Matrix: die Realität hinterfragen

1. Januar 2019

Was ist die Matrix?“  Das ist die Frage, die sich Neo, der Protagonist des gleichnamigen Films, wiederholt stellt. Und um ehrlich zu sein, wenn wir Matrix  zum ersten Mal ansehen, stellen wir uns genau dieselbe Frage. Matrix  und seine beiden Fortsetzungen feierten weltweit Erfolge und es wurden unzählige Analysen dieser Filme angestellt. In der Tat wurden sie sogar von Lehrern verwendet, um ihrem Philosophieunterricht mit diesem Gedankenbeispiel zu ergänzen.

In diesem Artikel wollen wir über den ersten Film sprechen. Denn bei Teil 1 könnte es sich durchaus um den bedeutendsten und zugleich merkwürdigsten der drei Filme handeln. Es ist sehr schwierig, alle analysewürdigen Aspekte dieses Films in nur einem einzigen Artikel zusammenzufassen. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns auf das, was die Zuschauer nach dem Anschauen des Films fühlen mögen.

Unsere Reflexion beginnt mit den klassischen Fragen: Woher wissen wir, ob wir wach sind? Was ist real? Was nicht?  Ich bin mir sicher, dass auch du dich das schon gefragt hast, wenn du diesen Film jemals gesehen hast. Es ist natürlich auch möglich, dass du dir diese Fragen schon gestellt hattest, bevor du Matrix  gesehen hast. Viele von uns hatten einmal das Gefühl, nicht nach freiem Willen handeln zu können, ihre Entscheidungen nicht wirklich selbst zu treffen. Einige von uns haben vielleicht gedacht, dass ihre Handlungen vorbestimmt oder zumindest stark beeinflusst seien. Manchmal mögen wir sogar denken, dass wir manipuliert und kontrolliert würden und dass wir uns in einem Traum befänden. Die Matrix gibt eine Antwort auf alle diese Fragen. Sie ist wie ein zeitgenössischer Mythos, wie eine Lösung für die Dilemmata der Menschheit.

Neo in Aktion

Die technologischen Fortschritte, die sich bereits abzeichneten, haben uns zu Sklaven gemacht. Maschinen, die immer intelligenter werden, scheinen einen eigenen Willen erworben zu haben. Sie haben die Stufe der menschlichen Intelligenz erreicht und sogar noch übertroffen. Die Ressourcen sind jedoch knapp geworden und diese Maschinen müssen mit irgendetwas gespeist werden. Aus diesem Grund werden Menschen durch die Maschinen versklavt; die Menschheit wird zu einer simplen Nahrungsquelle.

Die Menschen sind gezwungen, in einem Traum zu leben, ein Leben lang zu schlafen, während sie mit Maschinen verbunden sind, die sich von ihnen ernähren. Einige Menschen jedoch haben es geschafft, in Sion zu widerstehen und zu leben. Sion ist die einzige freie Stadt, in der sie einen Zugang zur Matrix gefunden haben. Das Ziel ist es, mehr Menschen zu befreien und einen Kampf zu beginnen, um aus der Sklaverei zu entkommen

Dies ist eine dystopische und schreckliche Zukunft, die allerdings jeden Tag weniger absurd wird, eine Art Science-Fiction-Art Diskurs, der aber auch voller Kritik an der Realität ist. Er hat die Fähigkeit, unsere eigene Realität infrage zu stellen. Und genau das beginnt eben mit Fragen wie: Woher weiß ich, ob ich nicht in einem Traum lebe? Bin ich der Herrscher über meine Entscheidungen?

Was ist die Matrix?

Als erstes wollen wir versuchen, zu erklären, was die Matrix eigentlich ist. Morpheus selbst beantwortet uns diese Frage, denn er sagt: „Es ist die Welt, die vor deinen Augen platziert wurde, um die Wahrheit vor dir zu verbergen.“  Das bedeutet, dass die Matrix eine Lüge für unsere Sinne ist: Sie ist nicht wirklich, aber wir nehmen sie als wirklich wahr.

Platon sagte, dass unsere Sinne trügerisch und nicht zuverlässig seien. Diese Aussage belegte er mit dem Höhlengleichnis, das von Menschen handelt, deren Füße und Hände gefesselt sind und die sich in einer Höhle befinden. Hinter ihnen brennt ein Feuer und wirft ihre eigenen Schatten an die rückseitige Wand. Die Augen der Menschen sind dabei auf diese Schatten gerichtet. Sie sind ihre Realität, denn sie sind das Einzige, was sie sehen und folglich auch wissen können. Sie sind das Einzige, worauf sie Zugriff haben, was ihre Sinne wahrnehmen.

Wenn einer dieser Menschen entkommen könnte, hätte er Zugang zur realen Welt, zum Wissen. Zuerst würde das Licht seine Augen blenden, er hätte Schmerzen und müsste sich anpassen. Wenn er in die Höhle zurückkehrte und über das draußen vorhandene berichtete, würden seine Freunde wahrscheinlich denken, dass er lügen würde. Vielleicht würden sie versuchen, ihn zu töten. Seine Freunde kennen schließlich nur eine Realität und würden versuchen, ihre Überzeugungen zu schützen.

