Wir kennen die Realität nur bruchstückhaft, unser Gehirn erledigt den Rest

17. September 2017 en Psychologie 147 Geteilt

Vielleicht hast du nie darüber nachgedacht, aber dein Gehirn setzt deine Realität aus Einzelteilen zusammen. Es empfängt Signale als Puzzleteile – ein paar für jeden Sinn – und hat den faszinierenden Job, diese zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, was wir dann Realität nennen. Dies ist eine ständige und fordernde Aufgabe, in der sich die Sinnesempfindungen mit Gedanken, Gefühle, Meinungen oder Erinnerungen vermischen.

Die Kapitel im Roman des Lebens

Vor einiger Zeit las ich eine wundervolle Geschichte, die so begann: “Ich kaufte einen Roman und mein Hund fraß den Anfang, das Ende und einige Dutzend Seiten aus der Mitte, bevor ich anfangen konnte, ihn zu lesen.”  Tatsächlich beobachten wir die uns umgebende Welt auf diese Weise, als wäre sie der Teil einer Geschichte, aus der unser Hund ein paar Kapitel herausgerissen hätte. Wir sind uns dessen aber nicht bewusst, weil unser Gehirn Lücken füllt und nicht schlüssige Übergänge schlüssig macht, damit die Geschichte am Ende für uns Sinn macht.

Die Geschichte ging so weiter: “Ohne meinen Hund dazu zu zwingen, über die Unangemessenheit seines Verhaltens nachzudenken, ohne ihm die Stelle mit dem Preisschild auf dem Buchrücken zu zeigen, begann ich, den angerichteten Schaden zu schätzen, und versuchte, zu retten, was zu retten war.“

Wie oben schon erwähnt, ist es sehr schwierig, den fehlenden Teil der Geschichte hinzuzufügen oder überhaupt erst einmal zu bemerken, dass Seiten fehlen, weil unser Gehirn die Lücken schließt. Die Wahrheit ist, dass wir diesbezüglich meist keinen guten Job machen und so die Geschichte unserer Welt anpassen.

Reelle von erfundenen Kapiteln zu unterscheiden, ist nur sehr schwer möglich, da unser Gehirn dem Prinzip von Ockhams Rasiermesser folgt und meist die bequemste, einfachste und angenehmste Hypothese als wahr annimmt.

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Geschehen Dinge, weil wir fehlende Kapitel durch das ersetzen, was wir vermissen?

In den meisten Fällen nicht. Wir haben ein ziemlich intelligentes Gehirn. Wenn wir zum Beispiel hören, dass jemand heute früh aufgestanden ist, werden wir annehmen, dass er vor 8 Uhr oder sogar noch viel früher aufgestanden ist.  Wenn uns auf der anderen Seite jemand sagt, dass der Kollege heute zu spät auf Arbeit kam und letzte und vorletzte Woche auch, dann führt das zur Annahme, dass der Kollege grundsätzlich nicht pünktlich sei oder vielleicht seinen Job nicht ernst nehme.

Das sind Beispiele für die Annahme der naheliegendsten Hypothese. Eine alternative Hypothese zu den Verspätungen des Kollegen könnte sein, dass dieser wirklich mit Problemen zu kämpfen hat, die ihn daran hindern, pünktlich zu sein. Das erscheint uns jedoch unwahrscheinlicher und wird nur selten in Betracht gezogen.

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Unser Gehirn schützt uns

Warum ist es so, dass die Hypothese, dass der Kollege ein Problem hat, uns so viel weniger wahrscheinlich erscheint? Weil die Annahme dieser Hypothese uns zwingen würden, eine Frage zu stellen. Wir könnten den Kollegen direkt fragen, aber haben wir genug Vertrauen in ihn und Interesse an ihm, um uns mit seinem Leben zu befassen? Wir können auch eine ihm nahestehende Person befragen, aber diese wird höchstwahrscheinlich die Augenbrauen hochziehen, annehmen, dass wir zu neugierig seien und uns Informationen geben, die uns möglicherweise noch mehr in die Irre führen.

Auf der anderen Seite, wenn der Kollege ein Problem hat und wir helfen könnten, warum sollten wir das dann nicht tun?

Hier endet unsere Geschichte. Es ist deine Aufgabe, deine eigene weiterzuschreiben.

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