Unser Leben ist mit mehr Fantasie gefüllt als mit Realität

· 28. Mai 2018

Wenn wir über Fantasie sprechen, denken wohl die meisten von uns an etwas, das weit von der alltäglichen Realität entfernt ist. Wir nehmen an, dass Fantasie mit ungewöhnlichen Ereignissen verbunden sein müsse. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir es in unserem täglichen Leben mit jeder Menge Fantasie zu tun haben.

Sind wir also in Fantasien versunken? Streng genommen basiert vieles von dem, was wir tun oder nicht tun, eher auf imaginären Gründen als auf realen. Wenn wir fragen, warum wir so und nicht anders leben, geben wir Argumente an, die mehr auf unserer Fantasie gründen als auf dem wirklichen Leben.

„Der beste Freund und der schlimmste Feind der Seele ist die Fantasie.“

Arturo Graf

Kreative Fantasien

Manche Fantasien sind kreativ. Es sind diejenigen, die vom Gewöhnlichen abweichen und sich dem Außergewöhnlichen zuwenden. Es gibt jedoch auch unkreative Fantasien. Sie sind das, was wir andere sagen hören und dann wiederholen, als wäre es wahr. Sie sind in der Kultur verwurzelt und werden deshalb als Wahrheiten präsentiert, auch wenn sie es nicht sind.

Wir haben kein objektives Bild von uns selbst und der Welt um uns herum und sollten es auch nicht haben müssen. Vieles von dem, was unsere Ideen ausmacht, ist beeinflusst von Fantasien, die wir erlernt und die wir selbst aufgebaut haben.

Das Gute ist, dass alles, was fantastisch ist, auch plastisch ist – es kann geformt, transformiert und verändert werden. Es unterliegt nicht den unerbittlichen Gesetzen der Realität.

Wundervolle Fantasien

Manche Fantasien helfen, den Wunsch zu leben und zu wachsen, zu nähren. Ein Beispiel dafür ist die Überzeugung, dass wir etwas verdienen und dass immer etwas Gutes in unser Leben kommen wird. Diese werden als Optimismus, Ausdauer und Belastbarkeit interpretiert.

Frau in einer Unterwasserwelt

Das Paradoxe ist, dass diese Fantasien, obwohl sie nicht auf objektiven Parametern gründen, Realität werden können. Sie werden als unbewiesene Überzeugungen geboren, aber sie füllen die Person derart aus, dass sie sich selbst mehr respektieren und das Beste aus jeder Situation machen kann.

Jede große menschliche Leistung begann als ein fantastischer Traum. Niemals umgekehrt, wie in der Wissenschaft. Wir sammeln nicht zuerst Daten, um eine Aussage zu treffen, sondern treffen zuerst Aussagen und liefern dann die Beweise nach. Deshalb sagt man, dass wir so weit gehen können, wie es unsere Träume zulassen.

Schreckliche Fantasien

Das Gegenteil kann ebenfalls eintreten. Wir Menschen sind in der Lage, echte Albträume zu schaffen, die nur in unserer Vorstellung existieren. Wir nehmen an, dass es uns schlecht ergehen werde, und selbst wenn es einmal gut läuft, sind wir davon überzeugt, dass unser Glück nicht andauern könne. Wir denken, dass wir nichts Gutes verdienen und am Ende verzichten wir auf die Möglichkeit, die Umstände für uns selbst zu verbessern.

Einige dieser schrecklichen Fantasien gehen noch weiter. Manchmal drücken sie sich als intensive Wahnvorstellungen aus. Eine eingebildete Schuld kann uns dazu bringen, auf eine imaginäre Menschenjagd zu gehen. Die Angst vor dem Fallen bringt uns zum Stolpern. Eifersucht sät die Saat der Untreue in anderen.

Frau im Wald fühlt sich verfolgt

Es gibt Fälle, in denen die Fantasie invasiv wird und die Kontrolle übernimmt. Wir können uns davon überzeugen, dass wir niemals aufwachen werden, wenn wir einmal einschlafen. Oder uns einreden, dass unser Körperfettgehalt viel zu hoch sei und nichts mehr essen. Wir können uns sogar vorstellen, dass unser Leben nichts wert sei, dass es keinen Sinn habe und bewusst oder unbewusst darauf hinarbeiten, zu sterben.

Die Grenze der Fantasie

Menschen sind fantasievolle Tiere. Wir sind von Geburt an von Fantasien berührt und beeinflusst. Wir sind in erster Linie die Fantasie unserer Eltern, sei es eine glückliche, eine gefürchtete oder eine unerwartete. Die Bedeutung, die sie uns geben, macht unser Leben möglich. Wären sie nicht in Aktion getreten, wären wir niemals geboren worden. Sie haben eine Idee davon erschaffen, wie unser Leben auf diesem Planeten aussehen könnte. Und sie gaben dieser Idee Gestalt.

Fantasien sind menschlich. Wir stammen aus ihnen und wir gehen auf sie zu. Jede Hoffnung beinhaltet ein Element der Fantasie. Unsicherheit ist das Einzige, was real ist. Der Rest ist ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft.

Mann mit Kerzen im Fluss

Die Welt der Fantasie umfasst eine breite Palette von Farbtönen und Schattierungen. Sie reicht vom völlig Absurden zum Vernünftigen und Wahrscheinlichen. Um Kunst zu erschaffen, ist es gut, den Fantasien freien Lauf zu lassen. Um zu leben, ist es besser, im Rahmen dessen zu bleiben, was möglich ist. Aber vergessen wir nicht, dass wir unsere Fantasien immer neu gestalten können, sodass sie zum Antrieb des Guten in unserem Leben und nicht des Bösen werden.