Siegfried Bernfeld und die Sozialpädagogik

4. März 2019

Siegfried Bernfeld ist einer der Psychoanalytiker der ersten Generation, der mit der Zeit eine radikale linke Haltung einnahm. Bernfeld spielte damals eine wichtige Rolle für die Psychoanalyse, im Laufe der Zeit aber wurde er zu Unrecht übergangen. Seine Arbeit ist interessant und seine Beiträge sind für die Welt der Psychologie nach wie vor von großer Bedeutung.

Anna Freud sagte, dass Bernfeld eines jener „außergewöhnlichen Wesen“ gewesen wäre, die die Mitbegründer der Psychoanalyse gewesen seien. Selbst Sigmund Freud bezog sich in einem seiner Briefe auf ihn: „Er ist ein führender Experte für Psychoanalyse. Ich betrachte ihn als den vielleicht begabtesten meiner Schüler und Anhänger. Er verfügt darüber hinaus über überlegenes Wissen, ist ein begabter Redner und ein äußerst einflussreicher Lehrer. Insgesamt kann ich also nur das Beste über ihn sagen.“

„…der Kern der Bildung ist nicht die Pädagogik, sondern die Politik. Und die Ziele der Bildung werden weder von der Ethik noch von der Philosophie nach den allgemein gültigen Werten bestimmt, sondern von der vorherrschenden Klasse und den Zielen ihrer Macht.“

Siegfried Bernfeld

Bernfeld musste, wie seine Zeitgenossen, eine sozial und politisch sehr turbulente Zeit durchleben. Aus diesem Grund konzentrierte er seine Überlegungen zu einem bestimmten Zeitpunkt und angesichts der Verfolgung, der er als Jude ausgesetzt war, auf den sozialen Bereich. Die streng psychoanalytische Facette ließ er außer acht, um sich stärker mit kollektiven Phänomenen beschäftigen zu können, und zwar aus politischer Sicht.

Siegfried Bernfelds Anfänge

Siegfried Bernfeld war, wie viele andere Psychoanalytiker, jüdischer Herkunft. Er wurde 1892 in Lemberg (Ukraine) geboren. Seine Eltern waren erfolgreich im Textilhandel tätig. Bernfeld studierte aufgrund seines Interesses für die Natur Zoologie und Botanik. Dabei eignete er sich sehr solide biologische Kenntnisse an.

Schon als er noch sehr jung war, interessierte er sich für Pädagogik und Psychologie. Er war begeistert von den Erfolgen der Hypnose, die eine Innovation seiner Zeit war. Er übte sogar mit seinem jüngeren Bruder Hypnosetechniken. Er interessierte sich auch sehr für Maria Montessoris Theorien. Ebenso beschäftigte er sich intensiv mit der Psychoanalyse und war fasziniert von der Methode der freien Assoziation.

Im Alter von 22 Jahren heiratete er Anne Salomon, eine junge Medizinstudentin und begeisterte Anhängerin marxistischer Ideen. Sie nahm einen entscheidenden Einfluss auf sein Denken und Handeln. Nur drei Jahre nach ihrer Heirat organisierte sie bereits ein riesiges Treffen der zionistischen Jugendbewegung. Martin Buber hielt dort eine Rede, die große Berühmtheit erlangte.

Kopf aus bunten Holzsteinen geformt

Soziales Wirken und die Psychoanalyse

Motiviert durch seine politische Tätigkeit gründete Siegfried Bernfeld eine Institution, die jüdische Kinder, die während des Ersten Weltkriegs zu Waisenkindern geworden waren, ein neues Zuhause schenkte. Sein Ziel war es, sie auf die Auswanderung nach Israel vorzubereiten. Insgesamt wurden 145 Schützlinge aufgenommen, von denen viele unter schweren Traumata litten. Dadurch wurde sein Interesse für die Psychoanalyse noch größer.

Bald darauf traf er Sigmund Freud persönlich und wurde Teil des psychoanalytischen Kreises. Schließlich eröffnete er 1922 eine Praxis in Wien (Österreich). Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits mit Anna Freud angefreundet und galt als einer der vielversprechenden Psychoanalytiker der neuen psychoanalytischen Bewegung. Zusammen mit Anna und anderen Psychoanalytikern der damaligen Zeit gründete er eine Gruppe, die sich der Unterstützung obdachloser Kinder annahm.

Ein weiteres Interesse dieser Gruppe war es, psychoanalytische Fragen auf den sozialen Bereich auszudehnen. Siegfried Bernfeld veröffentlichte 1925 seine ersten beiden Werke, die er der Sozialpädagogik widmete. Eines konzentrierte sich auf die Adoleszenz und das zweite auf deutsche pädagogische Methoden, die er für einen Nährboden für ein diktatorisches Regime hielt.

Bernfelds letzte Jahre

Siegfried Bernfeld heiratete dreimal und hatte in mehreren europäischen Ländern gelebt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. 1934 emigrierte er mit seiner dritten Frau nach San Francisco (USA). Im Gegensatz zu anderen Psychoanalytikern war Bernfeld allerdings nie von der „Psychologie des eigenen Seins“ überzeugt, die in Nordamerika auf dem Vormarsch war.

Schwarz-Weiß-Zeichnung von Bernfeld

Vielleicht hat ihn die Nostalgie um seine Herkunft, gepaart mit seiner großen intellektuellen Neugierde, zu einem der wichtigsten Biografen Freuds gemacht. Obwohl er nicht als „Urheber“ gilt, wurden seine Artikel zu diesem Thema von Ernest Jones aufgegriffen, den Anna Freud als autorisierten Biografen ihres Vaters ansah.

Siegfried Bernfeld hinterließ interessante Essays, in denen er die Prinzipien der Psychoanalyse und der Sozialpädagogik miteinander verbindet. Seine Werke auf dem Gebiet der Jugendpsychologie sind ebenso bemerkenswert. Er gründete die erste psychoanalytische Gesellschaft in San Francisco. Viele erinnern sich an ihn als zwanghaften Tabakkonsumenten, Liebhaber schöner Frauen und ehrlichen Psychoanalytiker.

  • Bernfeld, S. (1944). Freud’s earliest theories and the school of Helmholtz. The Psychoanalytic Quarterly13(3), 341-362.
  • Bernfeld, S. (1962). On psychoanalytic training. The psychoanalytic quarterly31(4), 453-482.
  • Bernfeld, S. (2013). The psychology of the infant. Routledge.
  • Bernfeld, S. (1938). Types of adolescence. The Psychoanalytic Quarterly7(2), 243-253.
  • Bernfeld, S. (1941). The facts of observation in psychoanalysis. The Journal of Psychology12(2), 289-305.