Dies erinnert uns an die Zeiten von Galilei und Kopernikus. In Matrix  hat Neo einen Verdacht, eine Idee, die er nicht aus dem Kopf bekommen kann. Genau wie in Alice im Wunderland  folgt Neo einem Hasen, der ihn in die Tiefe leitet. Neo jedoch soll nicht an einen fantastischen, unwirklichen Ort gelangen. Stattdessen soll er auf die reale Welt zugreifen können. Die Welt der Ideen, die schon Platon prophezeit hatte.

Die Titelfiguren aus der Matrix

Das Interessante an der Matrix ist die Art und Weise, wie sie auf die Realität reagiert. Sie benötigt weltliche Dinge wie beispielsweise Déjà-vus, denen ein Gefühl hinzugefügt wird. Diese werden dann an das vorgeschlagene System angepasst. Die Matrix ist eine Art virtuelle Realität, in der wir alle schlafen und die wir erleben, als wäre sie real.

In der heutigen Zeit können wir das anhand eines einfachen Beispiels ganz leicht nachvollziehen: Denke nur einmal an eine VR-Brille. Ist es nicht so, dass, wenn wir eine Virtual-Reality-Brille tragen, unsere Sinne alle Eindrücke als real interpretieren, obwohl wir doch genau wissen, dass dies nicht stimmt? Genau das passiert in der Matrix. Wir empfinden Gefühle als real und hören daher auf, zu fragen, ob wir wach seien oder nicht.

Andererseits erinnern die Fragen, die Neo nach seiner Erfahrung mit der Realität stellt, an René Descartes. Er löste das Problem, indem er über ein böses Genie sprach, das uns manipuliert und betrogen habe, genau wie die Maschinen in der Matrix. Descartes bezweifelte alles und die Matrix lässt uns ebenfalls an unseren Sinnen zweifeln.

All dies kann auch in Bezug zu Hilary Putnam gesetzt werden. Sie sprach über etwas Ähnliches wie das böse Genie. Woher wissen wir, dass wir nicht einfach nur Gehirne in Glasbehältern sind? Woher wissen wir, dass wir nicht in einem gemeinsamen Traum leben?  Diese von Putnam aufgeworfenen Fragen wurden auch in der Matrix thematisiert – die Realität als eine Erfahrung, die wir alle teilen, ohne zu merken, was wir da eigentlich genau erleben.

Sind wir frei?

Angenommen, wir würden in einem gemeinsamen Traum leben, würde das bedeuten, dass der Traum nicht einmal der unsere ist. Wir müssten uns fragen, ob das Schicksal wirklich existiert und ob unsere Handlungen tatsächlich von uns gesteuert werden. Diesbezüglich einer der interessantesten Charaktere im Film ist das Orakel. Es teilt Neo mit, dass er selbst entscheiden könne, dass er der einzige Herrscher über seine Entscheidungen sei. Das ist bemerkenswert und interessant, da es den Charakter des Orakels mit dem Schicksal verknüpft. Der Film dreht sich um Entscheidungen: rote oder blaue Pille, Wissen um die Wahrheit oder nicht. Einige Kritiker haben diese Freiheit der Wahl auch auf Sartres Existenzialismus bezogen.

Szene aus der Matrix: Rote oder blaue Pille?

Wenn das Schicksal nicht existiert und noch keine Entscheidung getroffen wurde, sind wir es dann, die mit unseren Entscheidungen unser eigenes Schicksal schaffen? Der Film beschreibt einerseits die Hypothese eines Schicksals, welches bereits feststeht. Gleichzeitig liefert der Film Argumente, die dem widersprechen. Dabei rückt das Orakel in den Mittelpunkt, ebenso wie Morpheus, der keine der vorherigen Hypothesen negiert. Morpheus glaubt an das Schicksal, aber er glaubt auch an die Entscheidungskraft.

Matrix  wirft auch die Themen Wissen und Glück auf. Wir sehen, dass die reale Welt, auf die die Figuren zugreifen, wenn sie die Simulation verlassen, keine gute Welt ist. Sie entdecken eine schreckliche Wahrheit und tauchen in eine Welt der Schatten ein. An diesem Punkt kann man sich fragen, ob Wissen wirklich gut sei und ob es wirklich zum Glück führe. Viele von uns betrachten schließlich das Glück als das ultimative Ziel.

Cypher ist der reuige Charakter des Films und er muss genau diese Entscheidung treffen. Er wollte die Wahrheit erfahren und als er endlich dazu kommt, entscheidet er sich, in die unwirkliche Welt zurückzukehren. Er will die Fantasie zurück und die Realität einfach ignorieren. Cypher zieht es vor, ein Leben in Unwissenheit zu führen, als die schreckliche Wahrheit zu kennen.

Die Menge an philosophischen Fragen, die der Film Matrix  aufwirft, ist erstaunlich. Er macht aus uns Zuschauern Richter auf Zeit. Darüber hinaus werden wir unsere eigenen Entscheidungen, unser Glück und die Welt, die uns umgibt, infrage stellen, wenn wir uns mit der Matrix beschäftigen. Zweifellos ist Matrix  ein Film, der es uns erlaubt, unseren Geist zu öffnen und die Realität zu hinterfragen.

„Was ist real? Wie definierst du echt? Wenn du davon sprichst, was du fühlen kannst, was du riechen kannst, was du schmecken und sehen kannst, dann sind es im Grunde genommen elektrische Signale, die von deinem Gehirn interpretiert werden.“

Morpheus