Wut kann die Kontrolle über deine Gedanken übernehmen

28. Dezember 2016 en Psychologie 180 Geteilt

Wut ist eine kraftvolle Emotion, die deine Gedanken, Worte und Handlungen unter ihre Kontrolle bringen kann. Sie ist eine Verteidigungswaffe, die, wenn unangemessen eingesetzt, sich gegen dich richten und eine Menge Schaden verursachen kann.

Wir alle haben viele Male bereits erfahren müssen, dass wir diesen Gefühlszustand nicht verhindern können. Wut ist wie eine Rüstung mit uns herangewachsen, welche wir anwenden, sobald wir Ungerechtigkeiten wahrnehmen. Wenn ein Kind beispielsweise eindringlich klagt und darauf beharrt, dass sein Geschwisterchen ihm sein Spielzeug weggenommen hat, kann es auf diese Weise die Wichtigkeit dieses Vorfalls geltend machen und verhindern, dass seine Position untergraben wird. Das Problem entsteht dann, wenn das Kind sich in dem Wutanfall verliert und sich darüber hinaus nicht mehr bewegen kann.

Mit anderen Worten, wenn du in dem Gedanken „er hat mir mein Spielzeug weggenommen“  stecken bleibst, wird dein kognitives System in einer Spirale von negativen Gedanken und Gefühlen gefangen genommen. Infolgedessen kannst du nicht mehr vorankommen.

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Die Verwundbarkeit, die sich hinter der Wut verbirgt

Wir vermeiden es, unsere Wut in der Öffentlichkeit zu zeigen, denn das würde ein schlechtes Bild auf uns als Person werfen. Wir hüten uns davor, vor anderen unseren Ärger zu offenbaren. Daher neigen wir dazu, unsere Wut nur zu Hause und bei jenen Menschen, dir wir gut kennen, zu zeigen. Denn wir glauben, dass sie nicht über uns urteilen werden.

Ein unangebrachter Umgang mit Wut wird von der Gesellschaft nicht gutgeheißen bzw. akzeptiert. Jedoch, wie zuvor bereits angemerkt, kann der Ausdruck deiner Gefühle dir Klarheit darüber verschaffen, was dich stört. Er gewährt dir, dich selbst zu analysieren und eine Balance zu finden.

Der primäre Grund, warum wir den Ausdruck von Wut maßregeln, liegt darin, dass wir ihn mit Rage und Zorn verwechseln oder mit einem exzessiven und unkontrollierten Verhalten, um auszudrücken, was uns verärgert. Anders gesagt, wir setzen explodierendes und schreiendes Verhalten gleich mit Missmut.

Wut ist nicht das gleiche wie Zorn. Letzterer ist eine Reaktion auf einen misslungenen Umgang mit Wut. Du erzeugst einen kompletten Strand aus einem einzelnen Sandkorn, wenn du in deiner Wut zu lange verharrst. Und genau dann passiert es, dass du die Fassung verlierst.

Wenn du jene Dinge, die dich wurmen und dir Missmut bereiten, nicht anerkennst und ihnen keinen Ausdruck verleihst, verwandeln sie sich in ein mächtiges Gemisch aus Emotionen, die die Kontrolle über deinen Geist, Verstand und Körper übernehmen.

Warum? Weil du einem einzelnen Vorfall deinen kompletten Fokus an Aufmerksamkeit einräumst, bis er sich zu einem Schneeball aus Emotionen zusammenballt, der größer und schneller wird, bis er sich verselbstständigt und unkontrollierbar wird.

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Verstehen und ausdrücken sind die ersten Schritte, um sich zu beruhigen

Sich seiner Empfindungen und Emotionen bewusst zu werden, ist ein erster Schritt, seine Gemütszustände in den Griff zu bekommen und sich aus ihnen einen Nutzen zu verschaffen, anstatt Schaden zu nehmen. Du kannst der Wut ein Ende bereiten, indem du dich von einem Großteil deiner emotionalen Last befreist, welche deine negative Stimmung antreibt und deine Balance gefährdet.

