5 Lügen, die wir gern glauben

· 7. Juli 2017

So schrecklich sie sein mögen, Lügen haben doch immer auch etwas Attraktives und Verführerisches an sich. Manche Lügen treffen uns so sehr, dass wir unglaublich enttäuscht sind, aber mit vielen geschieht auch das genaue Gegenteil: Sie geben uns Hoffnung – denn Enttäuschung und Hoffnung liegen eng beieinander – und motivieren uns.

Nicht alle sind von dieser Art, aber viele. Das sind die Lügen, die wir uns selbst beibringen oder die andere uns erzählen und die wir gern glauben, weil das, was sie beinhalten, besser zu unseren Wünschen passt oder uns die Welt auf eine Weise sehen lässt, die eher unseren Vorstellungen entspricht.

„Wer eine Lüge erzählt, ist sich nicht darüber klar, welch große Aufgabe er sich zumutet – denn er ist nun gezwungen, zwanzig weitere zu erfinden, um sie aufrechtzuerhalten.“

Alexander Pope

Nicht ohne Grund sagte ein Meister des Lügens einst: „Je größer die Lüge, desto mehr Menschen werden sie glauben.“  Tatsächlich wissen wir manchmal genau, dass etwas nicht stimmt und bemühen uns trotzdem, die Aussage zu unterstützen, selbst wenn schon das Gegenteil bewiesen wurde.

Als Beispiele führen wir nun einige dieser Lügen auf, die wir gern glauben.

1. Wenn du vor Ärger explodierst, wirst du dich hinterher besser fühlen

Diese Vorstellung ist weitverbreitet. Man sagt, dass Ärger giftig für uns sei und dass die beste Methode, negative Konsequenzen zu vermeiden, darin läge, ihm freien Lauf zu lassen. Angeblich wirst du dich sehr erleichtert und friedlich fühlen, wenn du erst einmal geschrien, etwas Zerbrechliches an der Wand zerschmettert und ausnahmslos alles, was dir gerade durch den Kopf geht, ausgesprochen hast.

Das ist völlig falsch. Ärger macht süchtig und ihn unkontrolliert zum Ausdruck zu bringen lässt uns in einen Kreislauf eintreten, der ihn bloß noch weiter nährt. Das heißt, wenn du nicht lernst, deinen Ärger unter Kontrolle zu bringen, wirst du ihn immer häufiger und immer stärker spüren, was deine Selbstkontrolle noch weiter beschränkt. Es beginnt vielleicht mit dem Schreien, kann aber über kurz oder lang dazu führen, dass man im Krankenhaus landet. Ärger löst sich durch Entspannung, nicht durch unkontrollierte Explosionen.

2. Ein gesundes Selbstbewusstsein garantiert den Erfolg

Selbstbewusstsein ist ein Begriff, der in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Es stimmt, dass Menschen, die eine positive Meinung über sich selbst haben, in sozialen Situationen weniger leiden und weniger Energie in nutzloser Angst verschwenden.

Über ein gesundes Selbstbewusstsein zu verfügen, führt jedoch nicht automatisch zum Erfolg. Auch führt ein geringes oder überzogenes Selbstwertgefühl nicht zwingend zum Misserfolg. Die Geschichte ist voller großartiger Männer und Frauen, die stets an sich selbst zweifelten und doch wichtige Beiträge geleistet haben. Es ist möglich, dass ein gesundes Selbstbewusstsein die bessere Voraussetzung für eine gute Anpassungsfähigkeit darstellt und man je nach Einstellung zu sich selbst mehr oder weniger Interesse daran hat, Fragen zu stellen und sich Sorgen zu machen, aber hier spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle.

3. Er war die Liebe meines Lebens

Die „Liebe des Lebens“ ist ein weitere Mythos, an den viele Menschen gern glauben. Sie ist eine dieser Lügen, die uns tröstet oder zu einer hoffnungsvollen Perspektive auf die romantische Welt verhilft. Es stimmt nicht, dass es eine Liebe gibt, die uns vollständig erfüllt und die deshalb die Liebe unseres Lebens ist.

Jede Zusage, die wir machen, bedeutet auch eine Reihe von Ablehnungen. Wenn du einen Beruf wählst, lässt du viele andere Jobs beiseite, für die du vielleicht Talent besessen hättest. Wenn du dich auf ewig für einen Partner entscheidest, weist du viele andere Menschen zurück, mit denen du vielleicht genauso glücklich, wenn nicht gar glücklicher, werden könntest.

Man kann sagen, dass keine Liebe perfekt ist. Eine Liebe deckt vielleicht etwas ab, das eine andere nicht abdecken konnte, aber es wird sich ebenfalls zeigen, in welchen Bereichen diese andere Liebe ihr überlegen war.

4. Du kannst alles erreichen, was du dir vornimmst

Die Realität des Lebens ist, dass wir nicht immer erreichen, was wir uns vornehmen, auch wenn wir große Anstrengungen unternehmen oder viel Zeit investieren. Wir können mit maximalem Einsatz, mit Herz und Seele an der Realisierung eines Traumes arbeiten, aber wir werden ihn nicht immer umsetzen können.

Manchmal setzen wir unsere Ziele auf unangemessene Weise. Wir nehmen uns etwas vor, das kaum zu erreichen ist. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, auch wenn wir das noch so gern möchten. Die Realität schreibt uns vor, dass wir keine olympische Medaille in Gymnastik gewinnen können, wenn wir schon ein bestimmtes Alter erreicht und nie geturnt haben.

Die Tatsache zu akzeptieren, dass es Herausforderungen gibt, die zu groß für uns sind, bedeutet nicht, dass es keine Hoffnung gibt, andere Ziele zu erreichen und sogar noch Freude an der Anstrengung zu haben, an Zwischenziele zu gelangen.

5. Alles geschieht aus einem bestimmten Grund

Für eine rationale Gesellschaft ist es schwierig, hinzunehmen, dass es Fragen gibt, für die wir keine Antwort haben, und dass wir die genaue Ursache mancher Dinge niemals erfahren werden. Zu sagen, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht, ist eine der beliebtesten Lügen, die wir uns selbst erzählen, weil sie uns das Gefühl gibt, die Realität an sich sei logisch. So erscheint alles unter Kontrolle.

Die Wahrheit ist, dass der Grund oder die Bedeutung für gewisse Dinge etwas ist, das jeder Mensch für sich bestimmt oder das in Abhängigkeit von unseren Gefühlen und Überzeugungen variabel sit. Nichts hat einen Grund an sich, sondern Menschen und Kulturen definieren Ursachen und liefern Erklärungen, die ihren Wünschen oder den Prinzipien, nach denen sie leben, entsprechen.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Helene del Maire and Henrietta Harris