Das Unbewusste deckt Lügen auf

· 28. November 2018

Eines der großen Paradoxa des Menschen ist, dass ein großer Teil seiner Weisheit nicht im Bewussten, sondern im Unbewussten liegt. Wir nennen diese immense Anhäufung von Wissen Intuition. Sie umfasst jenes Wissen, das verborgen, aber in uns ist. So sehr, dass die Wissenschaft beweisen konnte: Das Unbewusste deckt Lügen auf.

Selbst wenn wir es auf bewusster Ebene nicht bemerken, verfügen wir über eine Art internen Lügendetektor. Dieser ist in der Lage, die Signale zu identifizieren, die im Verhalten von Menschen, die lügen, mitschwingen. Also entdecken wir, ohne es zu erkennen, dass sie versuchen, uns zu täuschen.

„Wenn du die Wahrheit sagst, musst du dich an nichts erinnern.“

Mark Twain

Nun, warum lassen wir uns manchmal täuschen? Das Unbewusste deckt Lügen auf, allerdings achten wir nicht immer auf die intuitiven Impulse, die es uns offenbart. Und so seltsam es auch erscheinen mag, bei manchen Gelegenheiten ziehen wir die Täuschung vor.

Es gibt keine perfekte Lüge

Nehmen wir an, jemand mache sich auf den Weg, die perfekte Lüge zu erzählen. Um dies zu erreichen, müsste er zunächst eine sorgfältig strukturierte Geschichte entwickeln. Jedes Stück der Lüge müsste perfekt zu den übrigen passen und als Ganzes müssten glaubwürdig sein. Außerdem müsste er diese Version mit dem abstimmen, was er später noch sagen möchte. Der Aufwand wäre enorm.

Profil in Grau und Blau

Selbst wenn es ihm gelänge, eine ganze Geschichte aufzubauen, die kohärent und stimmig ist, würde das aber nicht ausreichen. Er müsste auch seine Körpersprache perfekt beherrschen. Er dürfte nicht zögern oder Signale senden, dass er etwas verheimliche. Sein Blick sollte fest bleiben, seine Pupillen ruhig, seine Hände in einer entspannten Position.

Perfekt zu lügen ist eine übermenschliche Leistung. Es mag ein oder zwei Menschen auf dem Planeten geben, die das können, aber für Normalsterbliche ist es eine unmögliche Mission. Genau deshalb deckt das Unbewusste Lügen auf. In Sekundenbruchteilen identifiziert und interpretiert es jene Zeichen, die über Worte hinausgehen. Das macht es möglich, die Täuschung wahrzunehmen.

Das Unbewusste deckt Lügen auf – ein Experiment

Unsere Aussage, das Unbewusste decke Lügen auf, hat die Association for Psychological Science  in einer Untersuchung überprüft. Die Ergebnisse der Studie erschienen in der renommierten Zeitschrift Psychological Science  und lassen keinen Zweifel aufkommen. Das Erste, was die Forscher angeben, ist, dass die meisten Menschen sehr schlecht darin sind, Täuschungen bewusst zu erkennen. Mehr als die Hälfte bemerke es nicht, wenn sie angelogen werden.

Frau vor zwei Gesichtern

Die Forscher vermuteten jedoch, dass das Unbewusste Lügen aufzudecken vermag, auch wenn die Person nicht erkannte oder nicht berücksichtigte, was diese tiefen Bereiche ihres Geistes ihr mitteilten. Um dies zu beweisen, wandten sie sich an eine Gruppe von 72 Freiwilligen. Ihnen wurde ein Video gezeigt, in dem Menschen zu sehen waren, die 100 Dollar gestohlen hatten, zusammen mit anderen, die es nicht getan hatten.

Jede Person gab Erklärungen ab und die Teilnehmer mussten entscheiden, ob sie sich des Diebstahls schuldig gemacht hatte oder nicht. Nur 43 % der Befragten lagen überwiegend richtig. Doch die Forscher gingen weiter. Sie maßen ihre unbewussten Reaktionen auf jede der Personen im Video. So konnten sie beweisen, dass die große Mehrheit in der Lage war, die Schuldigen mit Worten wie „Unehrlichkeit“ in Verbindung zu bringen und umgekehrt, auch wenn sich das nicht in ihrer schlussendlichen Einschätzung widerspiegelte.

Warum dieses Paradoxon?

Bislang konnte nicht genau festgestellt werden, warum es einen so starken Kontrast zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten gibt, was die Fähigkeit betrifft, Täuschungen zu erfassen. Anscheinend hat es damit zu tun, dass wir dazu neigen, intellektuellen Vorgaben mehr Glauben zu schenken als intuitiven. Wir hören die Stimme der Vernunft, aber wir sind taub gegenüber den Schreien des Instinkts.

Ebenso ist bekannt, dass es Situationen gibt, in denen das Opfer einer Täuschung selbst bei dieser mitmachen möchte. Ein typischer Fall tritt bei Episoden der Untreue auf. Die Betrogenen sagen oft, sie wären „die letzten gewesen, die es erfahren haben“. Bei der sorgfältigen Untersuchung dieser Art von Situationen stellt sich aber meist heraus, dass es zahlreiche Hinweise auf die Untreue gab, die das Opfer nicht wahrnehmen wollte. In solchen Fällen deckt das Unbewusste die Lügen auf, aber das Bewusstsein weigert sich, die Beweise anzuerkennen, um eine schmerzhafte Erfahrung zu vermeiden.

Steg am See vor offenen Augen

All dies führt uns zu der Annahme, dass es vielleicht eine gute Idee ist, auf die Botschaften unserer Intuition zu hören. Von der Überzeugung abzulassen, dass nur in unserer Vernunft die Quellen der Wahrheit lägen. Wir sind nicht nur Vernunft oder Herz, sondern auch Intuition. Und dort wohnt ein bedeutender Reichtum an Weisheit.