Zurück zu unserem Beispiel von dem Kind, dessen Spielzeug weggenommen wurde: Es ist durchaus legitim und förderlich, auf normale und adaptive Weise, Gerechtigkeit mittels Protest und Petition zu erlangen sowie die Freiheit zurückzuerobern, die bedroht wurde. Wenn Wut allerdings aus einer physiologischen oder psychologischen Bedrohung entsteht, ist es wichtig, diese Gefühle und Emotionen zu nutzen und Taten folgen zu lassen. Andernfalls nehmen jene Gedanken und Handlungen überhand, die primär Negativität ankurbeln, anstatt das Problem zu lösen.

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Die Anatomie eines emotional wütenden Gehirns

Wenn du eine Ungerechtigkeit wahrnimmst, die gegen dich oder etwas gerichtet wird, was für dich von Bedeutung ist, empfängt das limbische System (die Amygdala und angrenzende Strukturen) eine Art Funken, der das Getriebe in Gang setzt. Mit anderen Worten, es aktiviert das Nervensystem, um Körper und Geist für eine Handlung vorzubereiten. Der Neokortex ist für die Berechnung und Vorbereitung einer für die Situation geeigneten Reaktion verantwortlich.

Das limbische System setzt Katecholamine frei, die uns dabei helfen, rasch und entschieden zu reagieren. In diesen Momenten, bei einer hohen Aktivierung, fühlst du dich, als ob du Feuer gefangen hättest. Deine Wangen werden warm, deine Knöchel werden weiß und dein Verstand rast unbeschreiblich schnell.

In der Zwischenzeit gibt die Nebenniere Adrenalin – ebenfalls ein Katecholamin – frei, welches uns auf länger andauernde Aktivitäten vorbereitet. Die daraus entstehende Überempfindlichkeit kann den Geist dazu bringen, die Spirale der negativen Gedanken zu nähren.

Aus diesem Grund kannst du bereits wegen einer Kleinigkeit an die Decke gehen. Dieses Verhalten resultiert in einer weiteren kognitive Beeinträchtigung bzw. in Unfähigkeit, weil du nicht vernünftig urteilen kannst. Schlussendlich führt das dahin, dass du jene Gedanken unterbewertest, die eine Zuspitzung der Wut entschleunigen könnten.

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Emotionale Distanz ist notwendig, um die Wut zu besänftigen

Der Schlüssel, um mit Wut angemessen umgehen zu können, ist, die Aufregung zu mildern. Das kann auf zwei Arten geschehen:

  • Distanziere dich emotional und physisch von der Situation, um zu verhindern, dass Adrenalin Kontrolle über dich gewinnt und deine Reizbarkeit weiterhin nährt.
  • Unterbinde deinen inneren Dialog, oder anders formuliert, lenke dich selbst ab, um so den Gedanken, die deinen Verstand kontrollieren, die Priorität zu nehmen.

Deswegen sagen wir, dass Wut eine Emotion ist, die unsere Gedanken verführt; sie überzeugt dich, dass das, was dich wütend macht, die Quelle allen Übels ist.

Eine Aneinanderreihung feindlich gesinnter Gedanken mündet in einer Kette von Wut, die wächst und sich schlussendlich in Zorn und Rage transformiert. Aber wenn du manche dieser Ketten aus kategorischen Gedankengängen infrage stellst, kannst du jene Bilder in deinem Kopf beruhigen, die ein solch übertriebenes Dilemma begünstigen.

Nach und nach, wenn du aufhörst, Holz in das brennende Feuer zu werfen, wird es allmählich schwinden und du kannst die Situation ohne diese Ketten, die dich zuvor kontrollierten, betrachten. Das ist der erste Schritt zum emotionalen Wohlbefinden.

Weiterführende Literatur: Goleman, D. und Griese, F.  EQ. Emotionale Intelligenz.  1997.

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