Untreue: Wenn die Liebe aufhört, monogam zu sein

· 13. August 2018

Viele Paare einigen sich, treu zu sein. Sie versprechen sich, einander zu lieben und ihre gegenseitigen Schwüre zu ehren. Und wenn einer der Partner diese Vereinbarung dann bricht, haben wir es mit Untreue zu tun. Er versteckt seine Untreue normalerweise, weil er weiß, was sie bedeutet. Er ist sich bewusst, dass der Treuebruch Folgen haben kann, selbst wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt wird. Gleichzeitig fühlt sich das Opfer der Untreue auf zwei Ebenen betrogen: auf persönlicher und Beziehungsebene.

Untreue bedeutet nicht unbedingt, Sex mit jemand anderem zu haben. Es gibt auch Untreue hinsichtlich von Gefühlen oder eine Kombination aus beiden. Auf jeden Fall untergräbt Untreue das gegenseitige Vertrauen. Das ist ein ernsthaftes Problem, weil Vertrauen die Grundlage jeder gesunden Beziehung ist.

Untreue ist auch so ein Thema, in dem die Unterschiede zwischen Männern und Frauen deutlich werden. Mehrere wissenschaftliche Studien haben bestätigt, dass Männer sich durch die Untreue der Partnerin stärker verletzt fühlen als Frauen. Andererseits empfinden Frauen emotionale Untreue verstärkt als kränkend. Diese Zahlen sind aber nur ein Durchschnitt – natürlich kann das im Einzelfall anders sein.

Was sind die Ursachen für Untreue?

Der Funken, der die Flamme der Untreue entfacht, kann aus verschiedenen Richtungen kommen. Auf der persönlichen Ebene sind diese Aspekte mögliche Trigger, die eine Person zur Untreue verleiten können:

  • Sexuelle Anziehung
  • Erfüllung sexueller, emotionaler undoder gesellschaftlicher Bedürfnisse
  • Einer unerfüllten Beziehung entfliehen
  • Der Drang, dem eigenen Jagdtrieb zu folgen oder in der Beziehung die Oberhand zu haben
  • Zwanghaftes Verhalten oder eine Sexsucht
  • Rache

Andere Ursache sind systemischer Natur. Anders ausgedrückt, diese haben mit der Beziehung an sich zu tun. Zum Beispiel könnte Untreue als Symptom eines Beziehungsproblems entstehen oder den Wunsch nach größerer Intimität ausdrücken. Außerdem kann auch das Gegenteil zutreffen – dass ein Partner dann betrügt, wenn er spürt, dass der andere sich mehr Intimität wünscht.

Eine Frau umarmt ihren Partner, blickt dabei aber misstrauisch.

Wie fühlt es sich an, betrogen zu werden?

Wenn unser Partner uns betrügt, verspüren wir möglicherweise eine Mischung von Gefühlen. Unsere Reaktion hängt ganz von unseren Erfahrungen, unserer Persönlichkeit, der Art der Untreue, der Art der Beziehung und dem gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang ab. Zu den häufigsten Reaktionen gehören:

  • Wut
  • Gefühle von Verlassensein und Zurückweisung
  • Gefühle von Machtlosigkeit und Kontrollverlust
  • Verlust des Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins – das Gefühl, als Partner wertlos zu sein
  • Vertrauensverlust
  • Posttraumatischer Stress

Und warum das alles?

Evolutionstheorien helfen uns, besser zu verstehen, warum Menschen untreu werden. Der Grund ist, dass Monogamie ein soziokulturelles Konzept ist. Heutzutage gibt bereits zahlreiche nicht-monogame Beziehungen. Genau wie monogame Beziehungen folgen diese ihren eigenen Vereinbarungen und moralischen Standards.

Wir alle setzen langfristige Reproduktionsstrategien ein, die viel mit Monogamie zu tun haben (Kompatibilität, Sicherheit, Bequemlichkeit …). Kurzfristig denken wir aber an Leidenschaft, Neuheit, Risiko. Aus diesem Grund gibt es wahrscheinlich sehr viel mehr Leute, die schon einmal an Untreue gedacht haben, als Leute, die tatsächlich untreu waren. 

Ein Paar sitzt mit dem Rücken zueinander auf dem Bett und schweigt.

Das Dilemma zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Bedürfnis nach Neuheit und Leidenschaft ist sehr menschlich. In dieser Zwickmühle treffen manche Menschen eine Wahl, die sie sonst nicht so treffen würden. Von einem anthropologischen und evolutionärem Standpunkt aus tendieren Männer eher zu Untreue. Der Grund dafür ist, dass verschiedene Geschlechtspartner die eigenen Reproduktionschancen steigern und die Zeugung von Nachwuchs sicherstellen. 

Untreue ist eine Kreuzung, von der viele verschiedene Wege abgehen. Viele dieser Wege führen zu Vergebung. Das Bedürfnis, zu vergeben und Vergebung zu erhalten, ist sehr häufig. Zusätzlich geht es nicht nur darum, die Beziehung wiederherzustellen, sondern auch darum, das eigene Selbstbild neu aufzubauen. Niemand sieht sich selbst gern als untreue Person. Wir wollen von uns selbst nicht glauben, dass wir nicht vertrauenswürdig seien und dass wir uns von unseren Leidenschaften und unserem Instinkt kontrollieren lassen.

Vergebung ist in vielen Fällen der erste Schritt, um die Beziehung zu kitten. Wenn jemand sich hintergangen fühlt, dann ist Vergebung die Grundlage, auf der das Paar seine Beziehung neu gestalten kann. Vergebung ist auch die Basis, um Vertrauen, Respekt – und vielleicht sogar die Liebe – erneut zu entdecken. Andererseits wird Vergebung oft mit „seltsamen“ Ideen oder Mythen assoziiert, was verwirrend sein kann. Ins Reich der Mythen gehören die folgenden Sätze:

  • Vergebung sei immer gut.
  • Sie zeigt, dass du ein guter Mensch bist.
  • Oder auch: Verzeihen sei eine einmalige Sache.
  • Vergebung beseitige Konflikte.
  • Vergeben heiße Vergessen.
  • Vergeben bedeutet, zuzugeben, dass deine eigenen Gefühle nicht angebracht oder gerechtfertigt gewesen seien.
  • Verzeihen bedeute nicht, dass du etwas zurückverlangen darfst.

Vergebung bedeutet im Gegenteil, anzuerkennen, was passiert ist. Es handelt sich dabei um einen Prozess, der das Ereignis in deine Geschichte integriert. Es ist auch ein Vorgang, während dessen die Wunde aufhört, ständig wehzutun. Manchmal bleiben Spätfolgen in Form einer Narbe zurück. Deshalb ist die Situation nie perfekt, selbst wenn ein Paar wieder zusammenkommt und einander vertraut. Bestimmte Dinge werden die beiden immer an die Untreue erinnern. Um solche Momente zu überwinden, braucht es große Stärke und Entschlossenheit.

Abschließend sei gesagt, dass Untreue vergeben, normalisiert oder ignoriert werden kann. Jeder Mensch geht auf eine andere Weise damit um. Aber die beste Wahl ist immer die, die es uns erlaubt, unser Leben weiterzuleben.