer Situation und wollen Empathie, aber wir sind auch diejenigen, die das System, das diese Situation schafft, aufrechterhalten. Es gibt preiswertes Essen, günstige Flüge, und heutzutage haben wir sogar einen günstigen Lieferservice, der uns zu jeder Zeit das bringt, wonach der Sinn uns steht. Dies könnte die schlimmste Manifestation des Sprichworts „Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit“ sein.

In dieser Hinsicht sind wir die Ärzte, die ein medizinisches System leiten, in dem kein Platz für Kranke ist. Wir sind diejenigen, die Markenkleidung kaufen, die in Ländern mit prekären Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Im Endeffekt betäuben wir uns als Gesellschaft, indem wir unsere wertvollste Ressource unbedacht verbrauchen und ausgeben: unsere Zeit. Diese Anästhesie ist notwendig, denn wenn wir sie nicht hätten, würden wir uns selbst mit unserem eigenen Unfrieden vergiften.

Wir sind Sklaven bei und Tyrannen bei Nacht. Obwohl wir uns über unsere Situation beschweren, belohnen wir diejenigen, die sie uns aufzwingen.

Überleben ist eine Illusion

Zeit, uns um eine Familie zu kümmern, die wir nie sehen, für eine Reise zu bezahlen, die wir nicht genießen, oder eine Kamera zu kaufen, die wir nicht benutzen. Diese Zeit rinnt uns wie eiskaltes Wasser durch die Finger. Nach und nach erodiert es unsere Basis.

Wir sind Sklaven bei Tag, weil wir unter prekären Bedingungen arbeiten und gerade genug verdienen, um zu überleben. Um zu überleben und vielleicht ab und zu ein oder zwei Träume wahr werden zu sehen. Tyrannen sind wir, weil wir bei diesem System mitmachen. Wir bestellen nachts Pizza, in dem Wissen, dass die Studenten, die das Essen bringen, ausgebeutet werden. Wir tun es, weil es billig ist, weil es schnell geht und weil es uns das Gefühl gibt, mehr Freizeit zu haben. Der Traum von mehr Freizeit macht uns zu Sklaven bei Tag, zu Tyrannen bei Nacht .

Wir akzeptieren Jobs, die unangemessen bezahlt werden. Wir haben das Gefühl, wenn wir das nicht täten, würde es jemand anderes tun. Vielleicht sogar für noch weniger Geld. Weil es immer jemanden gibt, der bedürftiger ist. Es ist diese Haltung, die das gegenwärtige Überleben ermöglicht, aber langsam unsere Gesellschaft aufzehrt. Wir vergeuden Stunden hinter einem Tresen, schauen auf einen Bildschirm oder fahren einen Bus … beobachten, wie Auto um Auto an uns vorbeifährt. Tag um Tag.

Frau liegt nachts am Boden

Moderne Gewohnheiten sind ein schwarzes Loch – es bedarf einer Revolution

Was wir brauchen, ist eine Revolution. Groß oder klein, aber eine Revolution, die bei uns beginnen muss. Wir müssen aufhören, Sklaven bei Tag und Tyrannen bei Nacht zu sein. Es ist an der Zeit, erneut auf schlechte Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Widerstehen wir der Versuchung, zu kaufen, was billiger ist. Erinnern wir uns daran, dass es derjenige am anderen Ende der Nahrungskette ist, der dafür dennoch einen hohen Preis zahlt.

Verwerfen wir die Idee, dass acht Arbeitsstunden dasselbe seien wie drei oder vier, wenn nur alles schnell gehe. Fast Food, Hast und in der Nacht kurz die Augen schließen. Warum wollen wir, dass die Dinge in einer Welt, die bereits mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, noch schneller vonstatten gehen? Wir wollen uns nicht bewegen und am besten alles zu unserem Haus geliefert haben. Warum, in einer Welt, die von Tag zu Tag dicker wird? Wie kommt es, dass wir so viel Technologie begehren, wenn wir am Ende doch mehr arbeiten? Warum sind Schlussverkäufe so wichtig, wenn Materielles ohnehin nicht erfüllend ist? Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl des Friedens, den wir empfinden, wenn die Sonne nach tagelangem Regen herauskommt.

Diese „schnelle“ Lebensweise ist nur eine Illusion, die das System geschaffen hat, um uns den Eindruck zu vermitteln, dass wir genügend freie Zeit und genügend Ressourcen hätten. Aber wir sollten uns fragen: Haben wir das wirklich? Sogar diejenigen von uns, die denken, dass sie ein angemessenes Gehalt erhalten: Wenn sie nicht auf all die Billigvarianten zurückgreifen würden, wäre es dann immer noch ein existenzsichernder Lohn?

Wir arbeiten so viel, aber verdienen wir unser Geld auch in Echtzeit? Oder im Schnellvorlauf? All dieses schnelle Zeug, ohne Transzendenz, verschwindet mit der ersten Brise. Dann sind wir allein, von Angesicht zu Angesicht mit der Realität, nackt, ohne Kleidung, um uns vor der Kälte zu schützen. Wir schauen uns selbst im Spiegel an und fühlen uns seltsam. Wir sind wir selbst, aber wir sind abwesend. Weit weg von unserem Körper, von den Menschen, die wir lieben. Sie sind drüben im Wohnzimmer, starren auf einen anderen Bildschirm und tratschen über Leute, die sie nicht kennen …

Wir haben viele Gründe, eine kleine Revolution zu starten. Wir brauchen eine Revolution, die uns davor bewahrt, Sklaven bei Tag und Tyrannen bei Nacht zu sein.